Liam Neeson in „The Commuter“ : Endstation Ruhestand

Der letzte Actionfilm mit Liam Neeson? In dem Thriller „The Commuter“ darf der 65-Jährige noch einmal eigenhändig einen Zug zum Entgleisen bringen.

Fremde im Zug. Die mysteriöse Joanna (Vera Farmiga) macht MacCauley (Liam Neeson) ein unmoralisches Angebot.
Fremde im Zug. Die mysteriöse Joanna (Vera Farmiga) macht MacCauley (Liam Neeson) ein unmoralisches Angebot.Foto: Studio Canal

Während das Angebot interessanter Filmrollen für Schauspielerinnen ab einem bestimmten Alter immer dünner wird, dürfen sich männliche Kollegen entspannt zurücklehnen. Wer auf dem Zenit seiner Karriere nicht die Veredelung zum Charakterdarsteller geschafft hat, dem bleibt immer noch das Rollenmodell des alternden Actionstars, notfalls sogar ohne das Augenzwinkern der„Expendables“-Filme. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, wenn Schauspielerinnen ab 40 keine Rollenangebote als Liebhaberin mehr bekommen, aber der 65-jährige Liam Neeson in „The Commuter“ eigenhändig einen Personenzug zum Entgleisen bringen darf. Keine Häme bitte, Neeson ist die unwahrscheinliche Spätkarriere als Star einer Reihe von Actionfilmen zu gönnen. Aber selbst ihm wurde jüngst mulmig beim Gedanken, als geriatrische Ein-Mann-Armee wider Willen – „zur falschen Zeit am falschen Ort“ – zu enden. Auf dem Festival in Toronto verkündete Neeson im September seinen Rückzug vom Actionkino.

Jaume Collet-Serras „The Commuter“, Neesons vierte Zusammenarbeit mit dem spanischen Regisseur, ist somit auch ein Schwanengesang auf das verblüffend langlebige Genre des Liam-Neeson-Actionfilms. Die Idee dazu entstand ursprünglich in Frankreich, in Luc Bessons Filmfabrik EuroCorp, die in hoher Stückzahl überwiegend solide Genreware mit hohem Adrenalinfaktor produziert; am bekanntesten ist die „Transporter“-Reihe mit Jason Statham. Der erfolgreichste Film allerdings war „96 Hours“ von 2008, der Neeson als Action-Darsteller etablierte und zwei Sequels nach sich zog.

Besson ist so etwas wie der europäische Roger Corman, ein B-Movie-Mogul, der sich mit seinen bescheidenen Produktionsmitteln in der Rolle des Hollywood-Herausforderers gefällt. Das kostenintensive Fantasy-Spektakel „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ floppte zuletzt allerdings sagenhaft. Bessons Stärken sind eindeutig mittelpreisiger Kintopp wie das Scarlett-Johansson-Vehikel „Lucy“.

Keine Rücksicht auf Logik oder den gesunden Menschenverstand

Collet-Serra gehört zu Bessons Hausregisseuren, ein Handwerker mit einer Vorliebe für „High Concept“-Filme. In „The Shallows“ (2016) kämpfte Blake Lively im knappen Bikini gegen einen weißen Hai. Auch „The Commuter“ basiert – wie schon sein erster Film mit Neeson, der Amnesie-Thriller „Unknown“ von 2011, und das Action-Kammerspiel „Non-Stop“ (2014) – auf einer simplen Prämisse, die der Regisseur und sein Autorenteam ohne Rücksicht auf Logik oder wenigstens den gesunden Menschenverstand mit irren Wendungen auf die Spitze treiben.

Neeson spielt den ehemaligen Polizisten Michael MacCauley, der seine Dienstmarke vor zehn Jahren gegen einen ruhigen Job als Versicherungsmakler eingetauscht hat und seitdem als Familienvater im Speckgürtel von New York eine ruhige Kugel schiebt. Die Routinen am Frühstückstisch und auf dem Weg ins Büro faltet Collet-Serra in einer verblüffend geschmeidigen Montagesequenz zusammen, die ein schönes Timing hat. Cutter Nicolas De Toth ist der Sohn des B-Movie-Veteranen André De Toth, Collet- Serra beweist Traditionsbewusstsein.

MacCauley reiht sich ein in den Tross der Pendler, mit ihm reisen vertraute Gesichter wie Jonathan Banks („Breaking Bad“) und Florence Pugh („Lady Macbeth“). Wie schon „Non-Stop“, der an Bord einer Passagiermaschine spielt, bezieht „The Commuter“ seinen Reiz aus dem Gegensatz von Geschwindigkeit und räumlicher Beschränkung. Auf der Heimfahrt wird MacCauley von einer mysteriösen Frau (Vera Farmiga) angesprochen, die dem finanziell arg gebeutelten Ex-Cop ein verlockendes Angebot macht: Bis zum Ende der Fahrt hat er Zeit, eine Person zu finden, die nicht zu den täglichen Pendlern gehört, im Gegenzug erhält er 100 000 Dollar. Die moralische Tragweite des Jobs – liefert MacCauley einen ihm unbekannten Menschen aus, um seine Schulden zu begleichen? – interessiert Collet- Serra dabei nur am Rande, weil die Auftraggeber sehr früh durchblicken lassen, wie ernst sie es meinen.

Menschliche Schicksal und moralische Fragen sind zweitrangig

In „The Commuter“ geht es ohnehin weniger darum, dem kantigen Nussknackergesicht Liam Neeson bei der Lösung eines schier unlösbaren Problems zuzusehen – im Wettlauf mit der (Echt-)Zeit. Vielmehr kann man einem gut geölten Genremechanismus beim Arbeiten zusehen. Wieder und wieder rennt Neeson durch den Zug, von vorne nach hinten und zurück, Fahrgäste werden zwischen den Waggons verschoben wie Schachfiguren. Kameramann Paul Cameron hat schon mit Michael Mann und Tony Scott gearbeitet, zwei ausgesprochenen Regie-Technokraten. Menschliche Schicksale und moralische Fragen sind auch in „The Commuter“ zweitrangig, jede Drehbuchidee läuft nur auf die nächste Wendung hinaus, die MacCauleys Handlungsspielraum weiter einschränkt. Bis er sich selbst in eine ausweglose Lage manövriert hat.

Cameron lässt Neeson mit seiner Handkamera agiler erscheinen, als der tatsächlich ist, es passt zur Figur des ausgebrannten Jedermanns im Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner. Superhelden gibt es im Kino wahrlich schon genug.

In 19 Berliner Kinos, OV: Cineplex Karli, Cinestar Sony Center, Colosseum

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