Erfahrungen im Kommunismus : Bettwanzen im Studentenheim

György Dalos, Historiker und Dissident, erinnert sich

Hannes Schwenger

Dass einer in Berlin lebt, dessen Großeltern „Deutsch“ und „Berliner“ hießen, ist kaum überraschend – sollte man meinen. Aber für den ungarischen Autor und Historiker György Dalos ist Berlin erst spät zur zweiten Heimat geworden, nach dem Ende des ungarischen Kommunismus, der für ihn keineswegs die „fröhlichste Baracke im sozialistischen Lager“ war. Seit 1964 stand er unter Beobachtung der ungarischen Staatssicherheit, 1971 wurde er festgenommen und zu Lagerhaft verurteilt, die er mit Hungerstreik beantwortete.

Sein erster Gedichtband mit ziemlich linientreuer Poesie konnte zwar noch 1964 erscheinen, aber danach nur noch Zeitschriftenbeiträge und seine Übersetzungen „offizieller“ sowjetischer Literatur, für die er nach seinem Studium in Moskau qualifiziert erschien. Die meisten seiner Bücher – darunter sein internationaler Erfolg „1985“, eine Paraphrase auf Orwells „1984“ – konnten bis 1989 nur im Westen erscheinen. In West-Berlin beim linken Rotbuch Verlag – nicht nur äußerlich an der Seite West-Berliner Alt-68er wie F.C. Delius und Peter Paul Zahl und von Dissidenten aus der DDR und Osteuropa wie seine Freunde Thomas Brasch und Herta Müller. Sein erstes Rotbuch („Kurzer Lehrgang, langer Marsch“) ironisiert bereits seine Jugendjahre als Stalinist und Maoist, an dem – als 13-Jähriger vom Jahrgang 1943 – die ungarische Revolution von 1956 noch vorbeigegangen war. Man ahnt, warum seine eben erschienenen Erinnerungen den Titel „Für, gegen und ohne Kommunismus“ tragen.

Als Student in Moskau

Er hat ihn, wie er dort berichtet, an der Quelle studiert, als ungarischer Stipendiat an der Moskauer Lomonossow-Universität. Nicht als Philosophiestudent, sondern – angeblich aus Versehen beim Ausfüllen der Bewerbung – als Historiker. Das klingt nach Koketterie, denn tatsächlich hat er sich mit seinen jüngsten Werken „Geschichte der Russlanddeutschen“ (2014) und „Der letzte Zar. Der Untergang des Hauses Romanow“ (2017) als veritabler Historiker erwiesen, selbst wenn seine politische und literarische Publizistik überwiegt. Dazu zählt seine Revue vom Ende der osteuropäischen Diktaturen /2009), sein Porträt „Gorbatschow – Mensch und Macht“ (2011) oder sein satirischer Roman aus dem neuen Ungarn, „Der Fall des Ökonomen“ (2012). 1999 war er sogar Koordinator des ungarischen Beitrags zur Frankfurter Buchmesse. Nur seinen eigenen Fall im neuen Ungarn – seine Berufung und Ablösung als Leiter des ungarischen Kulturinstituts in Berlin (1995 bzw. 1999) – sparen seine Erinnerungen aus, die 1989 enden. Aber man errät auch so, dass er für das neue Ungarn Viktor Orbáns schon wieder unbequem war, wenn er vor autoritären Antworten auf soziale Probleme warnte.

Für den Historiker Dalos ist der Abstand zu diesem neuen Ungarn vielleicht noch zu kurz, um ihn in seinem Lebensbericht zu thematisieren. Der ist auch so noch gegenwärtig genug, wenn er von seiner Desillusionierung als Insasse des „sozialistischen Lagers“ erzählt: von den ersten Zweifeln an der sowjetischen Realität, die er im Moskauer Studentenheim durch Kameradendiebstähle und Bettwanzen zu spüren bekommt, über die Mangelwirtschaft in der sowjetischen Hauptstadt, dann die Berichte seines kasachischen Zimmergenossen über wilde Streiks in der Provinz, bis zu tieferen Einblicken in die Sowjetgesellschaft durch seine russische Ehefrau und deren Familie.

Kosmonauten und Gulag

Andererseits erlebte er die Euphorie der sowjetischen Weltraumerfolge und den Aufbruch der jungen Dichter Jewtuschenko und Wosnessenski und – sogar mit Billigung Chruschtschows gedruckt – das Erscheinen von Solschenizyns Gulag-Erzählung „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“, mit der er noch wenig anfangen konnte. In Kirgistan hat er eine denkwürdige Begegnung mit dem ungarischen Ex-Diktator Rákosi, der sich nachträglich seines Personenkults und der Hinrichtung Laszlo Rajks schuldig bekennt und behauptet, er selbst habe 1956 den Sowjets János Kádár empfohlen, den er zuvor als „Volksfeind“ ins Gefängnis gesteckt hatte. Seinen Lehrmeister Béla Kun, 1938 Opfer von Stalins Säuberungen, habe er baldmöglichst rehabilitiert, „und auch Rajk hätte nicht so enden müssen, wie er endete“. Zu Hause las Dalos dann das offiziell kassierte Prozessprotokoll gegen Rajk, „das auf mich einen widersprüchlichen Eindruck machte“.

Von West-Berlin bis ganz Berlin

Es waren nicht die letzten Widersprüche, die ihm zu schaffen machten und ihn erst zum Kritiker und nach dem „Schaltjahr 1968“ (Dalos) zum Gegner des Systems werden ließen. Eher ein Umschaltjahr, denn eine Begegnung mit Hans Magnus Enzensberger verschaffte ihm die ständige Lektüre und Mitarbeit an dessen „Kursbuch“, seine Reisen in „Bruderländer“ des Ostblocks Kontakte mit der „Charta 77“ und der Bürgerbewegung der DDR. Die bescherten ihm in Ost-Berlin eine Einreisesperre, die erst mit dem Fall der Berliner Mauer endete.

West-Berlin kannte er bereits seit 1984 als Stipendiat des DAAD, bevor er nach einem Intermezzo in Wien dauerhaft zum Wahlberliner wurde. Doch das ist schon das nächste, noch ungeschriebene Kapitel seiner lesenswerten Erinnerungen.

György Dalos: Für, gegen und ohne Kommunismus. Erinnerungen. Verlag C. H. Beck, München 2019. 312 S., 26 €.