Juden und Muslime in islamischen Ländern : Ein sehr labiles Miteinander

Zwei Bücher widerlegen die Legende vom allzeit friedlichen Zusammenleben

Leander F. Badura
Marokkanische Juden feiern am 13. Oktober 2017 das Sukkot-Fest in einer Synagoge im jüdischen Quartier von Marrakesch.
Marokkanische Juden feiern am 13. Oktober 2017 das Sukkot-Fest in einer Synagoge im jüdischen Quartier von Marrakesch.Foto: AFP

Wer in Marokko eine Synagoge besucht hat, wird Folgendes kennen: Klopft man an die Tür der oft unscheinbaren Gebäude, die sich in die Altstädte fügen, öffnet ein Mann, und für einige Dirham zeigt er einem die Anlage. Die Geschichte, die er dabei erzählt, ist meist die gleiche: Einst lebten Muslime, Christen und Juden friedlich zusammen in Marokko. Denn, so wird betont, der Islam achte die beiden anderen Gruppen. Auf wundersame Weise jedoch seien die meisten Juden emigriert – in die USA, Kanada, Frankreich, nach Israel. Nach dem Warum gefragt, erhält man ein Achselzucken als Antwort, oder einen vagen Verweis auf den Konflikt zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn.

Diese Erzählung unterschlägt einiges: Die Gründe für das Verschwinden der jüdischen Gemeinde aus Marokko und den anderen islamischen Ländern Nordafrikas und des Nahen und Mittleren Ostens, sowie die Umstände des Zusammenlebens zwischen Juden, Muslimen (und Christen) vor dem Beginn des Exodus – 1948.

Exodus nach dem ersten Krieg

Das Gründungsjahr Israels – 1948 – war der Beginn eines Exodus’, in dem etwa 900 000 Juden ihre Heimat zurückließen, von denen zwei Drittel in Israel Schutz suchten, die übrigen 300 000 in anderen Teilen der Welt. Sie flohen vor Diskriminierungen und zunehmend offener Gewalt. Wer Hab und Gut hatte, wurde zumeist enteignet. Die Zahl übertrifft die der arabischen Flüchtlinge infolge des ersten Krieges der Araber gegen Israel. Während das Schicksal dieser Menschen jedoch weithin bekannt ist und zudem in der internationalen Politik als Hebel gegen Israel genutzt wird, ist von dem der Juden in der arabischen Diaspora selten zu hören. Das mag daran liegen, dass Israel sie integrierte (bisweilen mehr schlecht als recht, aber das ist eine andere Geschichte), während die später Palästinenser genannten Araber in ihren Aufnahmeländern bis heute in Flüchtlingslagern leben müssen. Doch es liegt auch am Desinteresse der Öffentlichkeit, nicht zuletzt in europäischen Gesellschaften.

Zwei kleinen Verlagen ist zu verdanken, dass nun auf Deutsch zwei Bücher vorliegen, die nicht nur mit den Mythen bezüglich der angeblichen islamisch-jüdischen Harmonie aufräumen, sondern auch den gewaltigen Exodus und die Gewalt schildern, die ihn auslöste. Hentrich & Hentrich, der sich selbst „ein Verlagshaus für jüdische Kultur und Zeitgeschichte“ nennt, brachte eine kompakte Schrift des französisch-marokkanischen Historikers Georges Bensoussan heraus. Dem Verlag ça ira, von der linkskommunistischen „Initiative Sozialistisches Forum“ betrieben, ist die Übersetzung der umfassenden Studie des belgischen Historikers Nathan Weinstock zu verdanken.

Der Islam und die "Schriftreligionen"

Die Geschichte der Juden, die im Maghreb, der Levante, der Türkei, dem Iran, in Afghanistan und auf der Arabischen Halbinsel lebten, lässt sich – bei allen Differenzen, die angesichts der Größe des behandelten Raumes in der Natur der Sache liegen – in zwei Abschnitte teilen: die vormoderne Zeit und die Zeit ab etwa dem 19. Jahrhundert. Während die regionalen Unterschiede in Antike und Mittelalter in Bezug auf Größe, Stellung und Behandlung der jüdischen Minderheiten recht groß sind, beginnt mit der Heraufkunft der Moderne ein Prozess der Vereinheitlichung. Dieser zeitigt gleichzeitig die Transformation wie die Radikalisierung des Antisemitismus in der gesamten Weltgegend, die schließlich zum Exodus führt.

Was gemeinhin als Achtung des Islams vor den anderen Schriftreligionen gilt, ist in Wahrheit ein komplexes Verhältnis aus Schutz und Erniedrigung. Welche Seite überwog, war stark von den jeweiligen Herrschern abhängig. Den Auswirkungen des „Dhimmi“-Status geht Weinstock Kapitel für Kapitel nach. Dhimmis sind all jene, die als Nicht-Muslime in einem islamischen Land leben, aber einer monotheistischen Religion angehören. Neben den Juden betraf das also die verschiedenen christlichen Konfessionen. Dhimmis wurde zugestanden, ihre Religion zu behalten, doch mussten sie eine Sondersteuer entrichten.

"Dhimmis" mit dem Gelben Stern

Diese „Djizya“ war zugleich Zeichen ihrer Unterwerfung. Denn daran ließen die islamischen Herrscher und ihre „rechtgläubigen“ Untertanen nie einen Zweifel: die Dhimmis waren Unterworfene. In wechselnder Intensität waren die Juden Schikanen und Demütigungen ausgesetzt, gegen die sie sich nicht wehren durften. Bisweilen wurde verfügt, dass sie in der Öffentlichkeit erkennbar sein mussten – beispielsweise durch das Tragen eines gelben Stück Stoffs auf der Kleidung.

Das heißt jedoch nicht, dass sich nicht auch eine jüdische Oberschicht herausbildete. Sie trieb Handel und war gut vernetzt, Einzelne schafften es sogar in hohe Ämter an den Höfen der muslimischen Herrscher. Von deren Gunst waren alle Juden abhängig. Wenn die muslimische Bevölkerung in Krisenzeiten gegen ihre jüdischen Nachbarn wütete, hielt der Herrscher sein Schutzversprechen jedoch nicht immer ein.

Das Vordringen der europäischen Großmächte warf die Verhältnisse durcheinander. Die zum Beispiel im Zuge der Reformen im Osmanischen Reich durchgesetzte Gleichstellung der Juden stellte für diese eine enorme Chance dar. Dass jene, die jahrhundertelang als „Hunde“ galten, nun die gleichen Rechte besitzen sollten wie sie selbst, missfiel allerdings den Muslimen. Mit Freud kann man von einer narzisstischen Kränkung sprechen, die sich in Gewalt Bahn brechen sollte.

Christlicher Judenhass kam hinzu

Da Juden und Moderne dergestalt in Verbindung gebracht wurden, entstand ein antisemitischer Topos, der auch in Europa wirkmächtig wurde. Zugleich brachten die Europäer ihren Judenhass ein. Die in der christlichen Welt seit Jahrhunderten verbreitete Ritualmordlegende, der zufolge Juden Angehörige anderer Religionen töteten, um deren Blut für religiöse Zwecke zu verwenden, verbreitete sich alsbald auch in der islamischen Welt.

So entstand ein explosiver Mix, an den nur noch die Lunte gelegt werden musste. Der aufkommende Zionismus und der Beginn der jüdischen Einwanderung nach Palästina sorgten für weitere Spannungen. Die nationalsozialistische Propaganda fand in der islamischen Welt vielfach begeisterte Anhänger. Insofern stachelte die Niederlage Deutschlands 1945 die Wut vieler Muslime nur weiter an. In den 1940er Jahren kam es vermehrt zu schweren Pogromen, beispielsweise 1941 in Bagdad oder 1949 in Damaskus.

Bensoussan verweist in diesem Zusammenhang eine beliebte Geschichte ins Reich der Mythen: die des marokkanischen Königs Mohammed V., der im Zweiten Weltkrieg als Sultan die Juden seines unter der Kontrolle des Vichy-Regimes stehenden Reiches geschützt haben soll. Wahr ist allerdings, dass der Sultan alle Dekrete Vichys unterzeichnet hat, Vertreibungen anordnen und das Judenstatut anwenden ließ – ohne ein Wort des Protests.

Dekolonialisiert gleich antisemitisch?

Die Dekolonialisierung ließ die fragile Koexistenz vollends zerbrechen. Zwar waren viele Juden vor allem aus der gebildeten Oberschicht zunächst Teil der nationalistischen Bewegungen, die ihre Länder aus der Herrschaft der europäischen Mächte befreien wollten. Sie mussten jedoch bald sehen, dass sie von vielen eher als Teil des Problems betrachtet wurden. Die zunehmende Islamisierung der Nationalbewegungen tat ihre Wirkung. Als die Unabhängigkeit erreicht war, verloren die Juden all ihren bisherigen Schutz.

Für das Recht auf Ausreise musste vielerorts gekämpft werden, doch einmal erreicht, gab es kein Halten mehr. Innerhalb von drei Jahrzehnten verließen fast alle Juden ihre Heimat. Jahrhundertealte Gemeinden verschwanden. Nur in Tunesien und Marokko gab es zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch nennenswerte Gemeinden mit insgesamt um die 4500 Mitgliedern. Überall sonst sind nur einige wenige Greise übrig geblieben, wenn überhaupt.

Bensoussans Schrift setzt Vorwissen voraus, was daran liegen mag, dass sie für ein französisches Publikum geschrieben wurde. Zudem stört ihr mitunter erratischer Stil. Weinstocks Buch ist insofern eine hervorragende Ergänzung, die sich dank ihrer Systematik und Stringenz flüssig liest. Beide Bücher zusammen beleuchten ein Kapitel der Geschichte, das Europa endlich wahrnehmen muss.

Georges Bensoussan: Die Juden der arabischen Welt. Die verbotene Frage. Aus dem Französischen von Jürgen Schröder. Verlag Hentrich & Hentrich, Berlin/Wien 2019. 192 S., 19,90 €. - Nathan Weinstock: Der zerrissene Faden. Wie die arabische Welt ihre Juden verlor. 1947-1967. Aus dem Französischen von Joel Naber. Verlag ça ira, Freiburg 2019. 480 S., 23 €.

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