Auf der Suche nach dem "moralischen Kapitalismus" : Der faule Heuschreck und die fleißige Ameise

Ute Frevert betrachtet die „moralische Ökonomie“ und unterstützt die Macht des Staates.

Hendrikje Schauer

Das Wort „Kapitalismus“ weckt, einer Erhebung aus dem Jahr 2017 zufolge, bei mehr als der Hälfte der Deutschen negative Assoziationen. So steht es gleich zu Anfang von Ute Freverts Erkundungen. Regelmäßig melden sich aus Politik, Kirche und Zivilgesellschaft, aber auch aus der Ökonomie kritische Stimmen, die das System wenn nicht abschaffen, dann zumindest doch einschränken und zähmen wollen.

Aus den Bildern der Wirtschaftsunordnung ließe sich mehr als ein Gruselkabinett füllen. Die apokalyptische Heuschrecke gehört hinein, der zusätzliche Attribute angedichtet werden: die Tentakel der Krake oder das Gift der Spinne. Gefräßig, unförmig und überwältigend – das soll der Kapitalismus sein, eher Mutant als gesundes Raubtier. Die trüben Gewässer dieser Rhetorik, in denen linke wie rechte Antikapitalisten an entgegengesetzten Ufern, aber doch gemeinsam fischen, sind inzwischen gut ausgeleuchtet.

Vom Papst bis Bernie Sanders

Ute Frevert geht in ihrem neuen Buch „Kapitalismus, Märkte und Moral“ einen anderen Weg: Die gefährlichen Vorstellungen von „Spekulanten und Börsianern“ streift sie nur. Denn sie interessiert sich nicht primär für die Rhetorik, sondern für die Plausibilität einer moralischen Kapitalismuskritik, für das Zusammenspiel von Kapitalismus, Märkten und Moral also. Ihr Ausgangsmoment ist dabei das vielstimmig artikulierte Unbehagen mit dem Kapitalismus und seinen Folgen. Doch auch die Argumente der Verteidiger finden den Weg in das Buch.

Was ist davon zu halten, wenn Papst Franziskus und Bernie Sanders, wenn Helmut Schmidt und Berthold Beitz für einen moralischen Kapitalismus und eine wirtschaftliche Ethik plädieren? Die Frage entfaltet Frevert im ersten von sechs Kapiteln. Fachlich ist das Projekt schwer zu greifen. Frevert hat keine philosophische Abhandlung verfasst, die auf die Grundfragen einer Theorie der Gerechtigkeit abzielen würde, auch wenn Adam Smith und Karl Marx als frühe Kritiker des Kapitalismus eingangs zu Wort kommen. Ihr Buch ist auch nicht theoriegeschichtlich ausgerichtet, es bietet kein Kompendium kapitalismuskritischer Ansätze. Frevert schreibt weder eine Sozialgeschichte der Armut, noch liefert sie eine Bestandsaufnahme der Globalisierung. Und doch steckt von allen diesen Aspekten etwas im Buch.

Das Gesagte ernst nehmen

Die groß ausgeflaggte Ausgangsfrage nach der Moralität des Kapitalismus ist politisch gestellt. Sie nimmt die kritischen Sentenzen ernst, die von Staatsmännern oder Kirchenvertretern formuliert werden, und stellt sie auf den Prüfstand. Dabei geht Frevert nicht abstrakt-begrifflich, sondern historisch-exemplarisch vor. In fünf Folgekapiteln umkreist sie ihr Thema.

Den Ausgangspunkt bildet die Idee einer vorkapitalistischen, „moralischen Ökonomie“, wie sie von britischen Sozial- und Kulturhistorikern entwickelt und von Anthropologen aufgegriffen wurde. Eine so verstandene „moralische Ökonomie“ tastet soziale Ungleichheiten – die Divergenz von Reichen und Armen – nicht grundsätzlich an.

Eine Minimalabsicherung für die Armen

Aber sie verspricht den Armen das Überleben im Sinne einer Minimalabsicherung, sei es durch feste Lebensmittelpreise, sei es durch Unterstützung für die Mittellosen.

Hat diese „moralische Ökonomie“ mit den entfesselten Märkten des Kapitalismus ihr Ende gefunden? Oder sind Genossenschaften und Versicherungen neue marktkompatible Formen, in denen sich das alte Prinzip fortsetzt, vielleicht sogar vitalisiert? Gehört auch der Sozialstaat in diese Reihe? Wie ist die kontinuierliche Ausweitung der Märkte zu bewerten, die immer neue Bereiche in die Logik des Kapitalismus hineinzieht: soziale Beziehungen etwa, man denke an den Heiratsmarkt. Und selbst staatsbürgerliche Rechte, wenn Visa meistbietend veräußert werden oder Firmen Zertifikate für Regelverstöße erwerben können.

Beweglich bleiben im Diskurs

Fragen, nicht Antworten sind die Stärke des Buches. Frevert prüft detailnah, mit historischem Atem. Sentenzen löst sie in ambivalente Zusammenhänge auf, von dem Furor einer moralisierenden Debatte lässt sie sich nicht anstecken. Dass der ausgeglichene Band in der Verlagsreihe „Unruhe bewahren“ des Residenz Verlags erscheint, mag auf den ersten Blick unpassend anmuten. Doch wie anders als mit Weitblick bringt man wieder intellektuelle Beweglichkeit in eine festgefahrene und polarisierte Debatte?

Das Buch endet verhalten mild gestimmt: mit Verweis auf die Macht der Konsumenten, die Notwendigkeit staatlicher Regulierung und die Hoffnung auf die Kontinuität moralischer Kommunikation. Bevor eine NGO-Postkarte uns rät, besser zu essen und weniger zu fliegen, lernen wir noch: Das Reden über den Kapitalismus ist oft nicht, wie Frevert im kurzen Kapitel über die Moralisierungsdiskurse vermerkt, auf der Höhe der Zeit.

Die Neigung zu Tierbildern und Fabelwesen zeugt davon. Bei einem frühen literarischen Auftritt war der „Heuschreck“ gar nicht gefräßig: Sommerlich zirpend, winterlich hungernd wurde er als unzuverlässiger Bohemien der fleißigen Ameise gegenübergestellt, dem Wappeninsekt des vermeintlich „guten“ Kapitalismus.

Ute Frevert: Kapitalismus, Märkte und Moral. Reihe „Unruhe bewahren“. Residenz Verlag, Innsbruck 2019. 152 S., Abb., 20 €.