Lektüre-Empfehlung für Zuhause : 35 Jahre in der Isolation

Henri Masers de Latude verbrachte „Fünfunddreißig Jahre im Kerker“. Seine Memoiren von 1790 sind bemerkenswert – und lehren einige Überlebenstricks.

Porträt von Henri Masers de Latude.
Porträt von Henri Masers de Latude.Foto: Ken Welsh/imago

Bitterer kann keine Bilanz sein, kein Seufzer klingt verzweifelter. Ihm sei es nun einmal „vom Schicksal bestimmt, keinem Ungemach, das überhaupt im Bereich des Menschenmöglichen lag, auf meinem Leidenswege zu entgehen“. So erinnert sich Henri Masers de Latude in seinen Memoiren an das Jahr 1775. 

Damals war er bereits seit 26 Jahren inhaftiert, zunächst in der Bastille, dann in Vincennes, einem ehemaligen Jagdschloss östlich von Paris, das zu einem Hochsicherheitsgefängnis des Barockzeitalters ausgebaut worden war.

Nun ist ihm endlich die Freilassung versprochen worden. Allerdings hält es der Polizeiminister für nötig, dass der Sträfling sich „langsam und allmählich an die Luft der Freiheit gewöhnen“ solle. Deshalb landet Latude in Charenton, wo Mönche eine Irrenanstalt betreiben. 

Höhenflüge der Fantasie in einer Ausnahmesituation

Er wird unter strengsten Vorsichtsmaßnahmen in einer Zelle eingeschlossen, deren Fenster so stark vergittert ist, dass kaum Luft durchdringt. Fürchterlicher Lärm erschreckt ihn, „ein Geheul, als ob fünfzig Menschen lebendig geschunden würden“. Latude bleibt weitere neun Jahre ein Gefangener.

„Fünfunddreißig Jahre im Kerker“ heißt das Buch, das Henri Masers de Latude 1790 veröffentlichte, sechs Jahre, nachdem er endgültig seine Freiheit zurückerlangte. Zahlreiche Unterstützer, einige davon aus höchsten Kreisen, hatten sich für ihn eingesetzt. 

Latudes Buch ist ein bemerkenswerter Bericht darüber, was ein Mensch auszuhalten vermag – und zu welchen Höhenflügen die Fantasie selbst noch in der Ausnahmesituation beinahe totaler Isolierung imstande ist. Seine Zelle bezeichnet der Autor einmal als „Grabkammer“. 

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Dort, so hatten es seine Verfolger angeordnet, sollte er bleiben, bis man ihn vergessen habe. Dass man Menschen, die sich mit den Mächtigen anlegen, einfach auslöschen könne, ist eine Fantasie, die bereits in vor-totalitären Zeiten existierte.

Latudes „Fünfunddreißig Jahre“ gehört wie Xavier de Maistres „Reise durch mein Zimmer“ oder der „Graf von Monte Christo“ zu den literarischen Klassikern des Eingesperrtseins. Das Buch machte den Adligen während der Französischen Revolution zu einem Helden der Stunde. 

Latude geht hart ins Gericht mit dem Ancien Régime, beklagt Korruption und Misswirtschaft, attackiert die „damaligen Tyrannen“, zu denen er Figuren wie den Polizeiminister Sartine, Hofschranzen und Verwalter zählt. Den König nimmt er allerdings von seiner Kritik aus.

Radikal ist Latude nicht, er hat etwas von einem Spieler. Kabale hatten ihn in den Kerker gebracht. Er versuchte, sich bei Madame de Pompadour, der Mätresse Ludwigs XV., anzubiedern, indem er ihr ein Päckchen mit Gift zukommen ließ und sie vor einem angeblich geplanten Anschlag auf ihr Leben warnte. 

Ein fast noch spätpubertärer Streich, den die Frau, die als heimliche Herrscherin galt, wenig witzig fand. Vor Gericht wurde Latude nie gestellt. Aber auch als die Pompadour und Ludwig XV. längst gestorben waren, blieb er in Gefangenschaft.

Dreimal gelingt Latude die Flucht, so spektakulär, dass die Utensilien, die ihm dabei halfen, später Gefängnisbesuchern wie Souvenirs vorgeführt werden. Einmal schafft er es bis nach Amsterdam, doch die Häscher setzen alles daran, ihn wieder in ihre Finger zu bekommen. Klug verhält sich der Entlaufene nicht immer. Dem Polizeiminister schreibt er Briefe, auf Begnadigung hoffend.

„Fünfunddreißig Jahre im Kerker“ ist ein großartiger Abenteuerroman, in dem man auch lernen kann, wie man aus Brotresten Papier, aus Fischgräten eine Schreibfeder und aus dem eigenen Blut Tinte machen kann. 
Die deutsche Ausgabe ist nur noch antiquarisch zu haben. Das französische Original findet sich hier.


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