Die chinesische Schrift : Jeder Strich muss sitzen

Thekla Chabbi erklärt Eigenheiten und Wandlungen

Gereon Sievernich

Das neue Buch der Sinologin und Übersetzerin Thekla Chabbi handelt von Geschichte und Aktualität der ältesten Schrift der Welt, die heute noch in Gebrauch ist. Arg konstruiert wirkt allerdings der Titel „Die Zeichen der Sieger. Der Aufstieg Chinas im Spiegel seiner Sprache“, der einen Zusammenhang zwischen dem Aufstieg Chinas zur mächtigsten Wirtschaftsnation und seiner nichtalphabetischen Schrift und Sprache herstellen will. Immerhin waren die Schriftzeichen wie auch deren Aussprache und die vielen alphabetischen und anderen Umschriften im China des 20. Jahrhunderts Gegenstand heftigster Debatten. Die seit 1949 regierende kommunistische Partei will heute chinesisch zur lingua franca in Ostasien machen. Aber von ihrer Gründung 1921 bis in die 1950er Jahre wollte sie die Schriftzeichen als Modernisierungshindernis eher abschaffen.

Schon Kaiser Qin normierte die Schrift

Etwa 3200 Jahre alt ist die chinesische Schrift. Neue Funde sollen noch weiter zurück weisen. Ein Gelehrter entdeckte 1898 in einer Pekinger Apotheke Rinderknochen mit Schriftzeichen. Man fand heraus, dass am Fundort bei Anyang einst die Hauptstadt der Shang-Dynastie lag. Um die 100 000 mit Zeichen bedeckte Orakelknochen und Schildkrötenpanzer fand man, datiert auf etwa 1200 v. Chr.; 4500 Zeichen wurden gefunden, aber nur ein Drittel ist bislang entziffert. Der Fundort ist heute Weltkulturerbestätte.

Qin Shihuangdi hatte sich 221 v. Chr. zum ersten Kaiser Chinas aufgeschwungen. Seine Tonsoldaten in Xian sind weltbekannt. In den elf Jahren seiner Kaiserherrschaft normierte er Maße, Gewichte, sogar Schnurrbärte und eben auch Schriftzeichen. So konnte er sicher sein, dass die Stelen mit Lobpreisungen und Anordnungen im ganzen Reich den gleichen Text zeigten. Ein Land, eine Schrift – nicht aber eine Sprache. Die alten Zeichen gelten heute noch, werden aber landesweit unterschiedlich ausgesprochen.

2000 für den Alltag, 8000 zum Studium

Ein Wörterbuch von 1994 enthält über 85 000 Schriftzeichen (Wörter). Kaiser Kangxi kam in seinem 1716 veröffentlichten Lexikon noch mit etwa 45 000 Zeichen aus, erstmals geordnet nach 214 Radikalen, die in allen Schriftzeichen enthalten sind. Man könnte sie Grundzeichen nennen. Sie waren geordnet nach der Zahl der Striche, die „Wörter“ nach Radikalen. Diese Ordnung bestimmt noch heute die Wörterbücher. Mit 8000 erlernten Zeichen kann man studieren, wer 2000 beherrscht, gilt als „alphabetisiert“.

Wilhelm von Humboldt, der nie in China war, warnte, bei aller Begeisterung für die Zeichen solle man nicht vergessen, dass Chinesisch auch gesprochen werde – und wies damit auf ein großes Problem hin. 1911, nach einer kurzen Revolte, brach das Kaiserreich China zusammen. Erster Erziehungsminister der jungen Republik wurde 1912 Cai Yuanpei, Übersetzer des Philosophen Immanuel Kant und Mitglied der 1911 aufgelösten kaiserlichen Akademie. Er hatte in Deutschland und Frankreich studiert, kannte das jahrhundertalte, 1905 abgeschaffte konfuzianische Prüfungssystem wie auch die westliche Bildungswelt.

Schrift als Zeichen der Rückständigkeit

So verzweifelt ob der Rückständigkeit ihres Landes waren damals viele chinesische Intellektuelle, dass sie Schrift und Sprache eine Mitschuld gaben. Cai berief 1912 eine Kommission ein, die über eine Vereinheitlichung der Aussprache in ganz China beraten und ein phonetisches Alphabet, eine Umschrift entwickeln sollte. Doch in den 1920er Jahren beschloss man, unter Beibehaltung der Schriftzeichen Mandarin, die Beamtensprache des Nordens, zu verwenden.

Man müsste heute von acht chinesischen Sprachen sprechen. Doch in den 1950er Jahren wurde erneut Mandarin, jetzt Putonghua (Allgemeinsprache), zur Standardsprache bestimmt. Die anderen sieben Sprachen wie Kantonesisch, Hakka oder Wu (Schanghai) stufte man zu Dialekten herab. Zur Verständigung zwischen den Dialekten werden Dolmetscher gebraucht, auch wenn die Schriftzeichen dieselben sind.

Lateinische Buchstaben sollen's bringen

1949, nach ihrer Machtübernahme, nahm die Kommunistische Partei erneut Anlauf, die Schriftzeichen durch eine latinisierte Umschrift ersetzen, Hanyu pinyin. Doch selbst Diktator Mao Zedong konnte die Abschaffung der Zeichen nicht durchsetzen. Man begnügte sich damit, Zeichen zu „verkürzen“. Zwischen 1955 und 1962 dekretierte die Regierung in Beijing (Peking), insgesamt etwa 2700 Zeichen seien nur in verkürzter Form anzuwenden. Jedes chinesische Zeichen besteht aus Strichen, die in festgelegter Reihenfolge geschrieben werden müssen. Das können mehr als 60 für ein einziges Zeichen sein. Durch die Reform wurde die Zahl der Striche pro Zeichen von durchschnittlich 16 auf acht verkürzt. 1958 wurde dann die Umschrift Pinyin offiziell eingeführt, jedoch nur ergänzend. Im Jahre 2000 ließ die Regierung der Volksrepublik China überraschend auch unverkürzte Zeichen wieder zu – eine strategische Entscheidung mit Blick auf die angestrebte lingua franca.

Standardsprache, auch dank des Fernsehens

2010 sprachen etwa 53, 2015 etwa 73 Prozent der Chinesen die Standardsprache. Doch im Fernsehen laufen noch immer Nachrichten im Untertiteln. Die Alphabetisierungsrate, 1949 auf nur 20 Prozent geschätzt, liegt heute bei 96 Prozent. Wer mehr wissen will, greife zu diesem überaus lesenswerten Buch. Mit einem kursorischen historischen Überblick und den Kapiteln Klang, Zeichen, Ordnung und Macht hilft es, China zu verstehen.

Thekla Chabbi: Die Zeichen der Sieger. Der Aufstieg Chinas im Spiegel seiner Sprache. Rowhlt, Hamburg 2019. 192 S., 25 €.