Der Zweite Weltkrieg aus der Luft : Brandbomben gegen die Moral

Sinclair McKay schildert Dresdens Untergang im Februar 1945

Wenn eine Waffe verfügbar ist, dann gibt es immer den Impuls, sie auch einzusetzen“, schreibt Sinclair McKay in seinem Buch „Die Nacht, als das Feuer kam“. Wohl wahr. Die theoretischen Überlegungen der 1930er Jahre zur künftigen Kriegsführung aus der Luft erlebten im beginnenden Zweiten Weltkrieg ihre praktische Erprobung – zuerst durch die deutsche Luftwaffe und ihre verheerenden Einsätze gegen Warschau und Rotterdam. Das Oberkommando der britischen Royal Air Force zog alsbald die Konsequenz: „Die Vorstellung von einer exakt abgeworfenen Bombe wich der Idee des flächendeckenden Bombardements.“

Erprobt wurde diese Strategie erstmals im März 1942 in Lübeck; „aus Sicht des Bomberkommandos war der Angriff ein fantastischer Erfolg.“ Knapp drei Jahr später galt ein weiterer der inzwischen routiniert durchgeführten Angriffe der bis dahin außerhalb des Kriegsgeschehens gelegenen Stadt Dresden. In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 versank Elbflorenz im Feuersturm.

Rechtfertigung und Bedenken

Das ist nun 75 Jahre her, und der Name Dresdens ist längst „zu einem Schlagwort für die abscheulichen, undenkbaren, reflexartig einsetzenden Kriegsexzesse geworden“, wie es der Journalist McKay in seiner stets etwas zu reißerischen, allerdings auch ungeschickt übersetzten Diktion ausdrückt. Braucht es ein weiteres Buch über die Zerstörung Dresdens?

Was die historischen Tatsachen angeht, sicher nicht. Doch ist das Buch für ein britisches Publikum geschrieben, und da dürften die Passagen sowohl über die Entwicklung der – vorrangig britischen – Luftkriegsführung wie auch diejenigen über die Reaktionen unmittelbar danach mit ihrem Oszillieren zwischen Rechtfertigung, Vertuschung, Bedenken und Verurteilung von besonderem Interesse sein.

Das Grauen in der Feuernacht

Was im Buch dazwischen liegt, ist die aus Archiven und Augenzeugenberichten destillierte Darstellung des Grauens selbst, des Feuersturms, des Herumirrens der Menschen, der Bergung von Verletzten und Toten. Insofern folgt McKays Buch dem etablierten Muster der „narrativen Geschichtsschreibung“, zu deren „Meisterwerken“ der Goldmann Verlag sein Erzeugnis zählt.

In Deutschland hat der Historiker Jörg Friedrich 2002 mit seinem Buch „Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940-1945“ ein umfassendes Panorama der Zerstörungen entfaltet und mit seiner zugespitzten Diktion eine langanhaltende Diskussion über die Bewertung dieser Kriegsführung ausgelöst. Darauf hat der Militärhistoriker Rolf-Dieter Müller 2004 mit „Der Bombenkrieg 1939-1945“ geantwortet. 2011 hat Dietmar Süß mit „Tod aus der Luft“. den Blick stärker auf die Auswirkungen des Bombenkriegs auf die Bevölkerungen Englands und Deutschlands gelenkt und die Erkenntnis bekräftigt, dass das „moral bombing“ – McKay wählt den zuerst in Zeitungsberichten nach der Dresdner Katastrophe verbreiteten Begriff des „terror bombing“ – gerade nicht zur Abkehr vom NS-Regime geführt hat (die Rechtfertigung der Bombardements als Behinderung der Kriegsproduktion war bereits während des Krieges hinlänglich widerlegt worden). Zuletzt hat der britische Historiker Richard Overy in seinem Opus magnum „Der Bombenkrieg. Europa 1939-1945“ eine erschütternde, weil gerade nicht effektheischende Bilanz der Luftkriegsführung erstellt.

Dresden, kein "Ruhmesblatt"

Man mag also das neue Buch von McKay zur Hand nehmen, wenn es allein um Dresden gehen soll und um den Schrecken, der aus den Augenzeugenberichten spricht. Und man mag aus McKays Darstellung der Kontroversen sowohl innerhalb des alliierten Militärs als auch – vor allem nach Dresden – in der britischen Öffentlichkeit und im Parlament ersehen, dass der moralische Kompass in der Demokratie funktionierte. Als „Ruhmesblatt“ wurde Dresden zu keinem Zeitpunkt verstanden; abgesehen von Bombergeneral Arthur Harris, genannt „The Butcher“, was in der uninspirierten Übersetzung René Steins als „Fleischer“ zu lesen ist statt treffender als „Schlächter“. Neben solchen Fehlern stoßen dem Leser etliche Stilblüten auf. Nein, ein Ruhmesblatt ist auch dieses Buch nicht.

Sinclair McKay: Die Nacht, als das Feuer kam. Dresden 1945. Aus dem Englischen von René Stein. Goldmann Verlag, München 2020. 559 S., zwei Bildteile m. 58 Abb., 22 €.