Wieso Dieter Bohlen kafkaesk ist

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Leipziger Buchmesse : „Ihr Wort in Mimis Ohr!“
Jan Jepsen

Haben Sie eigentlich viel im Milieu, also auf dem Kiez recherchiert?

Nein. Ähnlich wie Onno hab ich in früheren Jahren dort gern mal die Nacht zum Tag gemacht, aber heute ist mir der Kiez suspekt. Ich habe einfach meine Erinnerungen an sporadische Begegnungen und Erfahrungen mit gewaltaffinen Typen quasi hochgerechnet und mit Lektüre von (Auto-)Biografien von Gewalttätern unterfüttert. Körperliche Gewalt hat obsessiven Charakter für mich.

Inwiefern?

Ich hasse sie, aber sie fasziniert mich auch. Für diesen Roman ist der Kiez allerdings eher eine Metapher für einen Ort, der die großstädtische Gewalt kanalisiert. Es ging mir nicht um zeitgenössischen Realismus. Überhaupt habe ich versucht, dem Roman teils kräftige, teils zarte groteske, schwarzromantische, dystopische Federstriche zu verpassen. Sozialkritik gehört zwar zu den vornehmsten Grundzügen eines Krimis, in meinem aber interessierten mich andere Aspekte mehr: der Atavismus, die Konstellation der Charaktere u. Ä.

Man meint auch eine gewisse Medienkritik zu erkennen. Der Chefjuror der Porno-Castingshow und Pop(p)titan Nick Dolan ist vom Original kaum zu unterscheiden. Das ist doch erschreckend zeitgenössisch und realistisch, Herr Schulz! Oder fällt Dieter Bohlen bei Ihnen eher in die Abteilung Atavismus bzw. Endzeit und dystopischer Federstrich?

Das Postulat bezog sich zwar auf den Kiez, auf dessen aktuelle Kräfteverhältnisse etc. Andererseits, ein Zeitgenosse, der sich selbst zu Lebzeiten zur Comicfigur stilisiert, ist für Szenarien eines in der Wolle gefärbten Realismus schwer vermittelbar. Eher für kafkaeske. Kafka-Figuren sind heute noch zeitgenössisch realistisch.

Wie? Bohlen ist kafkaesk?

Etwa nicht? Mit gewichstem Schnauzbart o. Ä. passt der 1a in die Staffage von „Amerika“. Im Übrigen hab ich durchaus versucht, meine Figur zumindest äußerlich vom Original zu unterscheiden: Sie ist Ham-, nicht Oldenburger, gelernter Bank-, nicht Musikverlagskaufmann, schwarzhaarig, nicht blond, verheiratet etc. Natürlich reichen die Schlüsselbegriffe „Poptitan“ und „Castingshow“ sowie ein gewisser Sprachduktus, um die beiden miteinander zu identifizieren. Was belegt, dass man um das Phänomen - so oder so – einfach nicht rumkommt.

Aus all seinen „Puschis“ haben Sie dann die zu observierende Zielperson mit dem sprechenden Künstlernamen Fiona Popo geklont. In die sich Onno fast ein wenig – übers Väterliche hinaus – verknallt.

Übers Väterliche hinaus – oder drunterweg. Oder auch mehr ins Onkelhafte. Schwer zu lokalisieren. Vielleicht ist da ein quasipädagogischer Eros am Wirken. Jedenfalls allemal Keuscheres, als was ein Poptitan sich so herauszunehmen pflegt. Wie der Icherzähler an anderer Stelle mit Bezug auf das Altherrentum formuliert: „Wir wärmten uns an unserem eigenen Augenlicht.“

Ihr „in der Wolle“ stellenweise recht grell gefärbter Realismus greift auch das Phänomen „Youtube“ als tragendes Element Ihrer Geschichte auf. Sie wird von vier Videoclips gerahmt, die vor grotesker Gewaltkomik strotzen und selbst Tarantinos „Pulp Fiction“ ins Kinderprogramm degradiert. Haben Sie da eigentlich einen Albdruck verarbeit oder ähnliche Drogen wie „Händchen“, Ihr Irrer vom Kiez, probiert?

Drogen bin ich seit zehn Jahren abhold. Sicher hat meine Obsession da eine Rolle gespielt. Ich finde aber, dass mein Gewaltaufkommen bei Weitem geringer ist als das bei Tarantino. Außerdem feiert der die ganze Bluterei für meinen Geschmack allzu chic ab. Ist, glaub ich, kein Zufall, dass der Camorramitgliedern als Stil-Ikone dient, Roberto Saviano zufolge. David Lynch und die Coen-Brüder sind mir da näher, weil sie stets vorrangig dem Tragisch-Grotesken daran die Ehre erweisen.

Es zeugt dabei von Ihrer Meisterschaft, selbst dem letzten Honk und Mutanten noch so viel Würde und Liebenswürdigkeit anzudichten, dass man vor Empathie trieft, obwohl der einen Knochen in der Nase plus implantierte Teufelshörnchen sowie gerade einen Schäferhund geköpft hat. Haben Sie sich nicht selbst beim Schreiben ständig gegruselt!?

Nö. Da bin ich ja Täter.

Könnten Sie sich solche Szenen verfilmt vorstellen? Wenn ja, von wem, und wie würde der Amokläufer besetzt?

Klar. Von irgendeinem guten Regisseur. Der Stoff wurde übrigens bereits optioniert. Den Kidnapper spielt dann – wenn es nach mir ginge – irgendein junger Schwarzenegger. Oder Wigald Boning.

Und Onno, der Angst vor Taubeneiern hat, es aber mit schweren Jungs zu tun bekommt? Ich unterstelle mal, dass Sie den sehr gut selber mimen könnten. Zumindest die Tischtennissequenzen.

Wie bitte? Eine Unverschämtheit, in meinem ästhetisch praktisch unangreifbaren Tischtennisspielstil Onno Vietsens Gehampel wiederzuerkennen!

Ach ja, stimmt, der gewinnt ja auch immer! Nichts für ungut, Herr Schulz.

Das Gespräch führte Jan Jepsen.

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