"Müsste ich zwischen Literatur und Journalismus wählen, würde ich mich für die Literatur entscheiden"

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Literatur : Goldstaub im Kaffee
Sacha Verna

Trotzdem ist es ein Vergnügen, Jennifer Egans Schicksalsdarsteller dabei zu verfolgen, wie sie sich in teils absurde Situationen manövrieren. Eine vom Glück verlassene PR-Agentin versucht, einem Kriegsverbrecher irgendwo im Busch vor laufender Kamera ein besseres Image zu verpassen. Sie scheitert kläglich. Ein Geist aus der Vergangenheit beglückt einen Guru der Gegenwart mit einem Fisch aus dem verschmutzten East River und erschreckt damit Sekretärinnen und am Schluss auch sich selbst. Das alles erzählt die Autorin mal auktorial, mal in Du-Form, mal als Klatschartikel, Kiffermonolog oder Power-Point-Präsentation.

Während Abwechslung beim Schreiben für sie die Regel ist, wäre Jennifer Egan im Alltag ein bisschen mehr Gleichförmigkeit durchaus willkommen. Bloß wissen das ihre zwei Söhne zu verhindern. Jennifer Egans Mann leitet eine kleine Theatergruppe. Gemeinsam versucht das Paar, den Jungs – der eine ist acht, der andere zehn Jahre alt – nicht das Klischee vom chaotischen Künstlerhaushalt vorzuleben. Sie habe stets eine Mutter sein wollen, die viel mit ihren Kindern zusammen ist, sagt Jennifer Egan.

Die Stunden, die sie sich täglich fürs Schreiben reserviert, empfindet sie als eine Art Zeitkapsel, die sie in eine Welt verfrachtet, die nicht die ihre ist. Die eigene Biografie hält sie bewusst aus ihren Büchern heraus. Sie liebe ihr Leben, sagt sie, „aber ich will es nicht zweimal leben“. Auch in „Der größere Teil der Welt“ geht es letztlich darum, „was Zeit bei den Menschen anrichtet“. An ihr selbst ist die Zeit, zumindest äußerlich, scheinbar spurlos vorbeigegangen. Sie sieht so jung, blond und blauäugig aus wie auf Fotos, die schon vor Jahren aufgenommen worden sind.

Jennifer Egan hat neben ihren Büchern preisgekrönte Artikel für das „New York Times Magazine“ verfasst: über manisch-depressive Kinder und das Doppelleben homosexueller Jugendlicher im Internet. „Müsste ich zwischen Literatur und Journalismus wählen, würde ich mich für die Literatur entscheiden“, sagt sie. Aber der Journalismus würde ihr fehlen. Besonders fasziniert sie die Macht der neuen Medien, dieses Paralleluniversum, in dem jeder sein kann, wer er will. Im virtuellen Raum gehen Fiktion und Wirklichkeit ganz ohne ihr Zutun ineinander über.

Inzwischen hat sich das Olea gefüllt. Jennifer Egan spricht lebhaft und ungekünstelt, sie lacht und gestikuliert. Als Nächstes will sie sich eine Altlast vom Hals schaffen. Seit Jahren schon arbeitet sie an einem historischen Roman über die Frauen, die während des Zweiten Weltkrieges für die Marine arbeiteten. „Die Leistung dieser Frauen ist von der Geschichtsschreibung bisher völlig ignoriert worden“, sagt sie. Recherchiert hat sie bereits.

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