Kultur : Lichtsäume

Floris Neusüss stellt in der Grisebach Gallery aus

Martina Jammers

Seine Schattenwesen wirken wie aus einer anderen Welt: Auf einem zwei Mal zwei Meter großen Bild balanciert eine grazile Frau ihr Fahrrad, während sie mit einem dritten Arm nach hinten greift, um eine andere weibliche Figur an sich zu ziehen. Beider Körper sind, so paradox das klingt, transparente Schatten, durchwirkt von feinen Geweben.

Floris Neusüss hat diese Arbeit bereits 1964 ersonnen und belichtet. Er ist der unangefochtene Meister des Fotogramms, dieser magischen Technik, welche im Verzicht auf die Kameralinse die Bauhäusler, Man Ray und besonders Christian Schad entwickelt haben. Zarte Blüten, Filethäkeleien oder Metallrädchen legten sie auf lichtempfindliches Papier und fixierten ihre Schatten durch Belichtung. Die so entstandenen Resultate sind wahrhafte Schattenrisse, wirken poetisch verfremdet, entmaterialisiert. Neusüss erweitert die Möglichkeiten dieser Technik, indem er menschliche Körper in Bewegung als Sujet einführt.

Seit über 40 Jahren experimentiert er mit dem Verfahren des Fotogramms, hat es perfektioniert und sich dennoch die spielerische Leichtigkeit bewahrt. Zum 70. Geburtstag des Fotokünstlers ohne Kamera hat der Neusüss-Kenner Christian Diener in der Galerie Grisebach eine Retrospektive eingerichtet. Vom tiefsten Schwarz bis zur gleißenden Helle umspielt Neusüss’ Lichtkunst die vexierhaften Leiber. Subtil lotet er den flüchtigen Moment zwischen Erscheinen und Verschwinden aus. Der Betrachter erahnt die Motive allenfalls - so wie das somnambule Feenwesen in einem Fotogramm von 1962, das einem Meer aus luziden Tüllstrukturen und Kastanienblättern entgegenstrebt (25 000 Euro).

Verstärkt sucht Neusüss in den letzten Jahren Museen auf, leuchtet hier vor allem antike und klassizistische Skulpturen subtil aus. Rauchs Büste seiner Gemahlin aus der Alten Nationalgalerie erscheint wie kunstvoll geröntgt, die „Ägyptische Katze“ aus den Staatlichen Museen beseelt er durch einen Lichtsaum. Vollendete Verwirrung stiftet er mit seiner Hebe aus der Alten Nationalgalerie: Die Canova nachempfundene Skulptur erscheint einmal als helle Silhouette, dann symmetrisch gespiegelt vom dunklen Gegenstück. Was ist nun der Schatten? Wer hat ihn geworfen?

Villa Grisebach Gallery, Fasanenstraße 25, bis 24. März; Dienstag bis Sonnabend 10–18 Uhr.

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