• Literarisches Colloquium: 30 Jahre Mauerfall: Schriftsteller schauen auf das Leben in geteilten Städten

Isabel Fargo Cole: Westen gucken (Berlin)

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Literarisches Colloquium : 30 Jahre Mauerfall: Schriftsteller schauen auf das Leben in geteilten Städten
Isabel Fargo Cole Senka Maric Isabel Fargo Cole
Berlin, Pankow. Der S-Bahnhof Wollankstraße ist verstrickt in Ambivalenzen.
Berlin, Pankow. Der S-Bahnhof Wollankstraße ist verstrickt in Ambivalenzen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Isabel Fargo Cole: Westen gucken (Berlin)

Seit 2001 lebe ich in Berlin-Pankow, einen kurzen Fußweg von der ehemaligen Berliner Mauer entfernt. Das ist mein Weg zur S-Bahn: Ich biege von meiner Querstraße in die Wollankstraße, laufe 500 Meter Richtung Westen (Philatelie – Uhrenladen – Billigcocktails – Trattoria – Blumenladen – Suppenküche), am Gestrüpp vorbei, wo die Trinker gerne sitzen, unter der Bahntrasse hindurch, nach rechts ins Bahnhofgebäude und die Treppe hinauf zum Bahnsteig. Fahre ich in die Stadt, warte ich auf der Westseite des Bahnsteigs auf die S-Bahn, vor mir Ziersäulen aus gelb-rotem Ziegelstein im Spalier, dahinter die unteren Äste der Linden, die groß und schlank von der Nordbahnstraße emporwachsen, auf der anderen Straßenseite Mietskasernen des Stadtteils Gesundbrunnen.

Auf dem Nachhauseweg steige ich an der Ostseite des Bahnsteigs aus. Hier wächst neben der S-Bahn an der Fernbahntrasse eine dichte Reihe Ahorne und Birken, die die Häuser im Osten verbergen. Die Bäume müssen ziemlich genau 30 Jahre alt sein. Damals blickte man von hier auf den Grenzstreifen hinab, eine kahle Fläche, hinter ihr verdeckte eine weiße Betonmauer das unterste Stockwerk der Häuser in der Pankower Schulzestraße. Ich steige die Treppe hinab, biege links und gleich wieder links ab, laufe unter der S-Bahn hindurch. Damals war dieser Durchgang zugemauert.

Der Bahnhof Wollankstraße ist in Ambivalenzen verstrickt

Die so brutal eindeutige Grenze hat den Bahnhof Wollankstraße in Ambivalenzen verstrickt. Das Ziehen einer Grenze durchschlägt gordische Knoten – und knüpft dabei neue. Das gesamte Berliner S-Bahn-Netz wurde noch in der geteilten Stadt von der ostdeutschen Reichsbahndirektion betrieben. Nach dem Mauerbau 1961 war die Reichsbahn weiterhin für die S-Bahn zuständig, also auch für die Nord-Süd-Bahn, die zwischen den nördlichen und den südlichen Vororten West-Berlins fuhr und dabei – zwischen Wollankstraße und Anhalter Bahnhof – Ost-Berliner Stadtgebiet durchquerte.

Die meisten Bahnhöfe auf dieser Ost-Berliner Zwischenstrecke wurden stillgelegt und streng bewacht. Durch diese „Geisterbahnhöfe“ fuhren die Züge ohne anzuhalten. Der Bahnhof Wollankstraße stellte die einzige Ausnahme dar. Er gehörte zwar auch zum Ost-Berliner Stadtgebiet – seine Westseite bildete die Staatsgrenze –, doch hier wurde eine Sonderregelung verhandelt: Er wurde weiterhin betrieben, aber seine östlichen Zugänge wurden versperrt.

Ein Bahnhof also, der zu Ost-Berlin gehörte, dessen Personal aus dem Osten kam, an dem jedoch nur Westfahrgäste ein- und aussteigen konnten. Nach 1984, als die West-Berliner BVG den Betrieb des westlichen S-Bahn-Netzes übernahm, unterstand der Bahnhof Wollankstraße weiterhin der Ost-Berliner Reichsbahndirektion.

Der Körper der Spinne ist eine Flugbombe

Vor Jahren stieß ich auf ein Ost-Berliner Pamphlet von 1962: „Tatsachen über West-Berlin“. Auf dem Cover verblasst das Berliner Straßennetz unter einem Spinnennetz; die Wörter Menschenhandel – Spionage – Revanchismus – Diversion bilden dessen Fäden. Der Körper der Spinne ist eine Flugbombe, die auf die Stadt zielt. Auf Seite 58-59 las ich, dass im Frühjahr 1962 ein „Stollensystem“ unter dem Bahnhof entdeckt worden war, eine von West-Berlinern angelegte „Agentenschleuse“. Heutige Berichte sprechen von einem Fluchttunnel, den Studenten der West-Berliner Technischen Universität anlegen wollten, um Ost-Berliner Freunde und Verwandte in den Westen zu holen.

Die Kontaktperson im Osten war ein Herr K. in der Schulzestraße, Vater einer der Fluchthelfer. Die Gruppe grub von Westen aus unter dem Bahnhof hindurch und versteckte den Aushub in den vermauerten S-Bahn-Bögen. Der Tunnel wurde entdeckt, als er einen Teil des Bahnsteigs zum Einsturz brachte. Der Zwischenfall wurde im Osten wie im Westen propagandistisch ausgeschlachtet.

Wenige Jahre später erstellten die DDR-Grenztruppen für ihren internen Gebrauch eine fotografische Dokumentation der gesamten Berliner Mauer von der Ostseite aus. So entstand ein Bild, das mir zugleich vertraut und fremd ist. Es zeigt die letzte Kreuzung vor der S-Bahn: Links geht die Brehmestraße ab, das Eckhaus ist zu sehen, heruntergelassene Rollläden, wo heute der Pir Getränkemarkt ist. Rechts zeigt ein Einbahnstraßenschild Richtung Schulzestraße, die nicht zu sehen ist, nur den hinteren Teil des Eckhauses kann man erkennen.

Dunkelheit füllt den Raum zwischen Pfeilern und Trägern

Im vorderen Teil ist jetzt das kleine Café Tschumali. In der Bildmitte, in den Hintergrund gerückt, sieht man die versperrte S-Bahn-Brücke: Hinter einer etwa mannshohen Mauer aus eher schlampig gelegten Betonblöcken füllt eine undefinierbare Dunkelheit den Raum zwischen Pfeilern und Trägern, als wäre er bis oben hin mit Beton ausgegossen worden. Oder sind es nur Schatten?

Sehr deutlich dagegen der Schlagbaum im Vordergrund, der schon an der Kreuzung die Wollankstraße versperrt, das Rot-Weiß liest das Auge aus den Grautönen heraus. Rechts davon ein Postenhäuschen. Beiderseits der Barriere stehen Pfosten scheinbar sinnlos in der Gegend herum – bis man näher hinschaut und sie als Stützen eines Maschendrahtzauns erkennt, der die westliche Seite der Kreuzung absperrt. Pfosten, Posten, genauso reglos, aber lässig, steht er vor seinem Häuschen. Neben ihm ein kleines Kind mit einem Roller.

Das Bild strahlt für mich eine unheimliche Stille und Spannung aus. Allein deshalb, weil ich die S-Bahn-Brücke im Alltag immer wieder aus fast demselben Blickwinkel sehe – aber eben nur fast. Um genau diese Frontalperspektive einzunehmen, müsste ich mitten auf der Kreuzung stehen, die heute stark befahren ist. Zwar bleibe ich immer wieder auf der Verkehrsinsel stehen, die sich dort befindet, wo einst der Schlagbaum stand, aber das sind immer gehetzte Momente, ich bin gerade über eine Fahrspur geflitzt, spähe nach Westen, dann nach Osten. Aber nur nach dem Verkehr, denn hier steht keine Ampel und die LKWs brettern durch.

Fluchtlinien der Bordsteinkanten und Straßenbahngleise

Auf dem Foto ist die Kreuzung befriedet und befriedigt zunächst das Auge. Einmal richtig hinschauen dürfen. Aber wenn man richtig hinschaut, verfällt man einem Sog. Denn aus dieser Frontalperspektive, die nur in jenem Moment der Stilllegung einzunehmen war und nur von jemandem, der im offiziellen Auftrag stillstehen und hinschauen durfte, fallen die Fluchtlinien der Bordsteinkanten und Straßenbahngleise auf, die auf die Brücke konvergieren. Perspektivisch stark verkürzt, jagen sie auf einen Fluchtpunkt zu, der in den Westen geflüchtet ist, sich hinter der undurchsichtigen Sperre verflüchtigt hat. Vanishing point heißt der Fluchtpunkt auf Englisch. Hier ist er tatsächlich verschwunden.

Der Pfeil des Einbahnstraßenschildes scheint nicht nur den Autoverkehr umzuleiten, sondern unbeholfen von den Fluchtlinien abzulenken, indem er über den Bildrand hinaus und leicht in die Höhe zeigt. Unter dem Schild steht das Kind, einen Arm um dessen Pfahl geschlungen, der Roller steht davor. Neben ihm lehnt sich der Grenzposten an sein Häuschen. Es ist, als gehörten sie zusammen. Haben sie sich angefreundet? Zutraulich und verträumt schaut das Kind in die Kamera, bemerkt den Pfeil nicht, der über seinem Kopf schwebt, die Fluchtlinien auch nicht.

Ein Bekannter von mir, der in Pankow aufwuchs, erzählte mir, dass er als Kind einen Freund in der Brehmestraße hatte, und zwar in einem der Häuser auf der westlichen Straßenseite, deren hintere Fenster nach der Grenze hinausgingen. Dort, jenseits des Drahtzauns, der die Straße der Länge nach teilte, war Sperrgebiet. Die Bewohner hatten einen besonderen Stempel im Ausweis, Besucher brauchten einen Passierschein, den sie dem Posten am Schlagbaum vorzeigen mussten. Kinder unter vierzehn Jahren aber durften ohne Passierschein auf die andere Seite. So hatte mein Bekannter, bis er 14 war, öfter seinen Freund besucht. Sie saßen dann am Fenster und spielten „Westen gucken“. Sie taten es ohne Verlangen, aus reiner Neugier oder Langeweile. Vielleicht ist das Kind auf dem Bild ein solches Kind gewesen.

Meine Jugend in Brooklyn fällt mir ein

Ich muss an meine eigene Jugend in Brooklyn denken. Ich lief viel allein herum, völlig frei, empfand bestimmte Straßen jedoch als Grenzen: Dort endete das Gebiet, in dem ich mich heimisch fühlte. Wenn ich weiterginge, könnte es gefährlich werden, sagte ich mir, oder ich könnte mich verlaufen. Doch solche Gedanken waren Alibis, das eigentliche Unbehagen war diffuser. Vielleicht war es nur das Gefühl, über das Vertraute hinauszulaufen, über die Grenze dessen, was mit mir zu tun hat, was ich aufzunehmen in der Lage bin.

Der Weg nach drüben, versprechen die Fluchtlinien der Wollankstraße, wäre ein mystischer Übergang. Aber schon ihre abstrakte Vollkommenheit lässt ihr Versprechen utopisch erscheinen, in einen mathematischen Raum jenseits der Lebenswirklichkeit entrückt. Im Jenseits liegt der Fluchtpunkt der idealen Linien.

Isabel Fargo Cole, 1973 in Galena, Illinois, geboren, lebt als Übersetzerin (u.a. von Wolfgang Hilbig) und Schriftstellerin in Berlin. Ihr im Harz angesiedelter und auf Deutsch geschriebener DDR-Roman „Die grüne Grenze“ stand 2016 auf der Shortlist zum Leipziger Buchpreis. Im September erscheint in der Edition Nautilus ihr neuer, Mitte der neunziger Jahre in Ost-Berlin angesiedelter Roman „Das Gift der Biene“.

Der Mauerfall aus Sicht unseres Foto-Chefs Kai-Uwe Heinrich
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1 von 65Alle Fotos: Kai-Uwe Heinrich
09.11.2016 14:21Unser Tagesspiegel-Foto-Chef, Kai-Uwe Heinrich, hat in der Nacht des Mauerfalls und am Tag danach fleißig fotografiert.
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