Speer verkörperte den Nationalsozialismus des Leistungsbürgertums

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Albert Speer als Rüstungsminister : Hitlers todbringender Technokrat
In der ersten Reihe. Speer und Hitler 1943 auf dem Titel der Zeitschrift der „Organisation Todt“. Speer nutzte das Blatt gezielt zur Propaganda in eigener Sache.
In der ersten Reihe. Speer und Hitler 1943 auf dem Titel der Zeitschrift der „Organisation Todt“. Speer nutzte das Blatt gezielt...Foto: Siedler Verlag

Aus den Monaten des Zusammenbruchs 1945 erwuchs die von Speer sorgfältig gepflegte Legende, er habe Hitlers sogenannten Nero-Befehl vom 19. März 1945 erfolgreich sabotiert, demzufolge alle Anlagen und Objekte, „die sich der Feind für die Fortsetzung seines Kampfes (...) nutzbar machen kann“, zu zerstören seien. Ob die Milderungen, die Hitler alsbald vornahm, von Speer erreicht wurden oder ohne ihn zustande kamen, kann freilich auch Brechtken nicht aufklären.

Viel schlimmer als die Zerstörungen, die Wehrmacht und SS gleichwohl vorantrieben, war ohnehin die Verteidigung durch deutsche Soldaten, die so den mörderischen Einsatz der alliierten Feuerkraft bewirkten. „Die Zerstörungen der letzten zwölf Kriegsmonate“ – betont Brechtken – „kamen nicht von überdrehten Fanatikern, die ihre eigenen Fabriken zerstörten, sondern von unermüdlichen Nationalsozialisten wie dem Rüstungsminister Albert Speer und seinem Kollegen für den totalen Kriegseinsatz, Joseph Goebbels, die weiter Waffen produzierten und Menschen für einen aussichtslosen Kampf ausrüsteten, als der Kriegsausgang längst entschieden war.“ In dieser Zeit – dem letzten Amtsjahr Speers nach einer zwischenzeitlichen schweren Erkrankung – kamen 3,82 Millionen Zivilisten ums Leben, mehr als doppelt so viele wie während des gesamten Krieges zuvor.

Von links nach rechts: Rüstungsminister Albert Speer, Hitlers Nachfolger Großadmiral Karl Dönitz und der Chef des deutschen Generalstabs, Generaloberst Alfred Jodl, beantworten nach ihrer Gefangennahme im Mai 1945 durch die Briten Fragen von Kriegskorrespondenten.
Von links nach rechts: Rüstungsminister Albert Speer, Hitlers Nachfolger Großadmiral Karl Dönitz und der Chef des deutschen...Foto: dpa/UPI

Zu Hitlers letztem Geburtstag am 20. April 1945 „reist Speer, wie viele andere Nazi-Größen, zu seinem ,Führer‘. Noch einmal wird das Modell der geplanten Weltstadt Berlin“ – gemeint Welthauptstadt – „aus dem Depot geholt und in der Neuen Reichskanzlei aufgebaut“. So schildert Brechtken die Szene, die Speer selbst erzählt und damit seine Rolle als „eigentlich nur“ Architekt geschickt herausgestellt hatte.

Tatsächlich waren es sein „unermüdlicher Einsatz zur Aufrechterhaltung der Rüstungsproduktion, seine Durchhaltereden und seine Propagandafiktionen von Rüstungsrekorden und Wunderwaffen“, die seine Stellung innerhalb des Regimes ausmachten. Wie sich Speers Selbstdarstellung in scheinbar objektive Tatsachen verwandelte, zeigt ein US-Militärbericht vom September 1945, der „eine dreifache Steigerung der Waffenproduktion (...) unter seiner Leitung“ bewundert. Das ist genau die Richtung, in die Speer bereits im Mai 1945 seine alliierten Vernehmer lenkte: die des Technokraten, mit nichts als Effizienz im Sinn.

Es ist vielleicht der bedeutendste Ertrag des Buches, gegen die Legende vom großartigen Organisator Speer dessen fatale Rolle als Kriegsverlängerer und Mitschuldigen an furchtbaren Verlusten an Leib und Leben, von der materiellen Zerstörung ganz abgesehen, herausgearbeitet zu haben.

Das Buch dekonstruiert auch die Legendenbildung in der BRD

Bleibt die Frage, wie Speer – und wie lange! – das Bild des „verstrickten“ Technokraten bestimmen konnte. „Speer war fast der einzige Repräsentant des Bürgertums in diesem Kreis von Mordgesellen, und das machte ihn schon zu einer exzeptionellen Figur“, hat sein Verleger Wolf Jobst Siedler im Gespräch mit Breloer den Mann beschrieben, dem er – und er ihm – so viel Erfolg und Einkommen verdankte. In dieser Antwort liegt die ganze Exkulpation, diejenige Speers wie diejenige der eigenen sozialen Schicht. Brechtken dazu pointiert: „Speer verkörperte (...) den Nationalsozialismus des deutschen Leistungsbürgertums.“

Und dieses Bürgertum – so der zweite Teil des Buches, eine sorgfältige Dekonstruktion der Legendenbildung in der Bundesrepublik – richtete sich am unpolitischen Techniker Speer auf. Im vergangenen Jahr erst hat die Historikerin Isabell Trommer ein gehaltvolles Buch über „Albert Speer in der Bundesrepublik Deutschland“ vorgelegt. Brechtken zitiert seinerseits ausführlich die Selbstdarstellung wie auch die journalistische Vermarktung des vermeintlich glaubwürdigen NS-Kronzeugen. Die ausführliche Abrechnung mit dem langjährigen Mitherausgeber der „FAZ“ und Hitler-Biografen Joachim Fest, dem Ko-Autor der Speer’schen „Erinnerungen“, verfolgt wohl nur der mit Gewinn, der Fests Texte noch selbst gelesen und dessen grandseigneuralen Habitus vor Augen hat. Brechtkens bisweilen arg moralisierender Enthüllungseifer in Ehren – darüber ist die Zeit denn doch hinweggegangen.

Letzteres darf den Historiker nicht interessieren und noch weniger davon abhalten zu zeigen, wie es eigentlich gewesen ist. Insoweit behält Brechtken das letzte Wort. Mit seinem monumentalen Buch ist Speer, als Person wie als Phänomen, schlussendlich Geschichte geworden.

Magnus Brechtken:  Albert Speer. Eine deutsche Karriere. Siedler Verlag, München 2017. 912 S., 45 Abb., 40 €.

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