Liebesroman von Josefine Klougart : Ein Durst, dem der Hals fehlt

Die dänische Schriftstellerin Josefine Klougart spürt in ihrem Roman „Einer von uns schläft“ den Verletzungen einer unglücklichen Liebe nach.

Zwischen der Wirklichkeit und dem Erschaffenen. Josefine Klougart.
Zwischen der Wirklichkeit und dem Erschaffenen. Josefine Klougart.Foto: Joachim Ladefoged/josefineklougart.com

"Als er sie verließ, war Winter“: So lapidar beginnt ein Kapitel mit dem Titel „Das Begräbnis“. Acht Jahre lang befand sich die namenlose Ich-Erzählerin von Josefine Klougarts Roman „Einer von uns schläft“ in schmerzhafter Abhängigkeit von einem Mann, dessen Namen wir erst auf der letzten Seite erfahren. Die junge Frau kehrt zurück in ihr Elternhaus auf der dänischen Insel Mols, zu ihrer krebskranken Mutter. Aus dem Fenster blickt sie auf die Eislandschaft, die gepflügten Felder und auf den Apfelbaum ihrer Kindheit: „Eine Landschaft mit einem Spitzenbesatz aus Reif.“ Wie eine „Feuerlöschdecke“ legt sie sich über die Verlassene, die „bloß versucht, irgendwo zu wohnen, zurückzufinden.“

Mit „Die Landschaft“ sind die meisten Kapitel dieses ungewöhnlichen, die Banalität des Trennungsereignisses widerlegenden Romans überschrieben. Wie lange dauert es, bis die Wunde einer unglücklichen Liebe verheilt? Wie viele Jahreszeiten? So wie die Äpfel am Baum sich nicht „mit dem Tempo abfinden wollen, das ihnen diktiert wird“ und hängen bleiben, stemmt sich die Erzählerin gegen die Vergänglichkeit ihrer Liebe. Sie beschwört Erinnerungen und Enttäuschungen: „Ein Durst, dem ein Hals fehlt und der wie ein streunender Hund hinter uns her ist.“

Wunsch nach Ganzheit

Die 34-jährige, in Agri auf Mols aufgewachsene Autorin durchmisst eine Seelenlandschaft. In Dänemark und in der Schweiz, wo Josefine Klougart 2017 eine Gastprofessur innehatte, wird sie bereits als Ausnahmeautorin gefeiert. Hierzulande gilt es, ihr Werk – Klougarts letzter, noch unübersetzter Roman „New Forest“ (2016) umfasst fast 700 Seiten – noch zu entdecken. Die eminent lyrische Prosa erinnert an Anne Carson und Virginia Woolf. In „Einer von uns schläft“ wechselt die Erzählperspektive zwischen erster und dritter Person, die zeitlichen Ebenen sind nicht immer fassbar, so wie die Figuren sich ihrer Identität entziehen.

Dabei wird das Schreiben selbst zu einem Balanceakt zwischen dem, was ist, und dem, was neu ersteht: „Ich hinterlasse nichts unberührt“, sagt sich die Erzählerin, „und gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass zwischen der Wirklichkeit und dem Erschaffenen irgendetwas entsteht, etwas, das nicht geschichtslos, aber doch neugeboren ist.“ Auf diese Art nähert sie sich dem „verstorbenen Mann“, wie sie ihn für sich nennt, aber auch der Familie, die ihr wie die Landschaft zunehmend fremd wird.

Auch mit dem „neuen Mann“, der zerrissen ist zwischen Ex-Frau, neuer Freundin und ihr, findet sie keine Erlösung, der Wunsch, „irgendwo ein ganzer Mensch zu sein“ erfüllt sich nicht, die gegenseitige Anziehung ist nur in „geliehener Zeit“ realisierbar.

Begegnung der Schönen Künste

In diesen beiden unterschiedlichen, aber nicht immer unterscheidbaren Männer-Figuren scheint das Verfahren durch, eine Form von poetischer Überblendung: „das Bild, das entsteht, wenn man die beiden Dinge aufeinanderlegt“, Gesichter, durchzogen von einer „Zeit, die nicht will“. Schreiben sei nichts anderes als der Wunsch, zu sehen und zu sagen, was ist und Lesen die Begegnung mit einem anderen Selbst: So etwa hat Klougart versucht, den Berner Studierenden ihr Literaturverständnis näherzubringen. Dass sich hier eine Autorin zu Wort meldet, die nicht nur an der Literatur, sondern auch an der Musik und Kunst geschult ist, ist unübersehbar. Klougart malt und macht Musik, realisiert Kunstprojekte und arbeitete unter anderem mit dem isländisch-dänischen Künstler Olafur Eliasson zusammen.

Diese Erfahrungen verdichten sich bei Josefine Klougart in einem Sprachrhythmus und einer Bildsprache, die mit der Natur auch den Körper aufruft. So etwa, wenn die Protagonistin morgens im blauen Licht ihre nackten Füße auf den Boden setzt und sich des Angelernten bewusst wird: „Die hohen Sandalen unter mir fehlen, meine Fußsohlen sind im Boden eingelegt.“

Die Lektüre entfaltet einen faszinierenden Sog

Als Vertreterin des „Nature Writing“ geht es Klougart um das Verhältnis von Mensch und Natur, um den Übergang und das Verhältnis zur Zeit. „Du wartest darauf, dass es anders wird. Du wartest darauf, dass der Übergang bald geschafft ist, wo du lernst zu wohnen.“ Sie folgt den Jahreszeiten und den sozialen Abläufen, der See ist zugefroren und „der Sommer versiegelt, Briefe werden mit rotem Lack versiegelt ... und eh man entdeckt, dass der Sommer vorbei ist, und was geschehen ist, und wo bist du hin.“

Am Ende erkennt die junge Frau in einer paradoxen Überlegung, dass „die Bewegungen rückwärts zählen, nicht vorwärts, dass man hier schleunigst weg muss“, um ein Zuhause, „eine Heimlosigkeit zu erfinden“. Josefine Klougart lotet wie kaum eine Autorin ihrer Generation diese Räume aus. Durch die hervorragende Übersetzung von Peter Urban-Halle wird uns der faszinierende Sog dieser Lektüre nun endlich zugänglich gemacht.

Josefine Klougart: Einer von uns schläft. Roman. Aus dem Dänischen von Peter Urban-Halle. Matthes & Seitz, Berlin 2019. 222 Seiten, 20 €.

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