Das Erbe von Franco, Salazar und Papadopoulos : Südeuropas Diktatoren

Spanien, Portugal und Griechenland wurden lange diktatorisch regiert

Hannes Schwenger
Grigorios Spantidakis (Premierminister), Georges Zoitakis (Verteidigungsminister) und Stylianos Pattakos (Innenminister).
Grigorios Spantidakis (Premierminister), Georges Zoitakis (Verteidigungsminister) und Stylianos Pattakos (Innenminister).Foto: AFP

War da was? Jörg Ganzenmüller, Jahrgang 1969, ist als Historiker Professor für europäischen Diktaturenvergleich, hat aber nur den Fall der osteuropäischen Diktaturen um 1989 erlebt. Für seine Generation zählen die Diktaturen in Spanien (1939–1975), Portugal (1926–1974) und Griechenland (1967–1974) bereits – mit dem Titel seiner Dokumentation einer Tagung der Stiftung Ettersberg – zu „Europas vergessenen Diktaturen“. Zwar setzt er dahinter ein Fragezeichen, aber wer die Beiträge der Teilnehmer aus sechs europäischen Ländern liest, begegnet vor allem Berichten über verdrängte, vergessene und unbewältigte Diktaturvergangenheiten – die dennoch nicht enden wollen, wenn eine Enkelgeneration neue Fragen stellt.

Das Problem Osteuropas

Nicht so in Polen, wie Wlodzimierz Borodziej zum Thema Diktaturenvergleich berichtet: „Was wir über das Geschichtswissen der heutigen polnischen Jugend – insbesondere zur Periode des Staatssozialismus – wissen, ist, dass dieses Wissen gegen null tendiert.“ Allerdings sind das auch die jüngsten Enkel einer europäischen Diktatur. Und mal ehrlich: Was wussten 68er in Westeuropa über die Geschichte ihrer damals noch existierenden Diktaturen? Für alle drei, Francos Spanien, Salazars Portugal und das Griechenland der Obristen genügte Hitlers Enkeln das platte Etikett „Faschismus“. Dass Portugal und Griechenland der Nato angehörten, verbuchten sie unter Systemzugehörigkeit zum Kapitalismus, der für sie bekanntlich zum Faschismus führte.

Der lange Übergang

Dabei hätte auch ihnen die Lektüre des vorliegenden Sammelbands gutgetan, in dem Historiker aus diesen Ländern über die Vorgeschichte und Wirklichkeit ihrer „vergessenen Diktaturen“ und die sehr unterschiedlichen Gründe für das Vergessen im eigenen Land berichten. Weder lassen sich die drei südeuropäischen Diktaturen umstands- und unterschiedslos als faschistisch charakterisieren noch sind ihre Verbrechen einfach vergessen, sondern auf jeweils eigene Art verarbeitet worden.

Während in Spanien, dessen „Caudillo“ Franco zwar wie der „Duce“ und der deutsche „Führer“ als Autokrat regierte, aber sein Land doch aus ihrem Krieg heraushielt, die Monarchie restaurierte und so unfreiwillig die friedliche Transition zur Demokratie ermöglichte, begnügte sich Portugals Diktator Salazar mit einem autoritären Regime ohne faschistische Staatspartei und Führerkult. Vierzig Jahre lang regierte er als „Dr. Salazar“ im stillschweigenden Bündnis mit Militär, Wirtschaft, Großgrundbesitz und mittleren Landwirten, abgesichert durch eine kleine, aber allmächtige Geheimpolizei.

Sein Regime – er starb 1970, sein Nachfolger Caetano regierte nur wenige Jahre – wurde zwar unblutig durch die „Nelkenrevolution“ junger Offiziere gestürzt. Aber der Übergang zur parlamentarischen Demokratie war dennoch keine friedliche Transition, sondern ein Grabenkampf zwischen Linksradikalen und Gemäßigten um ein parlamentarisches Regime. Erst nach zwei Putschversuchen von rechts und links gelang es den Sozialisten mit Mario Soares, die Demokratie zu stabilisieren und die portugiesische Gesellschaft mit sich zu versöhnen – zu deren Glück, denn Henry Kissinger und die USA hatten zeitweise erwogen, das Land international zu isolieren oder in einem drohenden Bürgerkrieg zu intervenieren.

Erinnerungen besser vergessen

Anders liefen die Dinge in Spanien, das wegen der monarchischen Konsens-Transition die franquistische Vergangenheit – von deren Denkmälern bis zu den Akten der Geheimpolizei – zunächst ruhen ließ. Zwar gibt es inzwischen ein „Erinnerungsgesetz“, aber dessen Umsetzung ist weiter umstritten, eine auch nur symbolische Versöhnung der alten Bürgerkriegsfronten nicht in Sicht.

Wieder anders erging es Griechenland, dessen Obristenherrschaft das letzte Kapitel des Bürgerkriegs von 1945–49 war, bei dem Sieger und Besiegte – die kommunistische Linke – unversöhnt geblieben waren. Die Obristen und ihr Chef Papadopoulos, eine antikommunistische Verschwörung nationalistischer Militärs („Heiliger Bund griechischer Offiziere“) putschten 1967 aus Furcht vor einem drohenden Linksruck durch Papandreous Sozialisten, mussten aber schon nach sieben Jahren aufgeben, als ihr letzter Putsch in Zypern scheiterte. Sie wurden vor Gericht gestellt, einige zum Tode verurteilt (und dann zu langjährigen Haftstrafen begnadigt). Die gemeinsam erlittene Repression von Konservativen und Linken stiftete eine verbindende Diktaturerinnerung und einvernehmliche Transition zur Republik, nachdem auch der griechische König nichts gegen die Obristen ausgerichtet hatte.

Was lehrt uns das? Wenig

Was die Erben der kommunistischen Diktaturen aus dem Vergleich mit ihren eigenen Erfahrungen lernen können, bleibt offen. Jörg Ganzenmüller als Herausgeber sieht bereits einen Gewinn in der Einnahme einer europäischen Perspektive, „nicht im Sinn einer großen europäischen Meistererzählung, sondern im Streben um die Entwicklung eines demokratischen Geschichtsbewusstseins“.

Jörg Ganzenmüller (Hrsg.): Europas vergessene Diktaturen? Diktatur und Diktaturüberwindung in Spanien, Portugal und Griechenland. Böhlau Verlag, Wien/Köln/Weimar 2018. 288 S. m. 18 Abb., 35 €.