Die beiden großen christlichen Konfessionen : Zölibat und Pfarrhaus

Michael Maurer benennt die Auswirkungen der konfessionellen Spaltung.

Wolfgang Huber

Wie unsere Gesellschaft insgesamt gehen gegenwärtig auch die christlichen Kirchen durch einen tiefgreifenden Wandlungsprozess. Mochte es um die Jahrhundertwende manchen noch als verfrüht erscheinen, von einer die Kirchen einbeziehenden Zeitenwende zu sprechen, so ist eine solche Wende inzwischen mit Händen zu greifen. In Deutschland und vergleichbaren Ländern geht die Bindung an religiöse Gemeinschaften zurück. Global betrachtet schwindet hingegen die Zahl der Menschen ohne religiöse Bindung an der Weltbevölkerung.

Die religiöse Dimension von Geschichte

In einer solchen Situation zwiespältigen Wandels ist die Beschäftigung mit der Geschichte unerlässlich. Michael Maurer, Professor für Kulturgeschichte in Jena, legt Wert darauf, dass nicht nur die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Seiten historischer Prozesse, sondern ebenso deren kulturelle und religiöse Dimensionen wahrgenommen werden. Wenn das nicht geschieht, verliert das Bild der Geschichte an Genauigkeit wie Weite. Einer solchen Säkularisierung des Geschichtsbewusstseins will der Autor entgegenwirken. Sein Ausgangspunkt ist die konfessionelle Differenzierung des europäischen Christentums in Protestanten und Katholiken. Das ist allerdings eine voraussetzungsreiche Vorentscheidung. Das Buch erhält dadurch eine westeuropäische Schlagseite. Die Orthodoxie als dritte europäische Konfession, aber auch freikirchliche Strömungen, die gegenwärtig verstärkt nach Europa drängen, treten nicht in den Blick.

Das 16. Jahrhundert und die Kirchenspaltung

Indem Maurer sich dem Paradigma der „Konfessionskulturen“ anschließt, macht er die Reformation des 16. Jahrhunderts zum Ausgangspunkt der Betrachtung. Skizzenhaft erwähnt er auch die Vorgeschichte von Kirchenmusik oder Baukunst seit der Antike. Doch die auf solche Weise entstehende Fülle des Stoffs führt eher zu einem Handbuch als zu einer historischen Darstellung, die auf exemplarische Vertiefungen angewiesen ist.

Mit dem Stichwort der Konfessionskultur sind sowohl Lebensform und Selbstverständnis – in Maurers Sprache „Habitus“ und „Identität“ – der Konfessionskirchen als auch ihre Auswirkungen auf die Gesellschaftskultur insgesamt gemeint. Maurer legt mehr Wert auf den ersten dieser beiden Aspekte. Ihm ist – nach einem Überblick über die Entstehung der Konfessionsspaltung – der zweite Hauptteil des Buchs gewidmet. Mehrere seiner Abschnitte sind bewusst polar aufgebaut: Priesterzölibat und protestantisches Pfarrhaus; Maria und die Frauen in der Kirche; der christliche Sonntag und die katholischen Feiertage. Wichtige Chancen, die Auswirkungen reformatorischer Innovationen auf die Kultur darzustellen, lässt er vorübergehen. Dass die Konzentration auf die Bibel der historisch-kritischen Forschung den Weg geebnet hat, wird genauso wenig dargestellt wie die Beiträge des evangelischen Pfarrhauses zu Bildungsverständnis und Literatur.

Reform oder Gegenreformation?

Insgesamt wird die Bedeutung der Konfessionskulturen für Literatur, Musik und bildende Kunst allzu knapp abgetan. Der Barock erscheint ganz überwiegend als katholische Kunstform – mitsamt der kühnen Behauptung, nur die Frauenkirche in Dresden lasse sich als Beispiel für eine evangelische Barockkirche nennen. Es lohnt sich, Maurers Darstellung mit Jörg Lausters Buch „Die Verzauberung der Welt. Eine Kulturgeschichte des Christentums“ (2014) zu vergleichen, um zu erahnen, welche Möglichkeiten der Autor ungenutzt lässt. Lausters Buch taucht allerdings im Literaturverzeichnis nicht auf. Interessanterweise behandelt der Protestant Lauster die katholischen Erneuerungsversuche ebenso wie die protestantischen unbefangen als „katholische Reformation“, der Katholik Maurer hält dagegen am Begriff der „Gegenreformation“ fest.

Kulturbedeutung des Protestantismus

Der dritte Teil des Buchs steht unter der Überschrift „Protestantische Kulturhegemonie und Aufklärung“. Unversöhnlichkeit der Konfessionen und Ansätze zur Toleranz stehen im Zentrum dieses Teils, der den allzu pauschalen Begriff einer protestantischen Kulturhegemonie bei genauerer Betrachtung nicht rechtfertigt. Diejenigen Debatten, aus denen eine solche Vorstellung entstanden ist, werden allerdings nur knapp behandelt.

Zwar werden Max Webers Forschungen über eine Wahlverwandtschaft zwischen den puritanischen Varianten des Calvinismus und dem modernen Kapitalismus erwähnt. Aber genauer betrachtet werden sie ebenso wenig wie Ernst Troeltschs Untersuchungen zur Kulturbedeutung des Protestantismus. Maurer interessiert sich in diesen Kapiteln mehr für religionspolitische Entwicklungen im Verhältnis zwischen Kirche und Staat als für die Wirkung konfessioneller Prägungen auf die Gesellschaftskultur.

Die Überhöhung des Nationalen

Das zeigt sich auch am letzten Teil über „Rekonfessionalisierung“ und „Dekonfessionalisierung“. Beides zusammen ließe sich auch unter dem Gesichtspunkt religiöser Pluralisierung betrachten, wie wir sie in anderer Form gegenwärtig erleben. Neue Bemühungen um die Stärkung konfessioneller Identität treten in diesem Teil des Buchs genauso in den Blick wie Säkularisierungsprozesse, die durch eine Sakralisierung der Nation (über-)kompensiert werden – eine Gefahr, die sich heute in vergleichbarer Weise abzeichnet. Um solche Entwicklungen einordnen zu können, ist es gut, dass Maurer die historischen Hintergründe nicht nur Experten und religiös Geschulten, sondern einem größeren Kreis von Interessierten erschließt.

Michael Maurer: Konfessionskulturen. Die Europäer als Protestanten und Katholiken. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019. 415 S., 49,90 €.