Leipziger Buchmesse : Mit einer rechten Frau leben

Rundgang am zweiten Messetag: Helmut Lethen stellt sein neues Buch "Die Staatsräte" über NS-Eliten vor - über seine schwierige Ehe reden mag er nicht.

Helmut Lethen
Helmut LethenFoto: Arno Burgi/dpa

Es ist an diesem zweiten, unangenehm windig-verschneiten Messetag gleich zu Beginn um zehn Uhr fast doppelt so voll wie tags zuvor, so scheint es jedenfalls. So ist es kein Wunder, dass auch vor dem Blauen Sofa in der großen Glashalle kein Platz mehr zu bekommen ist und die Menschen sich stehend drängeln. Ob sie wirklich alle wegen Helmut Lethen gekommen sind, um zu hören, was der Wiener Literaturwissenschaftler und Ideenhistoriker zu seinem neuen Buch „Die Staatsräte“ zu sagen hat, ein Buch über die Eliten im Nationalsozialismus im Allgemeinen und die „glourios four“, wie Lethen sie nennt, im Besonderen, über Gustaf Gründgens, Wilhelm Furtwängler, Carl Schmitt und Ferdinand Sauerbruch?
Man weiß das bei dem Andrang gerade vor den großen Lesebühnen nie so genau. Kommen, zappen, klicken, was mitnehmen, weitergehen – das ist oft die Devise des Publikums auf einer Veranstaltung wie der Leipziger Buchmesse. Vielleicht aber sind bei Lethens Buchvorstellung auch ein paar Interessierte dabei, die sich Aufschluss erhoffen über die Danksagung, die Lethen in „Die Staatsräte“ seiner Frau macht: „Auseinandersetzungen mit Caroline Sommerfeldt setzten das Buch unter Strom“.

Caroline Sommerfeldt veröffentlicht im rechten Anataios-Verlag

Lethens 36 Jahre jüngere Gattin schreibt für die rechte Zeitschrift „Sezession“, hat zusammen mit dem Identitären Martin Lichtmesz vergangenes Jahr das Buch „Mit Linken leben“ verfasst und nicht zuletzt auch in ihrem Sezession-Blog ihre „Dialoge mit H.“ veröffentlicht und damit aus dieser Ehe eine öffentliche Angelegenheit, ein Politikum gemacht. Nachlesen kann man die jetzt überdies in einem gerade beim rechten Anataios Verlag herausgekommenen Sammelband über „Nationalmasochismus“. Sommerfeld fragt da zum Beispiel: „Wie ist es dazu gekommen, dass ich anscheinend über intakte Substanzbegriffe verfüge, die mein Eigenes umfassen – und er kein bisschen?“ Oder sie berichtet, dass Lethen ihr auf einem Zettel fünf „Rahmenbedingungen“ zum Zusammenleben mit Rechten notiert habe, als eine Art Minimalkonsens, unter anderem: „Abweisung aller Möglichkeiten von ethnischen Säuberungen oder Strategien, die darauf hinauslaufen. Eindeutige Distanz zum Rassismus“.
Wie man am Donnerstagabend hie und da hören konnte, scheint Lethen durchaus ein Mitteilungs- und Erklärungsbedürfnis zu haben, was seine gewissermaßen politisch brisante Ehe anbetrifft, aber wohl doch nicht öffentlich, auf den Bühnen der Messe. So hört man von ihm kein Wort dazu auf dem Blauen Sofa, trotz seiner Danksagung, bloß Ausführungen zu den NS-Eliten und der gespenstischen Normalität, die es auch im Nationalsozialismus gegeben habe.
Das ist business as usual, so wie in Halle drei, wo es die drei rechten Verlagsstände ganz hinten in der Ecke gibt. Mehr Leute als an diesen Ständen sitzen und stehen vor den jeweiligen Lesebühnen, zum Beispiel vor der großen ARD-Bühne, auf der gerade Angelika Klüssendorf ihren Ehe-, Familien- und nicht zuletzt auch ein bisschen Frank-Schirrmacher-Roman „Jahre später“ vorstellt. Verblüffend: Der Name Schirrmacher fällt nicht, jenes Mannes und verstorbenen „FAZ“-Herausgebers, mit dem Klüssendorf jahrelang eine Beziehung hatte. Man kann sich in Eheangelegenheiten halt auch in Dezenz üben, Diskurs hin, Fiktion her.

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