China gewinnt mehr und mehr an Bedeutung : Vom Futur zum Präsens

Frank Sieren, Theo Sommer und Kai Strittmatter sinnieren über die künftige Rolle Chinas in der Welt.

Über China wurde bislang im Futur geschrieben: China wird zur Supermacht, wirtschaftlich wie militärisch. China wird zum globalen Hegemon. China wird am Westen vorbeiziehen – erst an Europa, dann an Amerika. Nun werden diese Thesen zunehmend im Präsens verfasst. Drei Neuerscheinungen sind Beispiel dafür – ob von Frank Sieren, Theo Sommer oder Kai Strittmatter.

Sieren gilt als einer der führenden Experten Deutschlands für das „Reich der Mitte“. Seit nunmehr einem Vierteljahrhundert beschreibt der Journalist, Buchautor und Dokumentarfilmer die Entwicklungen in der Volksrepublik. Nun legt er das erste Buch vor, das explizit den globalen Einfluss der neuen Supermacht beleuchten soll. Dazu spannt er einen weiten Themenfächer auf, beginnend bei der Wirtschaftskraft: Schon heute trage China mehr als 30 Prozent zum Wachstum der Weltwirtschaft bei. Die Vereinigten Staaten schafften nicht einmal die Hälfte. Schlusslicht Europa bringe es nur noch auf gut sieben Prozent. Und China steht erst am Anfang seines Aufstiegs.

Die Neue Seidenstraße

Ausgehend von dieser Entwicklung erläutert er, wie Peking inzwischen auf allen Kontinenten seinen Einfluss ausbaut und dabei den Westen herausfordert: ob in der Autoindustrie, die China auf den Feldern E-Mobilität und Autonomes Fahren revolutioniert; ob in den Bereichen Digitalisierung und speziell Künstliche Intelligenz, wo die Volksrepublik inzwischen auf Augenhöhe mit den USA steht; ob in Afrika, wo chinesische Unternehmen in die Gewinnung von Bodenschätzen, in Infrastruktur und zunehmend auch in die Leichtindustrie investieren; oder im Rahmen des 1000-Milliarden-Dollar-Projekts der Neuen Seidenstraße, die bis nach Duisburg, den größten Binnenhafen der Welt, reicht und für die Peking auch zahlreiche Staaten Osteuropas gewonnen hat.

Was folgt aus alldem? Sieren zieht einen historischen Vergleich: Jahrhundertelang sei es selbstverständlich gewesen, dass der Westen die globalen Spielregeln bestimmte. Im 17., 18. und 19. Jahrhundert seien es die Europäer gewesen, im 20. die Amerikaner. Nun erkennt er den Beginn eines epochalen Wandels: Erstmals seit Jahrhunderten werde ein asiatisches Land zur Weltmacht. Und damit verschiebe sich der globale Machtschwerpunkt nach Asien.

Amerika macht den Weg frei

Gibt es also eine Art historischen Freifahrtschein für einen weltweiten Durchmarsch Chinas? Sieren befürchtet, dass der Westen den gerade selbst ausstellt, voran die USA unter Donald Trump mit ihrem wachsenden Widerwillen, weiterhin den Weltpolizisten zu geben. Überall, wo sie sich zurückzögen, rücke China nach. Trump habe „America first“ gerufen und „more China“ bekommen. Als typisch für derlei Umbruchsphasen sieht Sieren auch das Verhalten der Europäer: Die Etablierten, die von den Aufsteigern unter Druck gesetzt würden, stritten sich untereinander, statt zusammenzuhalten. Dieses Phänomen beobachtet er zugleich im Zusammenspiel von Europa und Amerika. Und auch hier sei China der lachende Dritte.

Als dieser Entwicklung einfach nur ausgeliefert soll sich der Westen allerdings nicht verstehen. Selbstverständlich könne und solle er jederzeit versuchen, die Chinesen von dem zu überzeugen, was ihm, dem Westen, wichtig sei. Dazu zählen für Sieren selbstverständlich Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit. Für ihn gilt: Je stärker China wird, desto klarer müssen die Europäer sagen, wo der Weg Pekings ihre Interessen berührt, was sie anders sehen und was sie stattdessen wollen. Wenn sie China eigene Interessen nicht absprechen wollten, könne ihnen umgekehrt China nicht absprechen, gleichfalls eigene Interessen zu verfolgen.

Eines dieser europäischen Interessen sollte nach Sierens Analyse sein, die Chinesen in der Welt nicht mehr so frei wie bisher ins Spiel kommen zu lassen. Hier macht er drei Handlungsfelder aus: die Annahme der Herausforderung des globalen Wettbewerbs, eine große europäische Afrika-Initiative sowie Mitwirkung an der Neuen Seidenstraße mit eigenen Werten und Ideen.

Zeigt sich bei Sieren sehr deutlich, wie stark das Ringen um globale Kontrolle auch weiterhin mit dem Ringen um Werte verknüpft ist, so fragt gleichermaßen Kai Strittmatter, was Chinas Griff nach der Macht für den Westen bedeutet. Auch beim Korrespondenten der „Süddeutschen Zeitung“ in Peking präsentiert sich das Reich der Mitte als Boomland und wirtschaftliche Erfolgsstory, wo aus einem Drittwelt-Land einer der dynamischsten Motoren der Weltwirtschaft wurde. Doch bei Strittmatter steht eine parallele Entwicklung im Fokus, die Chinas Beziehungen zur übrigen Welt mindestens genauso prägen dürfte wie die ökonomische Verflechtung: die politische Rückkehr der Volksrepublik zur Ein-Mann-Autokratie.

Europa muss sich zeigen

Strittmatter stellt fest, dass Staatspräsident Xi Jinping in sich eine Machtfülle vereint wie vor ihm nur Mao Tse-Tung. Nun baue er das Land grundlegend um. Nach innen entwickelt es sich nach Strittmatters Beobachtung zu einer „perfekten Diktatur“: Modernste Technologien sollen die Wirtschaft in die Zukunft katapultieren und gleichzeitig in gigantischen Datenmengen möglichst jeden Schritt und jeden Gedanken von Bürgern und Besuchern erfassen, verknüpfen und auswerten. Das Ziel sei die totale Kontrolle der Partei über alle und alles.

Auf diesem Weg sieht Strittmatter ein neues China entstehen, das zur direkten Herausforderung der westlichen Demokratien werde. Denn nach außen trete Peking immer selbstbewusster auf und treibe seinen Einfluss in der Welt voran. Dabei könne es aus der Schwäche des Westens Gewinn ziehen. Strittmatter erinnert daran, dass ebendieser Westen in China einst Vorbild an wirtschaftlichem Erfolg und an Prinzipien gewesen war. Beides habe in den vergangenen Jahren Schaden genommen – durch die Finanzkrise 2008, den Brexit, die Wahl Trumps und die Erfolge der Rechtspopulisten in Europa.

Viel mehr, als mit dem Finger auf China zu zeigen, geht es nach Strittmatters Urteil am Ende darum, dass sich die Europäer an die eigene Nase fassen. Sie sollen zurückfinden zu Geschlossenheit und zum Wissen um die Stärke und Leuchtkraft der Ideen, für die so viele Generationen vor ihnen gekämpft haben. Denn stark seien diese Ideen. Die Kommunistische Partei Chinas fürchte noch immer die Anziehungskraft der westlichen Demokratien und ihrer Werte.

Zwänge der Politik

Wird es am Ende also doch gute Nachrichten für den Westen geben? Theo Sommer ist von zweierlei fest überzeugt: Erstens stehe China vor enormen inneren Problemen: Überschuldung, Überalterung, Verstädterung, Umweltverseuchung, wachsender sozialer Ungleichheit und dem Wohlstandsgefälle zwischen Stadt und Land, dazu vor der Umsteuerung der Wirtschaft von der Werkbank zum Innovationschampion. Zwar erblickt der ehemalige Chefredakteur und Herausgeber der „Zeit“ hier gewaltige Herausforderungen, aber die Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat den Journalisten und Historiker, der seit fast einem halben Jahrhundert immer wieder China bereist, zu der Hoffnung gebracht, dass eine klug regierende und einfühlsam reagierende autoritäre Staatsführung damit fertigwerde.

Zweitens glaubt Sommer, dass Chinas auftrumpfende, von einer Mischung aus Selbstgefälligkeit und Triumphalismus geprägte Außenpolitik den Zwängen der internationalen Politik nicht werde standhalten können – vorausgesetzt, Amerika und Europa könnten den Pekinger Machthabern glaubhaft machen, dass sie sehr wohl bereit seien, der Volksrepublik im Konzert der Mächte den ihr gebührenden Platz einzuräumen, dass sie jedoch willens und fähig seien, jeglichem Streben nach Hegemonie entgegenzutreten.

Konkurrent und zugleich Partner

In der Folge erwartet Sommer Beziehungen zwischen Ost und West, die ambivalent, prekär und schwierig bleiben. China werde, wie andere Großmächte auch, einesteils ein Konkurrent sein und anderenteils ein Partner – zuweilen ebenso ein Kontrahent wie ein Gegenspieler. Damit wird aus dem Präsens der China-Deutung dann doch wieder ein Futur. Wird sich das in Büchern der Zukunft erneut umdrehen?

Frank Sieren: Zukunft? China! Wie die neue Supermacht unser Leben, unsere Politik, unsere Wirtschaft verändert. Penguin, München 2018. 365 S., 22 €.

Theo Sommer: China First. Die Welt auf dem Weg ins chinesische Jahrhundert. C. H. Beck, München 2019. 480 S., 26 €.

Kai Strittmatter: Die Neuerfindung der Diktatur. Wie China den digitalen Überwachungsstaat aufbaut und uns damit herausfordert. Piper, München 2018. 288 S., 22 €.