Die Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion : Furcht vor Annäherung unbegründet

Die Aktenedition deutsch-sowjetischer Beziehungen beleuchtet den Zeitraum 1935-1937.

Im Frühjahr 1937 waberten Gerüchte über eine Annäherung der Sowjetunion an das Deutsche Reich. „Diplomaten kleiner Länder befürchten offenbar, dass die UdSSR ihre Politik ändern könnte und schenken den Gerüchten über eine eventuelle Annäherung an Deutschland eine größere Glaubwürdigkeit, als ich erwartet hätte“, schreibt der sowjetische Bevollmächtigte in Berlin an Außenminister Maxim Litwinow. Tatsächlich sollte sich eine – dann allerdings welthistorisch folgenreiche – Annäherung erst reichlich zwei Jahre später ereignen, mit der Frucht des sogenannten Hitler-Stalin-Paktes über die Aufteilung Mittel- und Osteuropas. 1937 war nicht das Jahr für solche diplomatischen Bemühungen, fand doch zum einen der Spanische Bürgerkrieg statt, der beide Staaten in feindlichen Lagern sah, und erreichte zum anderen in der Sowjetunion der „Große Terror“ seinen Höhepunkt, der die Aufmerksamkeit Stalins und des Politbüros nahezu vollständig absorbierte.

Deutscherseits gab es wenig Kenntnis der Vorgänge, sie tangierten die diplomatischen Aktivitäten auch nur insoweit, als im November 1936 gleich drei Dutzend deutsche Reichsbürger verhaftet wurden. Da allerdings beharrte die deutsche Seite auf ihren völkerrechtlich verbrieften Schutzrechten, und die sowjetische Diplomatie war sorgsam darauf bedacht, diese Rechte gewahrt zu wissen, meist gegen die aus dem Ruder laufenden Geheimpolizisten des NKWD, des Volkskommissariats für innere Angelegenheiten.

Bis zur Wegscheide des 22. Juni 1941

Nachzulesen sind diese Vorgänge im zweiten Band der von Carola Tischler und Sergej Slutsch herausgegebenen Aktenedition „Deutschland und die Sowjetunion 1933-1941“, die 691 Dokumente aus deutschen und russischen Archiven in zwei Teilbänden auf insgesamt 1800 Seiten versammelt. Der behandelte Zeitraum von Januar 1935 bis April 1937 schließt an den vor fünf Jahren vorgelegten ersten Band der Edition an, die ihren zeitlichen Abschluss mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 finden wird. Wie schon der erste Doppelband (Tsp v. 19.3.2014) ist auch der zweite eine Fundgrube von Nuancen. Oftmals tappen die Diplomaten im Nebel, wie es denn überhaupt die Aufgabe von Diplomaten sowie den – in Diktaturen besonders wichtigen – Agenten ist, Vermutungen zu sammeln und zu verdichten, die der Politik als halbwegs verlässliche Entscheidungsgrundlage dienen sollen.

Hitler interessierte sich nicht für die klassischen Formen der Außenpolitik, während die Sowjetmacht ursprünglich mit der Geheimdiplomatie gebrochen hatte, nun aber traditionelle Diplomatie betrieb. Zudem spielte die Sowjetunion im behandelten Zeitraum für Hitler noch keine Rolle, der er seine Bemühungen auf die gewaltsame Revision des Versailler Vertrages richtete. Die in der Weimarer Republik aufgebaute Beziehung zur jungen Sowjetmacht zerstob bereits in den ersten Monaten des NS-Regimes.

Ratlos gegenüber dem Großen Terror

Fortan gab es immer wieder wechselseitige Beschwerden über herabwürdigende Äußerungen der Presse; etwa, nachdem Goebbels im April 1936 anordnete, Bolschewiki jüdischer Herkunft fortan mit ihren jüdischen Geburtsnamen zu nennen – „Sowjet-Jude Litwinow-Finkelstein, Volkskommissar des Äußeren“ oder „der frühere Kommunistenführer Radek-Sobelsohn“. Radek übrigens erhob später als Angeklagter im zweiten Moskauer Schauprozess fantastische Anschuldigungen gegen Mitarbeiter der deutschen Botschaft, die die deutsche Diplomatie Wort für Wort zu widerlegen bemüht war. „Man fragt sich, ob der bereits produzierte Unsinn noch steigerungsfähig ist“, schrieb der deutsche Geschäftsträger in Moskau verständnislos ans AA nach Berlin. Man hatte im Alltag damit seine liebe Not, aber verstand die Funktion des Terrors nicht.

Wichtiger war es Botschafter Schulenburg Ende 1936, den „ideologische(n) Gegensatz des Bolschewismus zum Nationalsozialismus (...) in der Rassenfrage“ zu betonen und mit Bezug auf eine den Antisemitismus als „Überbleibsel (...) des Kannibalismus“ geißelnde Rede Molotows – „der selber nicht Jude ist“ – zu berichten, dass „die leitenden Kreise des Bolschewismus ihre Judenfreundlichkeit soeben erst bekundet haben“.

Bedeutend ist die Unterzeichnung des als „Antikominternpakt“ bekannten deutsch-japanischen Abkommens vom 25. November 1936. Joachim von Ribbentrop, damals noch deutscher Botschafter in London, tönte dazu am selben Tag über „den Bolschewismus“, Deutschland bilde „das Bollwerk gegen diese Pest im Herzen Europas“. Die hoch professionell agierende sowjetische Diplomatie verstand solche Äußerungen fälschlich nur als üblichen propagandistischen Radau.

Der Spanische Bürgerkrieg

Bemerkenswert ist, wie sehr die Frontstellung im Spanischen Bürgerkrieg heruntergespielt wurde. Botschafter Schulenburg konstatierte den „Wille(n) der Sowjetregierung, den spanischen Konflikt zu liquidieren“ und nennt deren „sicherlich nicht leichte(n) Beschluss, die Nichteinmischungsabkommen zu unterschreiben“. Carola Tischler schreibt dazu in ihrer fundierten Einleitung, "im gegenseitigen Umgang der Diplomaten" habe „der Spanische Bürgerkrieg damit die Rolle eines erheblichen Störfaktors“ eingenommen. Mehr aber auch nicht.

Überhaupt ist die Einleitung wie schon beim ersten Band der Edition unentbehrlich, um die in den Dokumenten behandelten Vorgänge verstehen zu können. Eine lückenlose Geschichte der diplomatischen Beziehungen ist auch jetzt noch nicht gegeben – weiterhin werden Dokumente etwa militärischer Art im heutigen Russland geheim gehalten. Und doch bedeutet die Edition einen weiteren großen Schritt zum Verständnis der für das 20. Jahrhundert so fundamentalen Beziehungen zwischen Deutschland und der Sowjetunion.

Sergej Slutsch, Carola Tischler (Hrsg.): Deutschland und die Sowjetunion 1933- 1941. Dokumente aus russ. u. dt. Archiven. Band 2: 1935-1937. De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2019. 2 Teilbde., 1799 S., 229 €.