Ein Kapitel der Geschichte der französischen Kollaboration : Wie sich Extreme berühren

Vergangenheit, die gegenwärtig bleibt

Konstantin Sakkas

Deutschland und Frankreich – was einst als Schlüsselbeziehung des Kontinents galt, ist heute eher einem Verhältnis interesselosen Wohlgefallens gewichen. Dass die Vergangenheit aber vielleicht doch nicht so vergangen ist, deutet der Romanist Clemens Klünemann in einem ansprechenden Büchlein an, das stilgerecht bei Matthes & Seitz erscheint.

Die Tragödie, als die sich die französisch-deutschen Beziehungen seit den Tagen Kaiser Maximilians bis hin zu den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs darstellten, wiederholte sich als Farce in jener kurzen Epoche, die unter den Schlagwörtern Vichy und collaboration in die Geschichte eingegangen ist. Klünemann überrascht mit dem Nachweis, dass die Kollaboration nicht nur die Sache der – royalistischen, katholischen und faschistischen – Rechten war, die die Dritte Republik von Herzen verabscheute, sondern auch der pazifistischen Linken, die die Versöhnung Frankreichs mit Deutschland nun – wenn auch in krummer Gestalt – gekommen sah.

Auch Marc Bloch war nicht nur "links"

„Mit seinen antibürgerlichen Invektiven und seiner ostentativen Distanz zur Parteienrepublik“ sieht Klünemann sogar die Résistance-Ikone Marc Bloch „in einer seltsamen Nähe zu denen, die aus der Niederlage die Schlussfolgerung ziehen, dass jetzt die Stunde gekommen sei, der Demokratie und damit der Republik den Garaus zu machen“. Den Boden für das Vichy-Régime (das nach der Invasion 1944 ausgerechnet ins Zollersche Sigmaringen auswich) bereitete der déclinisme, die Ideologie der Dekadenzkritik, die sich 1940 wie stets bei der Rechten, aber auch Teilen der Linken einiger Beliebtheit erfreute – und die nicht wenige französische Intellektuelle im brutalen, aber erfolgreichen östlichen Nachbarn die Macht der Zukunft erblicken ließ.

Otto Abetz als Wegbereiter der Aussöhnung?

Schockiert lesen wir über die von Botschafter Otto Abetz – dem sich seiner Kultiviertheit rühmenden Auslieferer der französischen Juden – „initiierten und inszenierten deutsch-französischen Jugendbegegnungen, bei denen sich, unter dem erklärten Ziel der Versöhnung nach Verdun, die künftigen Akteure der deutsch-französischen Kollaboration kennenlernten“. Die deutsch-französische Aussöhnung – vorbereitet von Carl-Schmitt–Anhängern in Wehrmachts-, AA- und nicht selten auch SS-Uniform?

Résistance und Antisemitismus

Nicht nur diesen Bogen schlägt Klünemann. Heute verbinde sich „der als Antizionismus getarnte Judenhass mit dem Narrativ der Résistance in den Vierzigerjahren“ zu einem – mit Pierre-André Taguieff – „islamisierten Mythos der Résistance“: Die „Organisatoren pro-palästinensischer Demonstrationen“ bedienten sich „einer geradezu pathetischen Résistance-Erinnerung, um diese als Vektor ihres nur notdürftig versteckten Judenhasses zu nutzen“.

Diese Beobachtungen machen Klünemanns Brevier stark. Schwach ist es in Details: etwa wo es die politische Theorie Carl Schmitts „weitgehend in Vergessenheit geraten“ nennt, ohne Anführungszeichen von der „nationalsozialistischen Revolution“ spricht oder in der Aufzählung autoritärer Staaten im Europa von 1940 das Griechenland Metaxas’ glatt unterschlägt. Aber das sind Quisquilien.

Clemens Klünemann: Sigmaringen. Eine andere deutsch-französische Geschichte. Verlag Matthes & Seitz, Berlin 2019. 175 S., 15 €.