Fachleute verweisen auf gravierende Fehler

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Leo Trotzki : Hammer, Sichel, Eispickel
Hannes Schwenger

Es gibt aber auch keinen Grund dafür, dass der Suhrkamp Verlag die deutsche Ausgabe nun mit dieser Fanfare vorstellt, hatten vor drei Jahren beim Erscheinen des Buchs in England doch internationale Fachleute darauf hingewiesen, dass es gravierende Fehler enthält. Vor allem deutschen Lesern wären diese Fehler kaum entgangen. Etwa wenn Ferdinand Lassalle, der Antipode des Marxismus in der deutschen Arbeiterbewegung, bei Service als „Marxist“ vorgestellt wurde, Karl Kautsky zum Juden erklärt und Rosa Luxemburgs Leiche nicht im Landwehrkanal, sondern auf der Straße gefunden wurde. Sogar Berliner Straßenkämpfe hatte Service erfunden, die es so nie gegeben hat.

Die deutsche Ausgabe hat diese und andere Fehler stillschweigend korrigiert, nachdem internationale Historiker – nicht nur „Trotzkisten“ wie David North, der 2010 mit einer „Verteidigung Leo Trotzkis“ antwortete – das Buch zum Gegenstand eines Historikerstreits machten. 14 Historiker aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, unter ihnen der Nestor der deutschen Kommunismusforschung Hermann Weber, baten den Suhrkamp Verlag sogar, auf eine deutsche Ausgabe zu verzichten. Dass mit ihnen auch Helmut Dahmer als bekennender Trotzkist (und deutscher Trotzki-Herausgeber) den Appell unterzeichnete, roch allerdings nach Zensur. Weber dagegen legt seine Bedenken im Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2012 nachvollziehbar dar und konstatiert, Service habe „zu Recht heftigen Widerspruch“ erfahren.

Eine erste Zusammenfassung der Einwände las man schon 2010 in der Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung „Mittelweg 36“. Dort nahm Reiner Tosstorf die vermeintlich definitive Trotzki-Biografie des britischen Kollegen regelrecht auseinander. Sie sei zwar „routiniert geschrieben“, aber enthalte sachlich und methodisch „zahlreiche Fragwürdigkeiten“. Besonders der historische Kontext sei fehler- und lückenhaft dargestellt, Namen und Daten würden verwechselt, Trotzkis Theorie der „Permanenten Revolution“ nur gestreift, obwohl sie „zum zentralen Angriffsziel der stalinistischen Ideologen“ wurde. Geradezu verstörend fand Tosstorf die Art, „in der Service Trotzkis jüdische Herkunft und dessen allgemeine Haltung zur ,jüdischen Frage’ diskutiert“. Service nennt Trotzki einen strahlenden Kometen und den besten Redner der Russischen Revolution. Es geht ihm darum, das Charisma seines Protagonisten zu zerschmettern, doch dessen theoretisches Werk wird bloß gestreift.

Wen Suhrkamp nach dieser Vorgeschichte als Gutachter bestellte, um sich dann doch – nach zwei Jahren des Zögerns – für eine Veröffentlichung zu entscheiden, will der Verlag nicht preisgeben. Das ist schade, zumal sich weder der Autor zu einem neuen Vorwort noch der Verlag zu einem Nachwort für die deutsche Ausgabe entschließen konnten, um auf berechtigte und aus ihrer Sicht unberechtigte Einwände zu reagieren. So bleibt der Leser sich selbst und einem 600-Seiten-Opus überlassen, das nicht nur Trotzki, sondern auch den eigenen Anspruch auf Endgültigkeit entmythologisiert hat. Grund genug, weiter auf die definitive Trotzki-Biografie zu warten.

Robert Service: Trotzki. Eine Biografie, Suhrkamp, Berlin 2012, 730 S., 34,95 €.
Hermann Weber: Neues Interesse an alten Ideen von Häretikern? In: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2012, Aufbau Verlag Berlin 2012, 460 S., 38 €.

Reiner Tosstorf: Es gibt noch Leben in dem alten Kerl Trotzki. Zur Trotzki-Biografie von Robert Service. In: Zeitschrift „Mittelweg 36“ Nr. 1/2010, Hamburger Institut für Sozialforschung.

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