Asiens stärkste Führungsmacht : Chinas neue Erzählung

Peter Frankopan ordnet das Projekt „Seidenstraße“ in die globale Politik ein.

Chinas Präsident Xi Jinping ist zufrieden über die Unterzeichnung der Abkommen mit Italien am 23.März 2019.
Chinas Präsident Xi Jinping ist zufrieden über die Unterzeichnung der Abkommen mit Italien am 23.März 2019.Foto: AFP

Gerade hat Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte ein Rahmenabkommen unterzeichnet, mit dem sich das Land der Seidenstraßen-Initiative anschließt, die Chinas Staatspräsident Xi Jinping 2013 verkündet hatte. Zwar fahren schon seit 2011 Güterzüge von Chongqing nach Duisburg, doch mit diesem italienischen Coup ist die Seidenstraßen-Initiative der Chinesen im europäischen Kernland angekommen, und Italien sieht dies – „bei aller notwendigen Vorsicht“ – als Chance für das eigene Land.

Passend zu dieser Entwicklung ist gerade Peter Frankopans eher journalistischer Essay „Die neuen Seidenstraßen. Gegenwart und Zukunft unserer Welt“ erschienen. Es ist die sehr aktuelle Fortsetzung seines Mammutwerks „Licht aus dem Osten“, das auf Englisch 2015 und auf Deutsch ein Jahr später erschienen ist und das erstmals kompakt die Geschichte des eurasischen Raumes und sein Verhältnis zu China beleuchtet hat.

Die Welt verändert sich rasant

Seit Erscheinen dieses Buches hat sich die Welt nach Frankopans Ansicht in atemberaubendem Tempo verändert. Er betont, „dass die wirklich relevanten Entscheidungen in der heutigen Welt nicht – wie vor hundert Jahren – in Paris, London, Berlin oder Rom getroffen werden, sondern in Peking und Moskau, Teheran und Riad, Delhi und Islamabad, in Kabul und in den von den Taliban kontrollierten Gebieten Afghanistans, in Ankara, Damaskus und Jerusalem“.

Eine steile These, doch Frankopan weist nach, dass sich die Gewichte in der Welt nach Osten verschieben, während Europa eher mit sich selbst beschäftigt ist. Hier drohe Spaltung und Isolierung, in Asien entstünden neue Bündnisse, die hierzulande kaum registriert würden. Bei allen Krisen im Nahen Osten und auf dem indischen Subkontinent sieht Frankopan in Asien Tendenzen, das Trennende hinter sich zu lassen, Konflikte zu überwinden und zu versuchen, enger zusammenzuarbeiten, indem man sich auf eine identitätsstiftende Erzählung verständige – eben die der Seidenstraße.

Entlang der Seidenstraße neue Märkte

In einer tour d’horizon sammelt er Indizien für die Akzentverschiebung Richtung Osten: Nike beruft sich bei einem neuen Laufschuh auf die Seidenstraße – dort lockt ein großer Markt. Hermès lanciert ein Parfüm mit dem magischen Namen „Poivre Samarcande“, und selbst Donald Trump habe sich schon 2007 und dann noch einmal 2012 in den Kernstaaten der Seidenstraße das Markenzeichen „Trump“ für Hotels und Immobilien schützen lassen – einschließlich des Iran!

Karte zur "neuen Seidenstraße"
Karte zur "neuen Seidenstraße"Foto: AFP / Thorsten EBERDING

70 Prozent der nachgewiesenen Ölreserven lagern nach einer BP-Studie im Mittleren Osten und in Zentralasien, mehr als die Hälfte der globalen Weizenproduktion entfällt nach Frankopan auf diese Gebiete, dazu, rechnet man Südostasien mit ein, 85 Prozent der globalen Reisproduktion. Drei Viertel der seltenen Erden entfallen auf Russland und China, ein mächtiges Druckmittel angesichts des Rohstoffhungers der IT-Industrie. Frankopan sieht für die Zukunft einen „Wettbewerb um Einfluss, Energie und Rohstoffe, ein(en) Wettbewerb um Nahrung, Wasser und saubere Luft, um strategische Positionen, ja sogar um Daten“.

Sogar die Esel werden knapp

In den letzten Jahren haben sich Investoren aus Russland, China und dem Mittleren Osten immer mehr im Westen eingekauft, Fußballclubs, Nobelfirmen, Ackerland, Hotels und sogar Esel, weil deren Haut für ein populäres chinesisches Heilmittel genutzt wird. Die steigende Nachfrage nach Eseln bringt traditionelle Landwirtschaften derart in Bedrängnis, dass Niger und Burkina Faso Exportverbote für Esel verhängten!

Frankopans Buch fasziniert durch das Aufspüren solcher Fakten, die im täglichen Nachrichtenstrom nicht vorkommen. Er sammelt Studien und Spezialliteratur, um ein möglichst komplexes Bild der Entwicklung in Asien zu zeichnen. Erstaunt stellt man fest, wie wenig man von diesen Ereignissen mitbekommt. So weist der Autor nach, dass Iran durch die amerikanischen Sanktionen gezwungen wurde, faktisch seine Start-up-Szene selbst zu entwickeln, mit Erfolg. „Asien und die Seidenstraßen sind im Aufstieg begriffen, und dieser Aufstieg geschieht schnell“, schreibt Frankopan. Er sieht darin noch keine Bedrohung für den Westen, da die Welten eng miteinander verbunden sind. Allerdings dürfe man nie die Frage der Demokratie und der Menschenrechte aus den Augen verlieren.

Europas Unfähigkeit

Mit Sorge sieht er die irrlichternde, unberechenbare Politik Amerikas und die Unfähigkeit der Europäer, auf die großen Herausforderungen der Welt gemeinsame Antworten zu finden. „Isolierung und Fragmentierung im Westen stehen in markantem Kontrast zu dem, was sich seit 2015 entlang der Seidenstraßen ereignet hat“. Und mehr noch, es entstehen Formen der Kooperation, die bisher kaum vorstellbar waren, wie etwa 2018 ein Militärmanöver mit Soldaten aus Russland, China, Indien und Pakistan. Dabei beschreibt Frankopan kein durchweg rosiges Szenario, es gebe immer wieder Rückschläge, Widersprüche, Irritationen, und es entstehe in Asien „eine neue Welt, aber es ist keine freie Welt“. Frankopan zeigt auch, wie die Sanktionspolitik der USA sich in ihr Gegenteil verkehrt und den USA und ihren Verbündeten letztendlich schadet. Das Buch ist ein Weckruf an den Westen, das Gesamtbild der sich rasant wandelnden Welt im Auge zu behalten, einig zu sein, um bei dem großen Spiel im asiatischen Jahrhundert noch mitreden zu können.

Peter Frankopan: Die neuen Seidenstraßen. Gegenwart und Zukunft unserer Welt
Peter Frankopan: Die neuen Seidenstraßen. Gegenwart und Zukunft unserer WeltFoto: rowohlt Berlin

Peter Frankopan: Die neuen Seidenstraßen. Gegenwart und Zukunft unserer Welt. Aus dem Englischen von Henning Thies. Rowohlt Berlin, Berlin 2019. 352 S., 22 €.

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