Der Schreibtischtäter bei der Arbeit : Mord und Gedächtnis

Himmlers Dienstkalender der Jahre 1943-45.

Florian Keisinger

Man muss es sich bei der Lektüre der gut 1000 Seiten dieses Buches immer wieder in Erinnerung rufen: Hinter den hier veröffentlichten Notizen, oftmals nicht mehr als schludrig hingeschriebene Stichpunkte, stehen Taten; steht ein historisch unvergleichlicher Massenmord, an den europäischen Juden wie an unzähligen anderen Menschen, die den Nationalsozialisten unwert erschienen weiterzuleben.

Heinrich Himmler, seit 1929 Chef der SS und neben Hitler der mächtigste Mann des Dritten Reiches, war der federführende Architekt dieses systemimmanenten Terrors. Seine jetzt publizierten Dienstkalender der Jahre 1943 bis 1945 – der Band für die Jahre 1941-1942 ist bereits 1999 erschienen –, zusammengestellt aus dem Quellenbestand des russischen Verteidigungsministeriums und ergänzt um Dokumente des Bundesarchivs, geben einen Eindruck davon, wie die Nazi-Maschinerie in der Hochphase ihrer Vernichtungspolitik funktionierte; Massenmord als Mikromanagement.

Aus russischer Quelle

Das ist verstörend, für das Verständnis der Funktionsweise des NS-Regimes sowie seiner führenden Vertreter – sie alle tauchen in den Notizen auf – aber auch ungemein erhellend. Allgemein verständlich wird es durch die ausführliche, bis in die Details aufwendig recherchierte Einordnung von Matthias Uhl, Historiker am Deutschen Historischen Institut in Moskau, und seinen Mitherausgebern. Jeder einzelne Tagesablauf Himmlers wird von ihnen in den historischen Kontext eingeordnete, die meisten seiner zahllosen Gesprächspartner kurz vorgestellt.

Himmler arbeitete praktisch rund um die Uhr. Seine Frau und Tochter am Tegernsee sowie die Geliebte und die beiden gemeinsamen Kinder am Stadtrand von Berlin sah er nur wenige Tage im Jahr. Wenn er nicht auf Reisen war, etwa zur Inspektion der Vernichtungslager, die er ebenso häufig wie akribisch durchführte, suchte er die Nähe zu Hitler; 168 Treffen mit dem „Führer“ sind 1943- 1945 im Dienstkalender vermerkt, im Schnitt sechs Unterredungen pro Monat.

Endlösung, Aufrüstung, Doppelfamilie

Der destruktive Gestaltungsanspruch Himmlers war grenzenlos. An einem Tag befasste er sich mit der Organisation der "Endlösung", die er Hitler persönlich vortrug; anderentags überwachte er in Sobibor die Ermordung Hunderter Menschen im Gas; um kurz darauf mit dem BMW-Forschungsleiter einen neuen Raketenantrieb zu erörtern, den er in Kampfflugzeuge einbauen lassen wollte. Zugleich sorgte er persönlich dafür, dass finnische SS-Freiwillige auf Urlaub in Helsinki nach einem Saufgelage verhaftet und an die Front zurückgeschickt wurden; und informierte sich eingehend über die "medizinischen" Menschenversuche in den Konzentrationslagern, die ebenfalls in seine Zuständigkeit fielen.

Der nach gut 20-jähriger Forschungsarbeit vorliegende Abschluss der kommentierten Edition von Himmlers Dienstkalender ist eine erschütternde Lektüre. Sie zeigt, wie bis in die letzten Kriegstage die Umsetzung des ideologischen Wahns der NS-Führung vorangetrieben wurde.

Martin Holler, Jean- Luc Leleu, Dieter Pohl, Thomas Pruschwitz, Matthias Uhl (Hrsg.): Die Organisation des Terrors. Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943- 1945. Piper, München 2020. 1148 S., 48 €.