„Licht und Schatten“ von Zoran Drvenkar : Die Wurzeln des Bösen

In seinem neuen Jugendroman entdeckt Zoran Drvenkar die Mythologie und lässt ein Mädchen gegen die Dunkelheit kämpfen.

Ulrich Karger
In „Licht und Schatten“ schickt Drvenkar seine Leser nach Russland des 18. Jahrhunderts.
In „Licht und Schatten“ schickt Drvenkar seine Leser nach Russland des 18. Jahrhunderts.Cover: promo

Im eisigen Winter des Jahres 1704 liegt Yrma in einem kleinen sibirischen Dorf bereits seit 13 Tagen in den Wehen. Kurz nach der Geburt von Vida stirbt sie. Vidas Vater Solomon und Yrmas drei Schwestern in der Nachbarschaft ziehen das Mädchen liebevoll auf und bereiten sie auf die große Aufgabe vor, der Welt das Licht zurückzubringen.

Als Erstes lernt Vida, die Wahrheit zu finden und den Ruf der Toten zu hören. Die Tanten bringen ihr die Mudras, die Gesten der Verbannung bei und wie sie sich ohne Waffen verteidigen kann. Doch dann erscheint viel zu früh der „Architekt“ in Gestalt eines Raben und übermittelt Vida die eigene Zukunft – damit wird das sorgsam gehütete Geheimnis von Vidas Existenz auch dem Bösen bekannt. Ein mächtiger Dämon macht nun Jagd auf sie.

Der bereits vielfach ausgezeichnete Zoran Drvenkar hat mit „Licht und Schatten“ einen Jugendroman vorgelegt, der den Wurzeln des Bösen nachspürt sowie dem, was an Verständnis und Kampfgeist notwendig ist, um sich der Dunkelheit zu stellen und ein wenig mehr Licht in das Leben zu bringen.

Das Mädchen ist einem sofort sympathisch

Drvenkar ist ein Erzähler, der die russischen Weiten mit allen Sinnen erfahrbar zu machen vermag. Seine Vida hat einen starken, auch widerspenstigen Charakter. Das Mädchen ist einem sofort sympathisch. Und auch alle anderen Protagonisten inklusive der Nebenfiguren sind treffend gezeichnet, geben aber erst nach und nach ihre eigentlichen Rollen und Geheimnisse preis.

Dabei zeigt sich das Böse in Gestalten, die buchstäblich der „Hölle“ von Hieronymus Bosch entsprungen sein könnten. Die erzählerische Kraft des Autors reißt einen also regelrecht mit – obwohl die ganze Geschichte auf einem mythologischen Fundament steht, das zwar originell, aber in sich nicht durchgehend schlüssig ist.

Drvenkar präsentiert ein Russland des 18. Jahrhunderts, in dem auch eine Nachfahrin Peter des Großen eine entscheidende Rolle spielt. Doch er konfrontiert es mit einer mythologischen Gegenwelt und ihren Versatzstücken wie Mudras, Chakren und Reinkarnationen aus Hinduismus und Buddhismus. So geschickt vermischt der Autor die Szenarien, dass man beim Lesen erst einmal nicht stutzig wird.

Vidas Kampf beruht auf einer papierenen Behauptung

Den Kern seiner sich allmählich entschlüsselnden Legende bilden 23 „Mütter“, die vor Millionen Jahren als in gleicher Anzahl von Spektralfarben gebündelter Lichtstrahl auf die Erde trafen, um den Planeten Erde lebensfähig zu machen.

Erst mit dem Aufkommen der Menschen nahmen sie die Gestalt der lehrenden Mütter an. Dass sich dann eine von ihnen trennt, weil sie eifersüchtig auf die Liebe Yrmas zu einem Menschen ist und deshalb wie der von Gott abgefallene Luzifer zum furchtbesetzten „Bösen“ wird, kann aber auch Drvenkar nicht überzeugend begründen. So beruht Vidas Kampf gegen das Böse auf einer papierenen Behauptung. Doch ihrer Widersacherin weiß die Heldin bis zum spannungsgeladenen Ende immerhin noch ein Schnippchen zu schlagen.

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