Das Wirtschaftssystem steht in der Kritik : Eigentlich geht’s uns ganz gut

Paul Collier und Werner Plumpe beleuchten die derzeitigen Schwächen des Kapitalismus.

„Blick auf Lower Manhattan, New York City“ im Jahr 1948 von Fritz Block.
„Blick auf Lower Manhattan, New York City“ im Jahr 1948 von Fritz Block.Fritz Block, Verlag Scheidegger & Spiess

Wohin mit dem Kapitalismus? Soll man ihn abschaffen? An den Folgen der letzten Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 leidet die Welt noch heute. Anlass genug für Paul Collier, ein Manifest für einen „Sozialen Kapitalismus“ zu verfassen. Der ehemalige Leiter der Forschungsabteilung der Weltbank und heutige Professor für Ökonomie an der Universität Oxford ist international bekannt geworden durch seine Forschungen über die ärmsten Länder der Erde und seine Untersuchungen zu den Zusammenhängen zwischen Armut, Krieg und Migration. Zu seinen Bestsellern zählen „Die unterste Milliarde“ (2008), „Gefährliche Wahl“ (2009), „Der hungrige Planet“ (2011) sowie „Exodus“, 2014 und damit prophetisch vorausschauend noch vor Beginn der Flüchtlingskrise 2015 veröffentlicht, gefolgt von „Gestrandet“ im Jahr 2017.

Bestsellerautor und Wirtschaftsforscher

Sein aktuelles Buch handelt von den neuen sozialen Spaltungen, die in vielen westlichen Gesellschaften sichtbar werden. Zwar gehört Deutschland weiterhin zu den erfolgreichsten westlichen Industrienationen, aber die Konzentration von Vermögen nimmt auch hierzulande rasch zu – was nicht zuletzt die Folge einer für die deutsche Geschichte bislang einmaligen Friedensepoche ist, durch die es überhaupt erst möglich geworden ist, große Vermögen nicht nur aufzubauen, sondern sie auch noch von Generation zu Generation wachsend weiterzugeben.

Ein Phänomen, das etwa in den Vereinigten Staaten ungleich länger zu beobachten ist, da es dort seit dem Ende des Bürgerkrieges vor nunmehr 150 Jahren keine größeren Zerstörungen durch militärische Gewalt mehr gegeben hat.

Volksparteien zahlen den Preis

Wie in anderen Ländern auch, gibt es in Deutschland Unterschiede zwischen Ost und West, Nord und Süd. Darüber hinaus lassen sich zwei tiefe kulturelle Verwerfungen feststellen: zum einen zwischen den selbstbewussten Großstädtern und den in vielerlei Hinsicht abgehängten Bürgern im Rest des Landes, zum anderen zwischen den Hoch- und den Geringqualifizierten. Diese Gruppen scheinen sich heute immer unversöhnlicher gegenüberzustehen – eine Entzweiung, die zunehmend von Aggression und gegenseitiger Verachtung begleitet wird. Im dreißigsten Jubiläumsjahr des Mauerfalls gibt es zudem Anzeichen, dass sich die Gräben zwischen Ostdeutschen und Westdeutschen eher noch weiter vertiefen.

All dies hat in den Augen von Collier einen hohen politischen Preis. Wie in anderen westlichen Demokratien auch, haben die großen Volksparteien der Mitte massiv an Rückhalt verloren. Die Nutznießer sind Parteien am rechten und linken Rand. Wie andernorts ist es auch hier zu einer „Umkehrung von Autorität“ gekommen: Die Bürger vertrauen ihren Regierungen immer weniger und dafür den sozialen Medien immer mehr.

In Deutschland erkennt Collier ferner zwei Symptome kollektiver Angst – ungeachtet der wirtschaftlichen Erfolge – als besonders ausgeprägt: Wenn Menschen Zukunftsängste hätten, bekämen sie weniger Kinder: In der Tat hat Deutschland eine der niedrigsten Fertilitätsraten der Welt. Und wer sich um die Zukunft sorge, neige zum Sparen:  In der Tat weist Deutschland eine der höchsten Sparquoten in der westlichen Welt auf.

Kollektive Angst - mehr als anderswo

Werden diese Verwerfungen nicht effektiv eingedämmt, wird dies nach Colliers treffendem Urteil gravierende Folgen haben. Daher soll die Kernbotschaft seines neuen Buches keine Warnung, sondern ein Aufruf zum Handeln sein. Collier greift zu zwar altbekannten, aber immer wieder auch bewährten Instrumenten wie dem der Umverteilung: Um die größer werdende Kluft zwischen Metropolen und abgehängten Städten allmählich wieder schließen zu können, will er erhebliche Finanzmittel aufgewendet sehen, die durch Besteuerung der in Metropolen generierten, enorm angewachsenen Agglomerationen und üppig sprudelnden Produktivitätsgewinne beschafft werden könnten.

Dieses Geld sieht Collier am sinnvollsten ausgegeben für eine wohlkoordinierte Initiative, um Unternehmen einer zukunftsträchtigen Branche in sich bislang im Niedergang befindliche Städte zu locken, wobei den besonderen Traditionen der jeweiligen Stadt Rechnung getragen werden soll. Diese Wiederbelebung der Provinz will er begleitet sehen von wirtschaftlichen Pionieren, Entwicklungsbanken, Investitionsförderagenturen, guten Rahmenbedingungen durch Wirtschaftszonen und in lokalen Universitäten verankerten Wissensclustern.

Massenwohlstand nur in diesem System

Aber Collier ist nicht naiv. Die Geschichte des Kapitalismus hat ihn gelehrt, dass dieser immer wieder gespaltene Gesellschaften erzeugt, in denen viele Menschen ein Leben führen, das von Existenzängsten geprägt ist. Dennoch bezeichnet er den Kapitalismus als das einzige Wirtschaftssystem, das in der Lage sei, Massenwohlstand zu erzeugen. Und die Ereignisse der jüngeren Vergangenheit seien nichts, was dem Kapitalismus per se innewohne. Vielmehr handelt es sich nach seiner Diagnose um eine schädliche Fehlfunktion, die behoben werden muss. Dies sei zwar keine leichte Aufgabe. Aber angeleitet von besonnenem Pragmatismus könnten empirische Befunde und Analysen, die der gegenwärtigen Lage gerecht würden, Grundlage für die Konzipierung politischer Maßnahmen sein, die allmählich die gewünschte Wirkung entfalteten. Hoffnung macht Collier, dass im Anschluss an die Weltwirtschaftskrise in den dreißiger Jahren eine pragmatische Politik den Kapitalismus wieder auf Kurs brachte. Eine solche kann dies seiner Einschätzung nach heute erneut schaffen.

Grundsätzlich optimistisch gibt sich auch Werner Plumpe. Der Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Frankfurter Universität und ehemalige Vorsitzende des Deutschen Historikerverbands hat sich bereits in vielbeachteten Werken mit der Geschichte und Gegenwart von Wirtschaftskrisen, insbesondere mit der Großen Depression, der Weltwirtschaftskrise ab 1929, beschäftigt. Der Biograph des Industriellen Carl Duisberg hat dabei bewiesen, dass auch in Deutschland das Schreiben wissenschaftlicher Werke mit guter Verständlichkeit einhergehen kann.

Mythen schleifen - eine Wohltat

Nun nimmt der Träger des Ludwig-Erhard-Preises für Wirtschaftspublizistik seinen wirtschaftlich wie politisch interessierten Leser erneut an die Hand, um nicht zuletzt zahlreiche Mythen, die sich um den Kapitalismus ranken, wohltuend zu zerstören. Sein Opus Magnum kommt dabei zur rechten Zeit: Insbesondere seit der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise ab 2007 ist es wieder üblich geworden, den Kapitalismus für fast alle Übel der Welt verantwortlich zu machen. Zwar gilt er als folgenreich wie wenige andere Ideen. Und man scheint ihm auch nicht entkommen zu können, nicht einmal in der Verweigerung. Aber ihm dürfte aller historischer Erfahrung nach weder ein böser Wesenskern zugrunde liegen, noch bildet er die Summe missliebiger Begleiterscheinungen des westlichen Gesellschaftssystems.

Dem gegenüber legt Plumpe eine Geschichte des Kapitalismus vor, die zeigen soll, wie viele Probleme die kapitalistische Marktwirtschaft bereits lösen konnte – und eben nur diese. Den Kapitalismus definiert er dabei nicht als System, sondern lediglich als eine Form von Wirtschaft, in der der Konsum im Mittelpunkt steht – derjenige der wenig vermögenden Menschen, die über Jahrhunderte ihrem Schicksal überlassen waren.

Tatsächlich: Die Unterschichten stehen im Fokus

Daher sieht er im modernen Kapitalismus eine Art Ökonomie für die Unterschichten. Zum ersten Mal in der Wirtschaftsgeschichte rückten sie ins Zentrum des Interesses. Als Konsumenten spielten ihr Rang und ihre Herkunft keine Rolle mehr. Dabei ruft Plumpe in Erinnerung, wie geradezu grotesk dies anfangs auf die tonangebende geistige Welt im 19. Jahrhundert wirkte.

Nur durch den nun entstehenden Massenkonsum war die ökonomisch so erfolgreiche Massenproduktion überhaupt möglich. Dies zog zwar bereits früh Kritik auf sich. Doch bei Plumpe wird nacherlebbar, wie die kapitalistische Art des Wirtschaftens darauf reagierte und sich immer wieder wandelte. Bei ihm zeigt sich der Kapitalismus als immerwährende Revolution, als eine Bewegung ständiger Innovation und Neuerung, die so gut oder schlecht war und ist, wie sie gestaltet wurde und wird. Wohin also mit dem Kapitalismus? Die Antwort darauf liegt in ihm selbst.

Paul Collier: Sozialer Kapitalismus! Mein Manifest gegen den Zerfall unserer Gesellschaft. Aus dem Englischen von Thorsten Schmidt. Siedler Verlag, München 2019. 317 S., 20 €. - Werner Plumpe: Das kalte Herz. Kapitalismus: Die Geschichte einer andauernden Revolution. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2019. 800 S., 34 €.

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