Der politische Liberalismus in Deutschland : Langer Lehrgang

Hans Fenske fasst sich dennoch kurz und hält sich an die FDP.

Hannes Schwenger
Hildegard Hamm-Brücher neben Hans Dietrich Genscher beim Parteitag der FDP 1976.
Hildegard Hamm-Brücher neben Hans Dietrich Genscher beim Parteitag der FDP 1976.Foto: imago/Sven Simon

Die Literatur zum Liberalismus füllt ganze Bibliotheken“, warnt Hans Fenske – emeritierter Freiburger Historiker – im Vorwort zu seiner Gesamtdarstellung des deutschen Liberalismus, bevor er seinerseits noch einen Dreipfünder von 800 Seiten hinzufügt. Davon widmen sich 600 Seiten der Ideengeschichte des Liberalismus seit dem 18. Jahrhundert und seiner Parteien seit dem 19. bis zum Ende der Weimarer Republik. Beides kann sich auf den gesicherten Forschungsstand „ganzer Bibliotheken“ stützen und erspart dem fachfremden Leser durch eine gut lesbare Verdichtung deren Studium, während die folgenden vierzehn dünnen Seiten über Liberale zwischen Anpassung und Widerstand im „Dritten Reich“ nur sehr kursorisch ausfallen.

Darin wird die Zustimmung der Liberalen – Theodor Heuss, Ernst Lemmer, Reinhold Maier und zwei weitere Abgeordnete – zu Hitlers Ermächtigungsgesetz nur mit wenigen Sätzen gestreift und die Rolle liberaler Diskussionszirkel im „Dritten Reich“ („vorsichtshalber waren alle diese Gruppen sehr klein“) pauschal als Widerstandsnester gewürdigt. Der Freiburger Emeritus Fenske versäumt aber nicht, vor allem auf Freiburg – Bonhoeffer, Ritter und die Denkschrift des „Freiburger Kreises“ – zu verweisen. Nicht ganz überraschend folgt die Berufung auf Günter Weisenborns Dokumentation „Der lautlose Aufstand“ (1953), wonach Millionen Deutsche mit dem NS-Regime nicht einverstanden gewesen seien und „sich innerlich von Fall zu Fall empörten...sie ballten die Faust in der Tasche“. Ein „Persilschein“ für Liberale?

Die Falschmeldung von der "Roten Kapelle"

Wohl kaum, denn Weisenborn selbst saß – zunächst wegen aktiven Widerstands („Hochverrat“) zum Tode verurteilt – von 1943 bis 1945 im Zuchthaus. Fenske rechnet ihn wie seine Richter der „von Arvid und Mildred Harnack aufgebauten Roten Kapelle“ zu. Die ist indessen eine Konstruktion und Sprachschöpfung der Gestapo, die Weisenborn selbst in seinem Buch zurückweist und die von der Forschung längst widerlegt ist. Nur unter ehemals braunen Seilschaften im BND spukte sie noch eine Weile als Verschwörungslegende für eine bolschewistische Unterwanderung Europas weiter.

Mit 200 Seiten umfangreicher und detaillierter fällt Fenskes Darstellung der Nachkriegsgeschichte des Liberalismus und zumal im wiedervereinigten Deutschland aus. Umso enttäuschender für Zeitgenossen und Leser der jüngsten Generation ist ihre Beschränkung auf eine bloße Chronik der FDP, ihrer Parteitage und ihres Regierungshandelns. Sie spart wichtige Bereiche des Parteilebens einfach aus, etwa Geschichte und Konflikte der Jungdemokraten und Jungen Liberalen oder die Rolle der liberalen Frauenbewegung und ihrer Kritik durch den jüngsten Feminismus.

Wo bleiben die Frauen der FDP?

Marie-Elisabeth Lüders, als Nachfolgerin Friedrich Naumanns Mitglied der Weimarer Nationalversammlung und zweimalige Alterspräsidentin des Bundestags, ist Fenske so wenig der Erwähnung wert wie ihre Mitstreiterinnen in Partei und Frauenbewegung, Marie Baum und Gertrud Bäumer.

Einen Blick auf Schattenseiten der Partei darf man von diesem Werk erst recht nicht erwarten. Schon gar nicht auf ihre Skandalchronik: die Stasiverpflichtung ihres Berliner Ehrenvorsitzenden William Borm, das Desaster ihres Ostbüros, den Fall Hanns-Heinz Porst oder die Räuberpistole um den rheinland-pfälzischen Landesvorsitzenden Hans-Otto Scholl (Genscher: „Mein lieber Scholli!“).Bei Fenske kommen weder ihre Fälle noch ihre Namen und Parteifunktionen vor.

Spaltungen und Abspaltungen

Zu kurz kommt auch die Geschichte der Spaltungen und Abspaltungen der FDP – etwa der „Freien Volkspartei“ , der „Liberalen Demokraten“ oder der „Neuen Liberalen“ – mit einst führenden Politikern der Partei, die Fenske lediglich Halbsätze und einen Platz im Register wert sind.

Noch problematischer – wenngleich aus Fenskes Sicht begründbar – ist fast dreißig Jahre nach der deutschen Vereinigung die Ausblendung der Geschichte der Liberaldemokratischen Partei der DDR. Wegen ihrer Unterwerfung unter die führende Rolle der SED wird ihre Vorgeschichte in der SBZ und frühen DDR nur bis zu ihrem Eisenacher Parteitag 1951 erzählt.

Fenske betrachtet sie danach offenbar nicht mehr als genuin liberale Partei. Dabei zitiert er selbst aus der Einleitung ihres Erfurter Programms, das Gedankengut des Liberalismus sei für sie weiter lebendig, aber „durch die jeweiligen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Gegebenheiten und Zustände bedingt“. Mit dieser dialektischen Begründung für ihren Irrweg – je nach Standpunkt Sündenfall oder Pragmatismus – könnte ihre gesamte Parteigeschichte in der DDR durchaus einen Platz in der Geschichte des deutschen Liberalismus beanspruchen. Aber wenn nicht bei Fenske, so ist sie doch schon an anderer Stelle, bei Jürgen Frölich, Mitarbeiter der Friedrich-Naumann-Stiftung, im Handbuch "Parteien und Organisationen der DDR (Dietz Verlag, Berlin 2002) nachlesbar.

Hans Fenske: Der deutsche Liberalismus. Ideenwelt und Politik von den Anfängen bis zur Gegenwart. Lau Verlag, Reinbek 2019. 872 S., 39,95 €.