Großbritannien am Scheideweg : Eng verflochten

Brendan Simms spricht über eintausend Jahre britisch-europäischer Beziehungsgeschichte.

Florian Keisinger

Brendan Simms, Professor für Internationale Geschichte in Cambridge, gehört zu den produktivsten und anregendsten Vertretern seiner Zunft. Der Ire zeigt in seinen Arbeiten virtuos, dass akademische Standards und allgemeinverständliche Darstellung kein Widerspruch sind. Wiederholt ist es ihm gelungen, die drängenden Themen der Zeit mit einem historischen Unterbau zu versehen und auf diese Weise unseren Blick auf die Geschehnisse zu schärfen. So auch im vorliegenden Fall, einer tausendjährigen Beziehungsgeschichte Großbritanniens und Europas, die pünktlich zum avisierten EU-Austritt der Briten auf Deutsch vorliegt.

Für Simms ist die Geschichte Großbritanniens vor allem eine europäische Geschichte, geformt durch die engen Beziehungen mit dem Kontinent, dem seit jeher das Hauptaugenmerk britischer Politik gilt. Ziel selbst des britischen Imperialismus sei es demnach gewesen, Ressourcen zu mobilisieren und so die eigene Position in Europa zu stärken. An dieser grundsätzlich pro-europäischen Ausrichtung habe sich bis heute nichts geändert.

Die Insel und der Kontinent

Allerdings war das Verhältnis im Laufe der Jahrhunderte zahlreichen Schwankungen unterworfen, wobei die Wahrung des kontinentalen Mächtegleichgewichts die oberste Prämisse britischer Politik darstellte und die Gestaltungsdynamik stets beide Seiten umfasste. Egal ob Napoleon, Wilhelm II. oder Hitler – immer waren es die Briten, die unter Inkaufnahme größter Verluste maßgeblich dazu beitrugen, die europäische Ordnung zu gestalten.

Umgekehrt war es Europa, das die wegweisenden Entwicklungen der britischen Geschichte beförderte, etwa die Vereinigung mit Schottland 1707 als Reaktion auf die französische Vormachtstellung unter Ludwig XIV. oder den Zusammenschluss mit den Iren 1801, der Napoleon geschuldet war. Beide Einigungswerke hatten lange respektive im Falle Schottlands sogar bis in die Gegenwart Bestand, weswegen man den Briten nicht unterstellen kann, dem Unionsgedanken grundsätzlich ablehnend gegenüberzustehen.

Einigung nur mit GB

Konkret wurden die europäischen Einigungspläne im 20. Jahrhundert. Simms erinnert zu Recht daran, dass London dabei eine Haupttriebkraft war. 1925 forderte kein Geringerer als der damalige Schatzkanzler Winston Churchill die Schaffung einer „kontinentalen Union“, der Großbritannien zwar nicht angehören werde, an deren Aufbau man aber tatkräftig mitwirken wolle – „als Freund und Förderer“. Ein Gedanke, den er 1946 in seiner Rede von den „Vereinigten Staaten von Europa“ wiederholte, wobei die Beteiligung der Briten erneut kein Thema war. Sie wäre der Bevölkerung, die weder Niederlage noch Besatzung erlebt hatte, auch nicht zu vermitteln gewesen.

Dass Großbritannien 1973 dennoch der Europäischen Gemeinschaft (EG) beitrat, hatte für Simms vor allem drei Gründe: das Wissen um die schwindende weltpolitische Bedeutung des Landes; die Sorge, Deutschland könne über seine wirtschaftliche Stärke erneut eine Vormachtstellung in Europa erringen; die Wahl von Edward Heath („Mr. Europe“) 1970 zum Premierminister, dessen oberstes Ziel es war, „Großbritannien nach Europa zu führen“.

Trotz erbitterter Debatten um die britischen Zahlungen, die zum sogenannten Britenrabatt führten, forcierte Margaret Thatcher die Vertiefung der europäischen Integration. Dies änderte sich erst mit der Deutschen Einheit, als neuerlich die Sorge um die deutsche Dominanz in Europa kursierte, diesmal jedoch mit dem Ergebnis, dass Großbritannien fortan alle weiteren Integrationsschritte strikt ablehnte.

Ende der Integrationsbereitschaft

An der tief sitzenden Europaskepsis der Briten vermochte auch der Europaenthusiast Tony Blair nichts zu ändern. Als David Cameron schließlich alles auf eine Karte setzte und über den Verbleib in der EU abstimmen ließ, ging der Plan aus Sicht der Regierung wie auch der EU gewaltig schief. Unter dem Eindruck des wirtschaftlichen Niedergangs in Folge der Staatsschulden- und Finanzkrise und – ganz frisch – der Erfahrungen der Massenmigration sowie flankiert von einer politischen leave-Kampagne, die die Ängste und Hoffnungen der Menschen geschickt anzusprechen vermochte, entschieden sich 52 Prozent der Briten für den Austritt ihres Landes aus der EU.

Wie steht Simms dazu? Man muss wissen, dass Simms ein leidenschaftlicher Europäer ist, dem die Zögerlichkeit des europäischen Integrationsprojekts ein Graus ist. Seine Vision ist eine politische Union der europäischen Staaten nach Vorbild der USA oder eben Großbritanniens – für deren Realisierung er derzeit jedoch kaum mehr eine Chance sieht. Europa, so Simms’ radikales Urteil am Ende des Buches, „hat vor 1945 versagt, und die heutige europäische Union versagt nur etwas weniger“. Der Brexit wird in dieser Lesart zu einem letztlich konsequenten Notausstieg.

Manchen Sturm überstanden

So resignierend dieses Resümee klingen mag, liefert Simms’ Buch am Ende doch zwei Einsichten, die zu vorsichtigem Optimismus Anlass geben: zum einen, dass die engen historischen Verflechtungen zwischen Großbritannien und Europa bereits Stürme überstanden haben, die stärker waren als das derzeitige Brexit-Chaos, und zum anderen, dass beide Seiten um ihre gegenseitige Abhängigkeit wissen und langfristig kein Weg an einer Fortsetzung der engen Zusammenarbeit vorbeiführt.
Brendan Simms: Die Briten und Europa. Tausend Jahre Konflikt und Kooperation. Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2019. 400 S., 28 €.