Gerechter Krieg, gerechter Frieden : Sigurd Rink blickt auf militärische Konflikte und ethische Herausforderungen

Krieg - und gerechter Krieg

Tilman Asmus Fischer

Können Kriege gerecht sein? Dass gerade diese Frage dem Buch eines evangelischen Militärbischofs seinen Titel gibt, mag auf den ersten Blick als Provokation erscheinen. War die Friedensethik – zumal die evangelische – doch längst auf Distanz zur Lehre vom „gerechten Krieg“ gegangen. Und dies nicht ohne Grund; Sigurd Rink verweist selbst auf den fatalen Beitrag, den die Kirche in ihrer Geschichte zur Legitimierung militärischer Aggressionen unter dem Vorwand des iustum bellum geleistet hat. Und so steht Rink auch fern davon, mit dem gegenwärtig prägenden Paradigma des „gerechten Friedens“ zu brechen, dem Frieden mehr als die Abwesenheit von Gewalt bedeutet. Vielmehr geht es ihm darum, „die Tradition vom gerechten Krieg als Mittel der Gewaltbegrenzung“ zu verstehen, also die Frage nach der Rechtfertigung militärischer Gewalt kritisch an sicherheitspolitische und militärische Entscheidungen zu stellen. Dabei steht für ihn fest: „Die Ultima Ratio, die äußerste Möglichkeit eines Einsatzes rechtserhaltender Gewalt, ist für mich keine hohle Phrase, die man relativieren kann. Sie ist angesichts dessen, was militärische Interventionen bewirken – nicht zuletzt auch im Leben der Soldatinnen und Soldaten –, mit äußerster Sorgfalt zu prüfen.“

Lässt sich ein Militäreinsatz rechtfertigen?

Die Frage nach der Rechtfertigung militärischer Gewalt bildet sodann den roten Faden, anhand dessen der Verfasser exemplarische Bundeswehreinsätze der vergangenen rund dreißig Jahre von Kambodscha 1991, über Somalia und Ruanda bis zum Kampf gegen den sogenannten „Islamischen Staat“ in den Blick nimmt. Der Schwerpunkt liegt auf seinen Dienstjahren als Militärbischof, seit 2014, womit gerade auch der, wie Rink schreibt, traumatisierende Afghanistan-Einsatz in den Blick gerät. Der Verfasser verknüpft unterschiedliche Zugänge: Im Zentrum stehen persönliche Erfahrungen und Begegnungen - vor allem bei Standort- und Einsatzbesuchen.

Hiervon ausgehend, bietet er einen Überblick über Voraussetzungen, Problemstellungen und Verlauf einzelner Einsätze und erörtert die mit ihnen verbundenen friedensethischen Fragestellungen. Zugleich eröffnet Rink – und dies ist die besondere Stärke des Buchs – Einblicke in die Erfahrungswelt der Soldaten und eine kritische Sicht auf das ambivalente Verhältnis zwischen Bundeswehr und deutscher Zivilgesellschaft. Dabei findet der Seelsorger Rink klare Worte hinsichtlich der Versäumnisse sowohl in der Verteidigungspolitik als auch im öffentlichen Diskurs: „Zum einen geraten“ die Soldaten „in Gefahr, wenn sie mit ungenügender Ausrüstung und durch Personalmangel überfordert ihren Dienst tun. Zum anderen bleiben ihnen Respekt und Anerkennung für ihr Tun verwehrt.“ Damit seien die Soldaten die „unmittelbar Leidtragenden einer in meinen Augen unverantwortlichen Verbannung des Militärischen in einen quasi außergesellschaftlichen, zuweilen mit Misstrauen und Verachtung bedachten Bereich“.

Der Außenseiter will keine Verantwortung

Der von Rink gewählte biografische Zugang zur Thematik seines Buches folgt einem klaren Narrativ, zeichnet seine eigene Entwicklung vom – evangelisch sozialisierten – Radikalpazifisten zum verantwortungsethischen Erwägungen offen gegenüberstehenden Militärbischof nach. Dabei analysiert er im Rückblick klarsichtig die ambivalenten Züge früherer deutscher Abstinenz in Fragen militärischer Verantwortungsübernahme: „Man pflegte die Außenseiterposition, in der man sich aus allem heraushalten konnte, keine Verantwortung übernehmen und sich nicht die Hände schmutzig machen musste, und verurteilte gleichzeitig das Treiben der anderen mit dem moralisch reinen Blick der Unbeteiligten.“

Andererseits tut sich Rink auch mit deutschen Auslandseinsätzen nicht leicht. Dies gilt etwa für die Beteiligung am Kosovo-Einsatz der Nato 1999. Dabei verknüpft Rink seine Bedenken, ob vor dem militärischen Eingreifen im Kosovo „wirklich genug um Verständigung gerungen wurde“, mit grundsätzlichen Vorbehalten hinsichtlich der westlichen Politik „gegenüber Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion“ – und im Speziellen mit dem Blick auf Einsätze „der Bundeswehr auf ‚wehrmachtsbelastetem‘ Gelände“.

Eingreifen der Nato - legitim?

Gewiss: Er erwähnt die Ängste der – einst der Sowjetunion einverleibten – baltischen Staaten vor einer russischen Annexion. Ansonsten könnten seine Ausführungen jedoch womöglich auch eine Perspektive nähren, die die geo- und sicherheitspolitischen Problematiken Ostmittel- und Südosteuropas auf eine Frage der deutsch-russischen Beziehungen reduziert, sodass die Erfahrungen und Interessen der zwischen Deutschland und Russland liegenden Staaten ins Hintertreffen geraten: Dass diese den „Raub- und Mordkrieg“, von dem Rink schreibt, 1939 als von Berlin und Moskau ausgehend erlebten, bleibt unterbelichtet. Gleiches gilt für die Intensität, mit der die konkreten Erfahrungen derjenigen, die im zerfallenden Jugoslawien von Vertreibungen und Massakern betroffen waren, bei diesen dazu führten, das Eingreifen der NATO als legitimen Schritt zur Beendigung des Unrechts zu empfinden.

Sigurd Rink: Können Kriege gerecht sein? Glaube, Zweifel, Gewissen – wie ich als Militärbischof nach Antworten suche. Ullstein Verlag, Berlin 2019. 288 S., 20 €.