Eine Diagnose der deutschen Befindlichkeit : Mal an sich arbeiten

Hans-Joachim Maaz will die seelischen Spannungen des Landes lösen.

Eckhard Jesse
Pegida-Demonstration vor der Frauenkirche in Dresden.
Pegida-Demonstration vor der Frauenkirche in Dresden.Foto: imago/Robert Michael

Wer die jüngst erschienenen Erinnerungen von Rolf Henrich, Parteisekretär der SED, Anfang 1989 als Dissident durch das Buch „Der vormundschaftliche Staat“ bekannt geworden, gelesen hat, findet Passagen über seinen Freund Hans-Joachim Maaz, die diesen in der DDR als ausgesprochen mutig erscheinen lassen. Maaz selber hat sich in seinem Bestseller „Der Gefühlsstau – Psychogramm einer Gesellschaft“ eher als Mitläufer beschrieben. Nach dem „Gefühlsstau“ ist eine Reihe weiterer Studien herausgekommen, darunter „Das falsche Leben“, „Die narzisstische Gesellschaft“, „Die neue Lustschule“. Stets geht es dem Psychoanalytiker und Psychiater, vor und nach 1990 als Chefarzt im Diakoniekrankenhaus Halle in einer Art Refugium, um Abwehrmechanismen, verpanzerte Gefühle, unaufgearbeitete Konflikte, traumatisierende Zwänge. Menschen suchen bei politischen Problemen nach Sündenböcken, an denen sie sich abreagieren.

Gegen das Weggeben von Kleinkindern

Im neuen Werk, 30 Jahre nach dem „Gefühlsstau“, ist im Untertitel abermals von einem „Psychogramm“ die Rede. Nicht alles Präsentierte ist neu. So wendet sich Maaz aufgrund der Erfahrungen in der DDR abermals gegen das frühe Betreuen von Kindern außerhalb der Familie. Frühkindliche Bindung sei notwendig. Woanders zu lesen war auch bereits seine Kritik am gesellschaftlichen Narzissmus und vor allem an einer „normopathischen“ Gesellschaft. Damit meint der Autor eine Fehlentwicklung, die nicht als solche erkannt werde; Bürger passten sich aufgrund von Gruppendruck und aus Angst vor Außenseitertum an.

Was neu ist, stößt auf besonderes Interesse. Die politische Gefahr gehe nicht nur von „rechts“ aus, sondern auch von „links“. Maaz nennt dafür u. a. die Reaktion auf die Migrationsfrage und die europäische Geldpolitik, wehre doch „die Linke“ Kritik an Missständen ab, ohne Gegenargumenten Gehör zu schenken. Diskurshoheit lasse sich durch Moralisierung erreichen – dies führe zum Schweigen über problembehaftete Vorgänge, wobei Ostdeutsche aufgrund ihrer Erfahrung Manipulationen eher durchschauten. Ohne Hemmungen spricht der Autor im gleichen Atemzug von Rechts- und Linksextremismus.

Zentral ist für Maaz der Begriff der Spaltung. Sie verhindere Kompromisse. Zu den Spaltungen in der Gesellschaft gehörten: „arm und reich, alt und jung, Männer und Frauen, Land und Stadt, Ost und West, AfD und Grüne, Willkommenskultur und Zuwanderungsbegrenzung, Traditionalisten und Globalisten“. Handelt es sich hier nicht einfach um Elemente einer pluralistischen Gesellschaft? Womit er jedoch recht hat: Es gehe nicht an, die eine Seite nur als positiv, die andere ausschließlich als negativ wahrzunehmen. Dadurch komme kein Gespräch zustande, wohl aber Ausgrenzung. Vielmehr müsse das eigene Böse und das fremde Gute erkannt werden. Etwa zehnmal ist, jeweils in Anführungszeichen, vom „Kampf gegen rechts“ die Rede, und zwar im negativen Sinne, weil die Wendung auf Opportunismus hinauslaufe, nicht auf Zivilcourage. Antirassismus, der nur diffamiere, sei selbst Rassismus.

Eine Volk voller Defizite

Der Autor, der Ursachenanalyse, nicht bloße Symptombekämpfung anstrebt, macht verschiedene Typen von Personen mit Defiziten aus; die destruktiven Folgen von ungelösten seelischen Spannungen seien unterschiedlich: Beim bedrohten Menschen werde demokratisches Verhalten beeinträchtigt, der besetzte Mensch leide an sozialem Misstrauen, der ungeliebte habe kein Vertrauen in die Demokratie, der abhängige verhindere den demokratischen Diskurs, der gehemmte suche nach Opfern, der erpresste verhindere eine demokratische Entwicklung, der ungeförderte belaste die Sozialsysteme, der überforderte gefährde aufgrund eines überzogenen Leistungswillens die Demokratie. Nicht immer wird der Zusammenhang zum politischen Leben angemessen hergestellt.

Manchmal argumentiert Maaz, bekannt für griffige Formulierungen, etwas unpräzise. Seine Kritik am „deutschen Schuldkomplex“ kann so interpretiert werden, als leugne der Autor jede Schuld, doch wer die Passagen im Zusammenhang liest, merkt schnell, diese kommt ohne Wenn und Aber zur Sprache. Der Autor differenziert: „National“ stelle ein nötiges Pendant zu „global“ dar, „konservativ“ eines zu „progressiv“. Wenn Kritiker „national“ mit „nationalistisch“ gleichsetzten und „konservativ“ mit „rückständig“, so ist sein Bedauern darüber wahrnehmbar.

Selbsterkenntnis - und Beziehungen

Wer an sich selbst arbeite, könne ein Leben in Entfremdung vermeiden. Dazu zählen: Selbsterkenntnis wagen, Würde wahren, Beziehungskultur leben. Der empathische Autor hofft auf eine Kommunikation, bei der einer den anderen verstehen will. „,Gesicht zeigen‘ heißt, die eigene Maske der politisch korrekten Heuchelei abzulegen.“ Abschließend bekennt Maaz, heute weder einem rechten noch einem linken Lager anzugehören. Wieso steht er, der Liberalität propagiert, nicht dazu, ein Liberaler zu sein?

Zurück zum Ausgangspunkt: Ja, der Autor ist ein mutiger Mann. Wiewohl er weiß, dass seine Thesen nicht nur auf Beifall stoßen, kommen sie ungeschminkt zur Sprache. Unabhängig davon, ob Leser diese stark psychoanalytisch inspirierte, auf seelische Defizite fixierte Sichtweise teilen: Maaz ist kein Konformist, sondern ein origineller Kopf, der wider den Stachel löckt.
Hans-Joachim Maaz: Das gespaltene Land. Ein Psychogramm. Verlag C. H. Beck, München 2020. 219 S., 16,95 €.