Lina Wertmüller zum 90. : Alles ist erlaubt

Hauptsache schrill: Die italienische Filmregisseurin Lina Wertmüller feiert 90. Geburtstag.

Ein bisschen Dekor muss sein. Regisseurin Lina Wertmüller.
Ein bisschen Dekor muss sein. Regisseurin Lina Wertmüller.Foto: imago/Granata Images

Ohne ihr Markenzeichen, die weißgerahmte Brille, ist Lina Wertmüller nicht zu denken. Die italienische Filmemacherin, die am Dienstag ihren 90. Geburtstag feiert, stach schon immer aus der Menge hervor. Das war auch nötig, denn in den siebziger Jahren, ihrer Hochzeit, war das europäische Autorenkino ein einziger „Boys Club“. Wertmüller mischt den elitären Kreis mit einer Reihe von Filmen auf, die keine Gefangenen machen: Gesellschaftskomödien an Rande der Groteske, ein schrilles Theater der Grausamkeiten, Provinzpossen und Großstadtdramen, Freakshows, die die Nähe zur burlesken Commedia dell’arte suchen.

Wertmüller, die ihre Drehbücher selbst schreibt, hat sich trotz ihrer Herkunft – Arcangela Felice Assunta Wertmüller von Elgg lautet ihr Geburtsname – immer solidarisch mit den einfachen Leuten gezeigt. Ihre Filme borden über vor Lebensfreude, es wird viel geschrien und gevögelt, die Titel passen kaum aufs Plakat. Meist müssen sie für den internationalen Markt gestutzt werden, in die deutschen Kinos gelangt nur einer in seiner vollen Pracht.

In „Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August“ von 1974 steckt auch schon die Quintessenz von Wertmüllers Schaffen: Sex und Erniedrigung, Klassenkampf, der reiche Norden gegen den plebejischen Süden. Die italienischen Siebziger in einer Nussschale, vor strahlend blauer Mittelmeerkulisse. Und mittendrin in diesem Zwei-Personen-Stück ihre beiden Lieblingsdarsteller, deren Gesichter untrennbar mit Wertmüllers Klassikern verknüpft sind: Giancarlo Giannini verkörpert in fast allen ihren Filmen den Typus des südländischen Machos, Mariangela Melato mit ihren marmorhaften Zügen führt Wertmüllers Kino eine entropische Energie zu. Er spielt in „Hingerissen“ einen kommunistischen Leichtmatrosen, sie eine schnöselige Industrielle, die bei einer Kreuzfahrt von ihrer Reisegruppe getrennt werden und auf einer einsamen Insel stranden.

In der Isolation verkehren sich die Herrschaftsverhältnisse: Der Mann macht sich die „Ausbeuterin des Volkes“ gefügig, mit psychologischer und physischer Gewalt. Wertmüller hat für ihren Film Kritik von Feministinnen einstecken müssen, das war aber nichts gegen die Häme, die Madonna 2003 für ihr Remake erfuhr.

Sexuelle Unterwerfung unter die deutsche Aufseherin

Wertmüller hat sich nie sonderlich um die Meinung anderer gekümmert und ist gut damit gefahren. Ihr anderer „Skandalfilm“ beschert ihr 1977 eine Oscar-Nominierung, die – man hat es heute fast vergessen – erste überhaupt für eine Regisseurin. „Sieben Schönheiten“ ist eine Farce um einen kleinkriminellen Provinzdandy, der zur Zeit Mussolinis einen Mord begeht, um die Ehre seiner Schwester zu verteidigen, sich in eine psychiatrische Anstalt einweisen lässt, im Krieg bei der Armee anheuert und schließlich in einem Konzentrationslager landet, wo er sich der deutschen Aufseherin sexuell unterwirft. Heute würde wohl niemand mehr wagen, einen Film wie „Sieben Schönheiten“ zu drehen, aber Wertmüller entgegnete damals trocken: „Wenn in der Liebe und im Krieg alles erlaubt ist, ist auch im Kino alles erlaubt.“

Heute wird eine unerschrockene Regisseurin wie Lina Wertmüller schwer vermisst. In den siebziger Jahren gehörte sie ins Pantheon des europäischen Autorenkinos, inzwischen sind ihre Filme kaum noch zu sehen. Nur ihre klingenden Titel haben in der Erinnerung überlebt: „Mimi, in seiner Ehre gekränkt“, „Operation gelungen – Patient tot“, „Liebe und Anarchie“ – letzterer auch eine treffende Beschreibung ihres Gesamtwerks. Lina Wertmüller, die schon ihren Ehemann und Partner, den Bühnenbilder Enrico Job überlebt hat, hat sich längst vom Kino zurückgezogen, ihre „Carmen“-Inszenierung gehört jedoch weiterhin zum Repertoire der Bayrischen Staatsoper. Streitbar ist sie mit 90 Jahren noch immer: Sie hat sich mit Quentin Tarantino angelegt und Catherine Deneuve für ihren Protest gegen „MeToo“ kritisiert. Lina Wertmüller sagt heute über sich selbst, dass sie in ihrem Leben nie etwas bereut hat.

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