Leipziger Buchmesse : „Ihr Wort in Mimis Ohr!“

Frank Schulz ist der ungekrönte Skurrilitätenkönig der deutschen Literatur – irgendwo zwischen Arno Schmidt und Trash. Sein jüngster Streich: „Onno Viets und der Irre vom Kiez“. Ein Umkleidengespräch nach dem Tischtennis-Training.

Jan Jepsen
Ein Autor mit Gemeinde. Frank Schulz, geboren 1957. Foto: Hans Saalfeld/promo
Ein Autor mit Gemeinde. Frank Schulz, geboren 1957. Foto: Hans Saalfeld/promo

Mittwochabend. Umkleidekabine einer Schule in Hamburg-Eppendorf. Der Schriftsteller Frank Schulz sitzt da und tropft. Nein, keine Tinte, ehrlicher Schweiß. Neben ihm der Tischtennisschläger, eine leere Wasserflasche und sein Handtuch. Und jetzt noch verbales Pingpong? Wie? Wessen Schnapsidee das denn gewesen sei. Seine eigene? Na, dann.

Herr Schulz, wollen Sie erst mal duschen?
Danke, geht schon. Wenn es Sie nicht stört, ich dampfe noch ein bisschen ab. Fangen Sie ruhig an.

Der Privatdetektiv und Hartz-IV-Held in Ihrem neuen Buch spielt auch gern Tischtennis.

Das ist wahr, ja! Und ziemlich gut sogar. Besser als ich, falls Sie auf den autobiografischen Anteil in meinem Buch anspielen.

Nein, das fällt doch unter Betriebsgeheimnis. Vielleicht verraten Sie kurz, warum Sie nach Ausflügen in die Lyrik und hierzulande schwer verkäufliche Kurzgeschichten plötzlich in Krimis machen. Oder wie würden Sie das Genre Ihres Buches nennen?

Detektiv- oder Kriminalroman, Whodunit- oder Suspense-Thriller – es gibt ja die unterschiedlichsten Definitionen in dem Genre. Der Verlag mochte sich nicht festlegen, und ich hätte nur eine recht umständliche: eine Suspense-Thrillergroteske mit Anklängen an den Detektivroman.

Wie wär’s mit Crossover- oder Krypto-Krimi?

Gefällt mir ganz gut.

Man ahnt auch, weshalb! An einer Stelle in Ihrem Buch wird „Crossover“ mit „Erweitert den Auftrittsradius und somit die Kömkasse“ definiert. Darf man Ihnen ein gewisses kommerzielles Kalkül unterstellen?

Jawohl. Darf man.

Sonst nichts?

Doch. Außerdem möchte ich mich rehabilitieren. Mit 13, 14 wäre ich am liebsten den ganzen Tag mit Lupe herumgelaufen oder hätte Fußspuren mit Gips ausgegossen usw. Ich hab diese ganzen Rätselromane geliebt, von Enid Blytons „5 Freunde und die lilane Zuckerdose“ oder was bis hin zu Agatha Christies Logeleien. Dann lernten wir in der Schule, wie man Aufsätze schreibt – Stoffsammlung anfertigen etc. –, und seitdem war’s um mich geschehen.

Ein kleiner Schulz-Sherlock ...

Von mir aus. Könnte man so sagen. Krimis waren meine ersten Gehversuche in fiktiver Belletristik. Was für ein sinnliches Vergnügen! Zunächst der Gang zum Dorfkrämer, DIN-A5-Schreibblock aus schneeweißem Papier kaufen. Voller Vorfreude zurück ins Kinderzimmer. Dann Munition in den Pelikan, und ab ging die Post! Muttern freute sich, aber was da aufs Papier floss, waren keine lateinischen Lektionen, sondern Sätze wie „Gleich lautlosen Schatten huschten ein paar Gestalten durch die nächtlichen Straßen von London.“

Respekt, man spürt das junge Talent, die ganze Sprachgewalt.

Insbesondere die Erfindung von Figurennamen bereitete mir innigstes Vergnügen. Ein Kommissar Xander hieß mit Vornamen Konrad Richard Anton, damit ihn alle „Krax“ rufen konnten. Ein anderer Ronald Ranold. Der kurz vor seiner Ermordung dann plötzlich Roland Ralond hieß. Da ist Onno Viets ein Fortschritt, oder?

Vor allem ist Onno ein Palindrom und somit vor Verdrehern gefeit. Lassen Sie uns über diesen „Ermittler der Herzen“ reden. Ihren Hardboiled-Detective-meetsWeichei, nämlich Ihren Hartz-IV-Helden Viets …

Gewiss, verglichen mit Sam Marlowe ist mein Onno eher softboiled. Aber durchaus kein Weichei! Oder Haudrauf! Dafür ist er seinem eigenen Schicksal gegenüber härter gesotten als manch glücklicherer Zeitgenosse mit größeren Fähigkeiten und günstigeren Startbedingungen, geschweige dicken Erbschaften.

Der Mann ist bereits 53 Jahre, Halbostfriese, arbeitslos, verheiratet und verlässt eigentlich nur ungern die Eierschale seines Phlegmas, sprich sein Sitzheizkissen.

Das er mit maskuliner Zärtlichkeit beim Typennamen: „mein SHK 29“ nennt.

Seine grausame Geheimwaffe, wie man zunächst beim Lesen denkt. Onno Viets ist Sitzriese, verfügt über eine Art „Charisma für Arme“ sowie eine Dinosaurierblase (der „Helmut Kohl des Harnverhalts“). Zu seinen Schwächen allerdings gehört Alektorophobie …

Eine Phobie gegen Hühner, insbesondere -köpfe, insbesondere Hahnenköpfe. Diese Phobie greift aber auch auf andere Vögel über, z. B. Tauben und Amseln.

Was seine Frau allerdings nicht davon abhält, ihren Mann zärtlich „Uhu“ zu nennen, weil „Üfü so schwül klingt“.

Richtig. Üfü für „über fünfzig“, Uhu für „unter hundert“ … Ja. Da kann er abstrahieren.

Dieser Onno also bekommt von einem Sportsfreund, der Anwalt ist, einen Auftrag: Er soll für einen sehr gewissen Nick Dolan die Geliebte beschatten, ihres Zeichens Gewinnerin einer Porno-Castingshow. Man kann nur hoffen, dass Sie sich die Rechte an dieser Idee gesichert haben, wenn RTL oder der leibhaftige Dieter Bohlen bei Ihnen anruft.

Hab ich die nicht durch den Roman automatisch inne? Herrje, dann ab zum Patentamt.

Was Ihren plastisch-drastischen Stil betrifft, eine Art manischen Realismus, ist Ihnen zumindest das Patent schon mal sicher. Sie schreiben praktisch in 3-D. Und das neuerdings kombiniert mit dieser viel lukrativeren Kombination von Sex & Crime …

Lukrativer?! Na, Ihr Wort in Mimis Ohr! Aber vielen Dank für die Blumen.

Haben Sie eigentlich viel im Milieu, also auf dem Kiez recherchiert?

Nein. Ähnlich wie Onno hab ich in früheren Jahren dort gern mal die Nacht zum Tag gemacht, aber heute ist mir der Kiez suspekt. Ich habe einfach meine Erinnerungen an sporadische Begegnungen und Erfahrungen mit gewaltaffinen Typen quasi hochgerechnet und mit Lektüre von (Auto-)Biografien von Gewalttätern unterfüttert. Körperliche Gewalt hat obsessiven Charakter für mich.

Inwiefern?

Ich hasse sie, aber sie fasziniert mich auch. Für diesen Roman ist der Kiez allerdings eher eine Metapher für einen Ort, der die großstädtische Gewalt kanalisiert. Es ging mir nicht um zeitgenössischen Realismus. Überhaupt habe ich versucht, dem Roman teils kräftige, teils zarte groteske, schwarzromantische, dystopische Federstriche zu verpassen. Sozialkritik gehört zwar zu den vornehmsten Grundzügen eines Krimis, in meinem aber interessierten mich andere Aspekte mehr: der Atavismus, die Konstellation der Charaktere u. Ä.

Man meint auch eine gewisse Medienkritik zu erkennen. Der Chefjuror der Porno-Castingshow und Pop(p)titan Nick Dolan ist vom Original kaum zu unterscheiden. Das ist doch erschreckend zeitgenössisch und realistisch, Herr Schulz! Oder fällt Dieter Bohlen bei Ihnen eher in die Abteilung Atavismus bzw. Endzeit und dystopischer Federstrich?

Das Postulat bezog sich zwar auf den Kiez, auf dessen aktuelle Kräfteverhältnisse etc. Andererseits, ein Zeitgenosse, der sich selbst zu Lebzeiten zur Comicfigur stilisiert, ist für Szenarien eines in der Wolle gefärbten Realismus schwer vermittelbar. Eher für kafkaeske. Kafka-Figuren sind heute noch zeitgenössisch realistisch.

Wie? Bohlen ist kafkaesk?

Etwa nicht? Mit gewichstem Schnauzbart o. Ä. passt der 1a in die Staffage von „Amerika“. Im Übrigen hab ich durchaus versucht, meine Figur zumindest äußerlich vom Original zu unterscheiden: Sie ist Ham-, nicht Oldenburger, gelernter Bank-, nicht Musikverlagskaufmann, schwarzhaarig, nicht blond, verheiratet etc. Natürlich reichen die Schlüsselbegriffe „Poptitan“ und „Castingshow“ sowie ein gewisser Sprachduktus, um die beiden miteinander zu identifizieren. Was belegt, dass man um das Phänomen - so oder so – einfach nicht rumkommt.

Aus all seinen „Puschis“ haben Sie dann die zu observierende Zielperson mit dem sprechenden Künstlernamen Fiona Popo geklont. In die sich Onno fast ein wenig – übers Väterliche hinaus – verknallt.

Übers Väterliche hinaus – oder drunterweg. Oder auch mehr ins Onkelhafte. Schwer zu lokalisieren. Vielleicht ist da ein quasipädagogischer Eros am Wirken. Jedenfalls allemal Keuscheres, als was ein Poptitan sich so herauszunehmen pflegt. Wie der Icherzähler an anderer Stelle mit Bezug auf das Altherrentum formuliert: „Wir wärmten uns an unserem eigenen Augenlicht.“

Ihr „in der Wolle“ stellenweise recht grell gefärbter Realismus greift auch das Phänomen „Youtube“ als tragendes Element Ihrer Geschichte auf. Sie wird von vier Videoclips gerahmt, die vor grotesker Gewaltkomik strotzen und selbst Tarantinos „Pulp Fiction“ ins Kinderprogramm degradiert. Haben Sie da eigentlich einen Albdruck verarbeit oder ähnliche Drogen wie „Händchen“, Ihr Irrer vom Kiez, probiert?

Drogen bin ich seit zehn Jahren abhold. Sicher hat meine Obsession da eine Rolle gespielt. Ich finde aber, dass mein Gewaltaufkommen bei Weitem geringer ist als das bei Tarantino. Außerdem feiert der die ganze Bluterei für meinen Geschmack allzu chic ab. Ist, glaub ich, kein Zufall, dass der Camorramitgliedern als Stil-Ikone dient, Roberto Saviano zufolge. David Lynch und die Coen-Brüder sind mir da näher, weil sie stets vorrangig dem Tragisch-Grotesken daran die Ehre erweisen.

Es zeugt dabei von Ihrer Meisterschaft, selbst dem letzten Honk und Mutanten noch so viel Würde und Liebenswürdigkeit anzudichten, dass man vor Empathie trieft, obwohl der einen Knochen in der Nase plus implantierte Teufelshörnchen sowie gerade einen Schäferhund geköpft hat. Haben Sie sich nicht selbst beim Schreiben ständig gegruselt!?

Nö. Da bin ich ja Täter.

Könnten Sie sich solche Szenen verfilmt vorstellen? Wenn ja, von wem, und wie würde der Amokläufer besetzt?

Klar. Von irgendeinem guten Regisseur. Der Stoff wurde übrigens bereits optioniert. Den Kidnapper spielt dann – wenn es nach mir ginge – irgendein junger Schwarzenegger. Oder Wigald Boning.

Und Onno, der Angst vor Taubeneiern hat, es aber mit schweren Jungs zu tun bekommt? Ich unterstelle mal, dass Sie den sehr gut selber mimen könnten. Zumindest die Tischtennissequenzen.

Wie bitte? Eine Unverschämtheit, in meinem ästhetisch praktisch unangreifbaren Tischtennisspielstil Onno Vietsens Gehampel wiederzuerkennen!

Ach ja, stimmt, der gewinnt ja auch immer! Nichts für ungut, Herr Schulz.

Das Gespräch führte Jan Jepsen.

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