Der "Alte Fritz" in der Geschichtsschreibung : Zum eigenen Ich entschlossen

Tim Blanning hat eine lesenswerte Biografie des Preußenkönigs Friedrich des Großen geschrieben.

Konstantin Sakkas
Adolph Menzel malte die „Begegnung Friedrichs des Großen mit Joseph II. in Neiße im Jahr 1769“.
Adolph Menzel malte die „Begegnung Friedrichs des Großen mit Joseph II. in Neiße im Jahr 1769“.Staatl. Museen Berlin

Von der „jahrhundertealten britischen Besessenheit vom unbritischsten aller Wesen“ schrieb der große Militärhistoriker Christopher Duffy 1985 augenzwinkernd in der Einleitung zu seinem Werk über Friedrich den Großen als Heerführer. Nun hat diese Besessenheit eine neue Blüte getrieben: Der Cambridge-Emeritus Tim Blanning, in Großbritannien eine Autorität für neuere deutsche Geschichte, hierzulande aber eher unbekannt, hat bereits 2015 eine monumental angelegte Biografie des „Großen Königs“ publiziert, die am morgigen Donnerstag – endlich, möchte man sagen – im Beck-Verlag erscheint.

Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Zwar versucht sich Blanning gar nicht erst an einer geschichtsphilosophischen Einordnung, wie sie sein Kollege Christopher Clark in seinem jüngsten Buch, „Zeit und Macht“, unternimmt. Dafür aber befreit er den Friedrich-Diskurs einmal mehr von allen Schlacken, die sich ihm im Laufe des „deutschen Sonderwegs“ angehaftet haben, und betrachtet den König als Kind – und als Mann – seiner Zeit. Sein weltläufiger, um die eigene Meinung nicht verlegener Duktus hebt das Buch zudem von Johannes Kunischs zweifellos bravouröser, aber auch aseptischer Standardbiografie von 2004 wohltuend ab.

War er nun homosexuell?

Umstürzend Neues fördert Blanning nicht zutage, aber dankenswerterweise legt er den Fokus auf ein Kapitel, das in der Friedrich-Rezeption seit je wie der sprichwörtliche Elefant im Raum steht: die vermutete Homosexualität Friedrichs. Sie ist für ihn eine Tatsache.

„Früher ein Tabu“, sei seine sexuelle Identität und Aktivität in der Fachliteratur leider immer noch „ein heikles Thema“. Blanning aber ist es „zu wichtig, um unter den Teppich gekehrt zu werden“. Immer wieder wird er in seiner Narration von „Friedrichs Leiden und Größe“ darauf zurückkommen, beginnend mit dem, was er im englischen Original „the breaking of Frederick“ nennt: die physische und psychische Zerstörung des feinsinnigen und lebensbejahenden Prinzen durch den tyrannischen und bigotten Vater, den Soldatenkönig.

Abgrenzung vom Vater: ein klassischer Konflikt

Nachdem der Tod des schlagflüssigen Cholerikers im Mai 1740 den Sohn aus seiner „ägyptischen Knechtschaft befreit“ hatte, habe Friedrich alles darauf angelegt, sich von diesem Vater abzugrenzen: kulturell, indem er der Aufklärung, den schönen Künsten und vor allem dem Vorbild Frankreich huldigte; privat, indem er sich mit einer „homosozialen, homoerotischen und wahrscheinlich auch homosexuellen“ Tafelrunde kultivierter Männer umgab, die oft als Gegenentwurf zum Proletentum des väterlichen „Tabakskollegiums“ apostrophiert wurde; politisch aber, indem er nicht etwa das Erbe des Vaters verwarf, sondern ihn durch Leistung und Erfolge zu übertreffen suchte.

Friedrichs wesentliche Motive, den ersten Krieg um Schlesien anzufangen – er selbst sprach vom „Rendezvous des Ruhms“ –, seien persönliche gewesen, schlussfolgert Blanning und setzt sich wohltuend von der Verdammungsrhetorik früherer Historikergenerationen ab, die in der Annexion der österreichischen Provinz mit G. P. Gooch „eines der sensationellsten Verbrechen der Geschichte“ zu erkennen meinten. Es ist bezeichnend, dass dieses ebenso kanonische wie gouvernantenhafte Diktum – Goochs prägte es, noch frisch unter dem Eindruck des Zweiten Weltkriegs, in seiner Biografie von 1947 – in diesem Buch eines britischen Historikers nirgends zitiert wird.

Die europäische Konstellation

Anstatt also zu moralisieren, dringt Blanning lieber in die Tiefe der geopolitischen Zusammenhänge des 18. Jahrhunderts, auch dies ein Feld, das, ähnlich wie Friedrichs Sexualität, von deutschen Historikern gerne gemieden wird, und führt den Nachweis, dass es nicht allein der Tod Kaiser Karls VI. am 20. Oktober 1740, sondern der der Zarin Anna (einer Nichte Peters des Großen) bereits drei Tage vorher war, der für Friedrichs schlesisches Unternehmen den letzten Ausschlag gab.

Nicht ohne Anerkennung zitiert er auch Friedrichs Verdikt, dass erst Maria Theresia (und das bereits in den 1740ern) eine „östliche Macht“ – nämlich Russland – „in das europäische Staatensystem geholt“ habe, „um das Kräftegleichgewicht im Westen wieder auszubalancieren“: So habe die Erste Polnische Teilung 1772 vor allem der Verhinderung eines Krieges zwischen Russland und Österreich gegolten, deren Interessensphären schon damals in Südosteuropa angesichts des wankenden Osmanischen Reiches kollidierten. Friedrich sei dagegen nur „lachender Dritter“ in diesem Kuhhandel gewesen – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Friedrich geht jedes Risiko ein

„Friedrichs unbeugsamer Wille und seine rücksichtslose Entschlossenheit, durchzuhalten, gleichgültig wie aussichtslos die Situation aussah“, lassen sich nach dieser Lektüre hinreichend durch das Martyrium seiner Jugend erklären, ebenso wie sein erstaunlich enges Verhältnis zu seinen Soldaten, das Blanning in einem fabelhaften Bild mit dem „eines Highland-Chiefs und seinem Clan“ vergleicht, aber auch die bemerkenswerte Tatsache, dass er „keine Schlachtengemälde seiner Siege im triumphalen Stil Ludwigs XIV.“ in Auftrag gab.

Das intime Ambiente von Sanssouci habe sich „von jedem anderen Hof unterschieden“, und so unoriginell, ja reaktionär Friedrichs literarischer und musikalischer Geschmack auch gewesen sei, so einzigartig seien sowohl Sanssouci als auch die angeschlossene Gemäldegalerie, bekanntlich die älteste frei stehende ihrer Art in Europa.

Ein Vergleich vom Fußballplatz

Unhistorische Vergleiche mit Hitler, wie sie im Rahmen des Sonderweg-Diskurses jahrzehntelang gängig waren (und teils immer noch sind), vermeidet dieses Buch sorgfältig – bis auf einen, der aber ganz unerwartet ausfällt: „Friedrich spaltet die Geister dermaßen, dass er für sich in Anspruch nehmen kann, die kontroverseste Gestalt der deutschen Geschichte zu sein, weit mehr als Adolf Hitler, über den nur ein einziges Verdikt ausgesprochen wird (zumindest in der Öffentlichkeit).“ Eine Pointe, die sich nur wenige deutsche Fachhistoriker leisten würden – ebenso wie das herrliche Aperçu aus der Fußballwelt, wonach die Eroberung Schlesiens für Friedrich „wie der Gewinn eines Sechs-Punkte-Spiels“ gewesen sei.

Das unzerstörbare Charisma

„Das Besondere an Friedrich war, dass seine Niederlagen nicht zur Zerstörung seines Charismas führten, eher im Gegenteil.“ Blannings formidable, wenn auch nicht revolutionäre Biografie liest sich wie eine Bestätigung dafür aus rezeptionsgeschichtlicher Sicht.

Gerade weil sie sich nicht in weberianischen Worthülsen wie „Königtum der Widersprüche“ (Theodor Schieder) erschöpft, sondern einen Blick von innen und ins Innere riskiert, hilft sie uns, nicht nur Friedrich, sondern auch seine Epoche in ihrer longue durée besser zu verstehen. Einen neuen Maßstab für historische Biografik hat Tim Blanning mit diesem Buch allemal gesetzt.

Tim Blanning: Friedrich der Große. König von Preußen. Eine Biographie. Verlag C. H. Beck, München 2019. 718 S. m. 32 Abb. und 19 Karten, 34 €.