Litauens Fotoszene : Feine Spuren im Sand

Die Natur kennt keine Muster: der litauische Künstler Kazimieras Mizgiris zeigt, was Wind und Wasser aus Sand zaubern.

Sandformationen, fotografiert von Kazimieras Mizgiris.
Sandformationen, fotografiert von Kazimieras Mizgiris.Foto: Kazimieras Mizgiris

Kann die Natur der menschlichen Einbildungskraft schmeicheln? Kann sie Formen hervorbringen, die nur für einen kurzen Spaß taugen? Das glaubt der litauische Fotograf Kazimieras Mizgiris, wenn er sich Morgen für Morgen von seinem Wohnort Nidda auf der litauischen Seite der Kurischen Nehrung zu den Sanddünen auf den Weg macht.

Wie das Meer ist auch der Sand dauernd in Bewegung, wusste schon Alfred Ehrhardt, der Mitte der 1930er Jahre in der „Baltischen Sahara“ eine seiner schönsten Serien schuf.

Aber wo der Bauhaus-Gefährte nie die Weite der Landschaft aus dem Blick verlor, wenn er die von Wind und Wasser geformten Strömungsbilder festhielt, forscht der litauische Spurensucher nach eigentümlichen Gebilden im Sand.

Die breite Auswahl seiner Arbeiten in der Alfred-Ehrhardt-Stiftung lädt nun zu dieser Entdeckungsreise in die flüchtigen Kleinformate des von Wind und Wasser geformten Sandes und konfrontiert sie mit Vintageprints des am Dessauer Bauhaus geschulten Vorgängers und Vorbildes.

Kazimieras Mizgiris ist ein Star der litauischen Fotoszene

Die Natur kennt keine Muster, aber der Mensch kann sie, Fantasie vorausgesetzt, ihren zufälligen Werken unterlegen. Mizgiris, der zu den führenden Fotografen der bei uns vor allem durch Atanas Sutkus repräsentierten Fotoszene Litauens gehört, muss sich oft hingekniet haben, um eine kleine Sandfigur aus der Nähe aufzunehmen.

Aber könnten da nicht zuweilen, fragt sich der skeptische Betrachter, formende Kinderhände mit im Spiel gewesen sein? Zum Beispiel bei dieser etwa 40 Zentimeter hoch in die Luft aufragenden superschmalen Stele, die höchstens ein paar Stunden dem Zerren des Windes trotzen wird?

Nein, entgegnet heftig der geduldige Dünenwanderer und erklärt die Entstehung des wohl wenig später wieder in Tausende Sandkörner zerstobenen Naturkunstwerks aus einem Zusammenspiel von tauendem Eis, Sand und Sonne. Man möchte dabei stehen bleiben, um diesem Vorgang wie einem Schauspiel zuzuschauen.

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Man möchte zusehen, wie alles wieder einstürzt

Die schwarz-weißen Aufnahmen sind alle analog entstanden. Leider, muss in diesem Fall hinzugefügt werden, denn wegen eines Wasserschadens in Mizgiris’ Atelier sind viele seiner Negative unbrauchbar geworden, von den hier ausgestellten Arbeiten alle. Geblieben sind die unverkäuflichen Unikate, die aber der Kehrer Verlag in dem vorzüglich gestalteten Bildband „Kazimieras Mizgiris. Wind + Sand. Kurische Nehrung“ versammelt.

Doch den Blick weiten nun einmal Ehrhardts Arbeiten im anderen Teil der schönen Ausstellung. Statt am seltsamen Detail stehen zu bleiben, bezieht er die Umgebung, Sanddünen, das Meer und manchmal einen Menschen mit ein, dessen Umrisse sich in der Ferne auf einer vorgeschobenen Sandbank klein gegen den Horizont abheben.

[Alfred-Ehrhardt-Stiftung, Auguststr. 75; bis 22. 12., Di–So 11–18 Uhr, Do 11–21 Uhr]

Auf die Landschaft machen auch die Arbeiten des litauischen Fotografen neugierig. Mizgiris ist jedoch eher ein Sammler, der visuelle Fundstücke aufhebt, als wären sie Bernstein. Ehrhardt dagegen wollte eine Landschaft erkunden, deren Fließen in ein immerwährendes Staunen versetzt.

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