Beinahe nirgends konnten sich die Demokratien der Angriffe von Rechtsaußen erwehren : Ein Kontinent zerstört sich selbst

Ian Kershaw unternimmt eine Gesamtdarstellung der europäischen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts

César Klein, Aufruf zu den Wahlen zur Nationalversammlung, Januar 1919.
César Klein, Aufruf zu den Wahlen zur Nationalversammlung, Januar 1919.Abb. aus Jürgen Holstein (Hrsg.): Buchumschläge in der Weimarer Republik. Taschen Verlag, Köln 2015.

In der Rückschau verdüstert sich das Bild zu einer wahren Apokalypse. „Europas 20. Jahrhundert war ein Jahrhundert des Krieges“, hebt Ian Kershaw in seinem neuen Buch „Höllensturz“ an: „Zwei Weltkriege und anschließend über 40 Jahre ,Kalter Krieg’ – der seinerseits die unmittelbare Folge des Zweiten Weltkriegs war – prägten die Epoche.“ Ehe der Leser Einspruch gegen solche Verkürzung erheben kann, präzisiert Kershaw: „Der Kontinent, der sich seit dem Ende der Napoleonischen Kriege 1815 für fast einhundert Jahre gerühmt hatte, der Gipfel der Zivilisation zu sein, stürzte zwischen 1914 und 1945 in einen Abgrund der Barbarei.“ Richtig, es ist die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts, die Schrecken auf Schrecken gehäuft hatte, während die zweite „eine Periode bis dahin unvorstellbarer Stabilität und Prosperität“ darstellt – „freilich um den Preis einer unüberbrückbaren politischen Teilung“.

Ob diese Phase, die aus der Perspektive heutiger Krisen bisweilen geradezu verklärt wird, tatsächlich an ihr Ende gekommen ist, darüber mag Kershaw im angekündigten zweiten Band seines im englischen Original „To Hell and Back“ betitelten Panoramas spekulieren. Der erste jedenfalls widmet sich der in jeder Hinsicht abgeschlossenen ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts auf der Basis einer schier unübersehbaren Forschungsliteratur, die Kershaw, dem deutschen Publikum seit seiner Hitler-Biografie als sicherer Lotse durch enorme Stoffmassen vertraut, virtuos beherrscht. So virtuos, dass er sich die Freiheit erlauben kann, ein Buch von 700 reinen Textseiten ohne einen einzigen Literaturverweis vorzulegen. Dem im Kriegsjahr 1943 geborenen, emeritierten Historiker der Universität Sheffield glaubt man auch ohne Belege.

Die Probleme der ersten Jahrhunderthälfte

Das auch deshalb, weil Kershaw gleich zu Anfang seine These vorträgt, deren Explikation man in den folgenden zehn (Groß-)Kapiteln mit Spannung verfolgt. So erklärt sich auch sofort, warum die erste Jahrhunderthälfte tatsächlich als abgeschlossen gelten darf, und das zu unser aller Glück. Kershaw nennt vier „ineinandergreifende Hauptelemente einer alles erfassenden Krise: 1. die explosionsartige Ausbreitung eines ethnisch-rassistischen Nationalismus; 2. erbitterte und unversöhnliche territoriale Revisionsforderungen; 3. ein akuter Klassenkonflikt, der mit der bolschewistischen Revolution in Russland einen konkreten Schwerpunkt erhielt; und 4. eine lang anhaltende Krise des Kapitalismus (die viele Beobachter für letal hielten)“.

Mittl-, Ost- und Süd-Europa

Mit den ersten drei dieser vier „Hauptelemente“ lenkt Kershaw den Blick auf Mittel-, Ost- und Südosteuropa und weg von der jahrzehntelang vorherrschenden Perspektive auf die Beziehung zwischen dem besiegten Deutschen Reich und den Westmächten. In den Nationalstaaten, die auf den Trümmern insbesondere des Habsburgerreiches neu geschaffen worden waren, entfaltete sich eine verhängnisvolle Dynamik konkurrierender, gewaltbereiter Bevölkerungsteile. Es verwundert nicht, dass in Mittel- und Osteuropa in den dreißiger Jahren „der Rechtsruck das Übliche“ wurde; eher, dass diese Entwicklung gegenüber den Faschismen zunächst in Italien und dann vor allem in Deutschland wenig Aufmerksamkeit gefunden hat. Wer hat je von Corneliu Codreanu gehört, dem Führer der rumänischen „äußerst gewalttätigen, ultra-antisemitischen faschistischen Eisernen Garde“? Es sind solche Blitzlichter auf regionale, doch zu einem Gesamtbild europäischen Niedergangs sich fügende Teilgeschichten, die Kershaws Buch zu einer großen Erzählung machen; wenn auch zu keiner erbaulichen Lektüre.

Nach den Schrecken der Nachkriegsjahre mit dem Putsch- und Hyperinflationsjahr 1923 schien Europa auf dem Weg zu friedlicher Verständigung. Kershaw hebt die Bedeutung des Locarno-Vertrages von 1925 hervor, der dem Paria Deutschland den Weg zurück auf die internationale Bühne mit der Aufnahme in den Völkerbund bahnte. Es war der französische Außenminister Briand, der euphorisch „Freie Bahn für die Versöhnung!“ ausrief. Die folgenden Jahre, deutscherseits gern als „Goldene Zwanziger“ verklärt, beschreibt Kershaw als eine Zwischenperiode kulturellen Glanzes, ohne jedoch zu verkennen, dass es sich dabei um die Kultur einer schmalen Elite handelte: „Was den meisten Menschen am Ende eines Arbeitstages oder einer Woche blieb, waren die Boulevards der Popularkultur: Unterhaltungsfilme, Tanzlokale und (jedenfalls für Männer) Besuche in Kneipen oder Bars. Das waren keine Orte der Reflexion über die Welt, eher Orte der Flucht, flüchtiger Erregung oder Ablenkung, vorübergehender Befreiung aus dem eintönigen, oft deprimierenden Alltag.“ Da meint man Kershaws nordenglische Familienherkunft herauszuhören; die Verherrlichung der Avantgarde-Kultur, die seit den siebziger Jahren das Bild der Zwischenkriegszeit schönt und verzerrt, ist seine Sache jedenfalls nicht.

Upton Sinclair, Hundert Prozent. Roman. Umschlag von John Heartfield. Malik Verlag, Berlin 1928.
Upton Sinclair, Hundert Prozent. Roman. Umschlag von John Heartfield. Malik Verlag, Berlin 1928.Abb. aus Jürgen Holstein (Hrsg.): Buchumschläge in der Weimarer Republik. Taschen Verlag, Köln 2015.

Wer eine farbigere Vorstellung dieser Jahre gewinnen will, freilich ohne den analytischen Anspruch Kershaws, wird von Philipp Blom mit seinem Buch „Die zerrissenen Jahre. 1918–1938“ besser bedient (dtv, München, 2. Aufl. 2016. 584 S., 12,90 €). Der in Wien lebende Schriftsteller und studierte Historiker erzählt von einer Zeit, die verwirrend vielfältig war und die im Gegensatz zur heutigen Globalisierung abgrundtiefe Unterschiede zwischen Ländern und ihren Metropolen kannte. Freilich bilanziert auch Blom: „Der kurzlebige Hedonismus der Goldenen Zwanziger Jahre, die zwielichtigen Berliner Bars, die Tanzlokale und rauschenden Feste überall boten vorübergehend Zuflucht, konnten aber keinen Weg in eine bessere Zukunft weisen.“ Das galt beileibe nicht nur für Berlin. Schon gar die von der europäischen Linken bewunderte Sowjetunion bot keine Perspektive, wie Blom in einem dichten Kapitel über das Chaos beim Aufbau der Industriestadt Magnitogorsk schildert.

Die entwickelten Industriestaaten des Westens erlebten und erlitten demgegenüber den Fast-Zusammenbruch des Kapitalismus. Kershaw legt den Schwerpunkt allerdings auf das Versagen der Regierungen, die das „schreckliche Durcheinander“, wie der große Keynes es nannte, nicht zu ordnen verstanden. Da bleibt Kershaws Darstellung, so sehr sich der Autor um plastische Alltagsszenen bemüht, doch vergleichsweise knapp. Schade, dass das im Vorjahr auf Deutsch veröffentlichte Buch „Sintflut. Die Neuordnung der Welt 1916–1931“ des in Yale lehrenden Wirtschaftshistorikers Adam Tooze, dessen vorangehende Darstellung der Ökonomie des NS-Staates Maßstäbe gesetzt hat, mit der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1931 endet (Siedler Verlag, München 2015. 720 S., 34,99 €).

Der Faschismus an der Macht

Tooze hätte womöglich Genaueres zum Versagen der Wirtschaft sagen können. Kershaw hingegen ist schnell wieder bei der reinen Politikgeschichte. Die beherrscht er glänzend. Übrigens vergleicht er im Weiteren ganz selbstverständlich die Regime in Italien, Deutschland und der Sowjetunion und benennt Ähnlichkeiten und Unterschiede – von der Hysterie, die einem Ernst Nolte bei freilich überpointierter Zuspitzung solchen Vergleichens entgegenschlug, wird Kershaw dank seiner nüchternen Faktensammlung verschont bleiben.

Warum der Faschismus in beinahe ganz Europa an die Macht kam oder nach ihr zumindest griff, ist wieder und wieder erörtert worden. Es bedurfte, von Land zu Land verschieden, eines Bündels an Voraussetzungen. Allen Faschismen voraus geht jedoch das Versagen der Demokratie, wie stark sie im Einzelfall auch ausgeformt sein mochte. Zeitgleich mit Kershaw hat der Konstanzer Historiker Boris Barth das Buch „Europa nach dem Großen Krieg. Die Krise der Demokratie in der Zwischenkriegszeit 1918–1938“ vorgelegt, das eben darauf den Schwerpunkt legt (Campus Verlag, Frankfurt/M. 2016. 361 S., 34,95 €).

Schwäche der Demokratie

Ähnlich wie Kershaw sieht auch Barth die Ursache für die Schwäche der Demokratien in dem fatalen, ethnisch aufgeladenen Nationalismus, den der Weltkrieg überall hinterlassen hat. „Noch um 1900 stellten kohärente Nationalstaaten global die Ausnahme dar“, ruft Barth in Erinnerung: „Die dominante territoriale Organisationsform war das Imperium.“ Doch „nicht so sehr die Gewalterfahrungen des Weltkriegs, sondern vor allem die Nachkriegskämpfe zwischen 1919 und 1921/22 waren dafür verantwortlich, dass die internationale Lage instabil blieb.“ In der Perspektive des forcierten Nationalismus gab es überall nur Verlierer, wie Italien beispielhaft vorführt. Aber auch in der neugeschaffenen Tschechoslowakei als einem faktischen „Vielvölkerstaat“ gab es ein politisches Gefälle von der tschechischen Staatsnation hin zu den Minderheiten, zu denen auch und gerade die Slowaken gehörten, deren Sprache als „Dialekt“ ohne amtlichen Status blieb. Sehr aufschlussreich ist Barths Schilderung der Entstehung eines nationalen Mythos um die tschechischen Legionäre, die im Krieg gegen die Habsburgermonarchie gekämpft hatten, wie parallel dazu der Nationalmythos des von der zaristischen Herrschaft befreiten Polen.

Kollektive Erinnerung

Die Analyse der kollektiven Erinnerungen gehört zu den Stärken dieses Buches. Hinsichtlich der Demokratie-Schwäche sagt es jedoch nicht unbedingt Neues. Bereits 1965 legte der deutsch-amerikanische Historiker Karl J. Newman mit seinem Buch „Zerstörung und Selbstzerstörung der Demokratie. Europa 1918– 1938“ eine Darstellung der Fehlkonstruktionen Nachkriegs-Europas vor, die sich bei erneuter Lektüre als erstaunlich frisch erweist. Auch historische Erkenntnisse unterliegen offenbar der zyklischen Wiederkehr.

Bei Kershaw, und das versteht sich in Anbetracht seiner langjährigen Beschäftigung mit Hitler von selbst, nimmt die Darstellung von Ideologie und Praxis des NS-Staates breiten Raum ein. Dazu kommt die Schilderung des Krieges. Schon die junge Sowjetunion fand im Buch vor allem als Ort nie endender Gewalt ihren Platz, die sich bruchlos vom Bürgerkrieg über die Zwangskollektivierung in den Großen Terror der dreißiger Jahre fortsetzt. Nun aber bricht die Gewaltorgie des deutschen Einmarschs über den Stalin-Staat herein und übertrifft mit dem planvollen Völkermord alle vorangegangenen Schrecknisse.

Churchill und Orwell

Über der Darstellung des Krieges im Osten verliert Kershaw nicht den spezifisch britischen Blickwinkel und zeigt pointiert, wie Churchill seine Politik stets unter die Prämisse der Erhaltung des Empire stellt – eine Perspektive, die hierzulande fremd bleiben muss. Britisch auch die Hervorhebung der Bedeutung George Orwells, dessen Romanen Kershaw bescheinigt, „kein anderes literarisches Werk unmittelbar nach Kriegsende“ habe „größeren Einfluss auf die Haltung zur Sowjetunion“ ausgeübt als „Farm der Tiere“ und „1984“.

Nach dem Ende des Krieges existierte Deutschland nur mehr als Besatzungsgebiet. Damit war ein Kernproblem der europäischen Geschichte ausgeschieden. „Ein entscheidender und destruktiver Faktor der Kontinuität, die sich seit der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg bis 1945 durch die europäische Geschichte gezogen und ihr tiefe Narben zugefügt hatte, war Deutschlands Ehrgeiz, zur Weltmacht zu werden (...). Diese Ambitionen hatten zur Explosion von 1914 beigetragen, hatten nach 1918 in der unglückseligen Demokratie zwar nachgelassen, waren aber niemals ganz verschwunden. Nach 1933 waren sie schließlich mit enorm vergrößertem Aggressionspotenzial wiedergekehrt und hatten direkt in den Zweiten Weltkrieg geführt.“

1945 war das Ende - in jeder Hinsicht

Nicht Christopher Clarks These von den „Schlafwandlern“, sondern eher diejenige Fritz Fischers vom „Griff nach der Weltmacht“ stand bei Kershaws Grundüberzeugung Pate. Die Konsequenz indessen bleibt dieselbe: „In der totalen Niederlage von 1945 aber war dieser“ – deutsche – „Ehrgeiz ein für alle Mal zerschlagen worden.“

Mit anderen Worten: Das Jahr 1945 mit dem Ende des Weltkriegs und – nicht minder bedeutsam – der Heraufkunft des nuklearen Zeitalters in seiner zerstörerischen Gestalt der Atombombe markieren die denkbar tiefste Zäsur, die je ein Jahrhundert aufwies. „To Hell and Back“ hat Kershaw, wie gesagt, sein im Übrigen glänzend geschriebenes Buch im Original genannt; und dieses „back“, diese – so Kershaw – „Heilung von Europas Selbstverbrennung“ nach 1945 nährt mit gutem Grund die Hoffnung, dass der alte Kontinent die anstehenden Krisen des 21. Jahrhunderts besser meistert – und vor allem ohne jene allgegenwärtige, alles vernichtende Gewalt, die das vergangene Säkulum kennzeichnet.

Ian Kershaw: Höllensturz. Europa 1914 bis 1949. Aus dem Englischen von Klaus Binder, Bernd Leineweber, Britta Schröder. DVA, München 2016. 768 S., geb. 34,99 €.