Alltag der Soldaten an einem besonderen Ort : Üppig gegessen, fürstlich gewohnt

Bernd Wegner erforscht, wie die deutschen Besatzer zwischen 1940 und 1944 die französische Hauptstadt Paris wahrnahmen.

Es liest sich ganz einfach: „Das vorliegende Buch gibt ein Bild davon, wie deutsche Soldaten und zivile Angehörige der Besatzungsmacht Paris in den Jahren des Krieges sahen“, schreibt Bernd Wegner, Emeritus für Neuere Geschichte der Bundeswehr-Universität Hamburg, einleitend in seinem Buch „Das deutsche Paris“. Doch ist es alles andere als einfach, ein zutreffendes Bild davon zu gewinnen, wie die Besatzer die französische Hauptstadt wahrgenommen haben, trotz oder gerade wegen der (Über-)Fülle der Zeugnisse in Gestalt von Feldpostbriefen, Tagebüchern und natürlich auch der offiziellen Akten. Nicht nur, weil in der schriftlichen Überlieferung vieles verschwiegen, beschönigt oder gänzlich verdreht wurde, sondern auch, weil nicht wenigen Soldaten die Stadt fremd blieb.

Über Paris in jenen Jahren von 1940 bis 1944 sind wir vermeintlich gut informiert, man denke nur an die Aufzeichnungen von Ernst Jünger. Doch Wegners Literaturverzeichnis ist von einschüchterndem Umfang, und insbesondere von angelsächsischer Seite gibt es eine ganze Anzahl von Darstellungen der Pariser Besatzungszeit; erhellend ist etwa der Blick auf das Kulturleben von Alan Riding, „And the Show Went On“ von 2011.

Paris, für immer Kulturhauptstadt

Nicht zuletzt war es das Kulturleben, mit dem sich Paris von allen anderen Städten im weitgespannten Herrschaftsbereich der Wehrmacht unterschied. Wegner war das Periodikum „Wohin in Paris?“ aufgefallen, das in jeder Ausgabe eine unübersehbare Fülle von Anzeigen und Ankündigungen enthielt. Durch den künstlich niedrig gehaltenen Wechselkurs konnte sich jeder Gefreite in Paris wie ein Weltenbummler fühlen. Aber, wie gesagt, es geht Wegner in diesem Buch, das eine enorme Forschungsleistung verkörpert, nicht um die Darstellung der Besatzungsherrschaft, sondern deren subjektive Spiegelung in den Zeugnissen der Besatzer. 

Nicht wenige hatten einen Reiseführer dabei und benahmen sich wie Touristen in Uniform; andere waren, zumal im ersten Siegesrausch, vor allem leiblichen Genüssen zugetan. Legendär wurden die Sendungen von Alkoholika nach Hause.

Wie denn überhaupt Paris zu einem gigantischen Umschlagplatz wurde, von den Flohmärkten der Peripherie, wo einfache Soldaten die an der „Heimatfront“ fehlenden Waren zu finden hofften, bis zu den Kunstgalerien, aus denen sich die Befehlsränge bedienten. „Reich ins Heim“, hieß im Volksmund das Motto, umgedreht von „Heim ins Reich“.

In den besten Hotels

Wegner – unter anderem Autor des Standardwerks über die Waffen-SS, „Hitlers Politische Soldaten“ (1982) – gliedert sein naturgemäß heterogenes Material nach Themen wie etwa der dienstlichen und privaten Unterbringung. Zahllose Hotels wurden für die Dienststellen beschlagnahmt, die sich in bemerkenswerter Anzahl in Paris einfanden, und dementsprechend für das wahre Heer ihrer Mitarbeiter (und Wehrmachtshelferinnen). „Hôtel de Crillon“, „George V.“, „Majestic“ lauten prominente Namen, und entsprechend heißt es in typischen Briefstellen von Einquartierten: „Wir wohnen wie die Fürsten“ oder „So großartig hatte ich noch nie gewohnt.“

„Die nächsten Tage vergingen zwischen Stadtbesichtigungen, üppigem Essen, (...), einem kurzen Vortrag, Einkaufen und abendlichen Unternehmungen im Fluge“, hielt ein deutscher Professor fest, der nach Paris abkommandiert war. Das Amüsierbedürfnis stieg mit der Dauer des Krieges. Noch 1943 schreibt ein Soldat nach Hause: „Wir sahen eine Revue. Ich war einfach platt, was es heute noch alles gibt. Eine Aufmachung, wie man sie bei uns im Frieden nie zu sehen bekommen hat.“

...und noch andere "Hotels"

Und mehr noch. 1940 wundert sich ein junger Rekrut über den ihm ausgehändigten Stadtplan: „Da waren auf dem vorderen Teil der Seite die Pariser Bordelle aufgeführt, die für die deutschen Soldaten erlaubt waren und auf dem hinteren Teil die verbotenen Bordelle aufgeführt. Wir staunten nicht schlecht über diese so vorsorgliche Betreuung der deutschen Soldaten durch die zuständige Kommandantur der Wehrmacht.“

Im Reich wurde die Pariser Ausnahmesituation zunehmend kritisch gesehen. 1944, als die Niederlage allen vor Augen stand, wurden die diversen Stabsquartiere in Paris von der Wehrmachtsspitze als „Gefahr (...) für die ganze innere Haltung und Einstellung“ gesehen: „Der kriegerische Hauch geht völlig verloren.“

Am 25. August 1944 ging die Besatzung von Paris zu Ende. Durch Bernd Wegners vorzügliches Buch ist besser zu verstehen, wie die deutschen Soldaten den Krieg erlebten, wenn auch an einem privilegierten Ort.
Bernd Wegner: Das deutsche Paris. Der Blick der Besatzer 1940-1944. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019. 259 S. m. 39 Abb., 39,90 €.