Hätte der 20. Juli Erfolg haben können? : Der missglückte Widerstand

Winfried Heinemann fragt nach den militärischen Optionen der Attentäter des 20. Juli.

Alexander Gallus

Das Gedenken an den Attentats- und Umsturzversuch vom Sommer 1944 gestaltete sich von Anfang an schwierig. Insbesondere während des ersten Nachkriegsjahrzehnts hatten die Widerstandskämpfer keinen leichten Stand, galten sie doch häufig als „Eidbrecher“, „Verräter“ oder gar Akteure eines erneuten „Dolchstoßes“. Die später ins Leben gerufene Gedenkstätte Deutscher Widerstand konnte sich keineswegs wie selbstverständlich der heldenhaften Taten vom 20. Juli 1944 bedienen, um darauf einen identitätsstiftenden Gründungsmythos der jungen Bundesrepublik aufzubauen. Erst nach einem zähen Ringen um die Gedenkkultur und gestützt auf historische Grundlagenarbeit wie Peter Hoffmanns „Widerstand – Staatsstreich – Attentat“ von 1969 wendete sich das Bild vom Widerstand des 20. Juli zum Positiven.

Militär und Moral

Für die Geschichtsschreiber blieb eine kühl-historisierende durch die politisch-moralische Würdigung des militärischen Widerstands lange herausgefordert. Von den Spannungsfeldern zwischen Geschichte und Gedenken, Militär und Moral berichtet auch der langjährige Mitarbeiter am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Winfried Heinemann, in seiner neuen Gesamtdarstellung „Unternehmen ‚Walküre‘“. Dabei betont er, wie wenig nur „militärisch-fachliche Motive für widerständiges Handeln“ von vornherein eine „moralische Qualität“ ausschließen. Gerade der Widerstand des 20. Juli ist Beleg für die mögliche Verknüpfung beider Dimensionen in letzter Konsequenz.

Widerstand im historischen Kontext

Heinemann versteht den Widerstand unter der Chiffre „20. Juli“ allerdings zunächst und vorrangig als Teil der Militärgeschichte, weniger als einen von ethischen Überlegungen forcierten „Aufstand des Gewissens“. Nach einer Klärung des Widerstandsbegriffs – leider nicht des diskussionswürdigen Attributs „nationalkonservativ“ – und einem Plädoyer für Historisierung erörtert er militärpolitische Vorstellungen der Weimarer Republik ebenso wie der NSDAP. Dies erscheint umso wichtiger, als der Offizierswiderstand ohne die Prägungen aus der Reichswehr-Zeit – Verständnis als Eliteheer und „unpolitischer“, also potenziell selbstständig agierender Staat im Staate – kaum angemessen zu begreifen wäre. Ein weiteres Kapitel situiert das Militär im „polykratischen“ Kompetenzgerangel des NS-Staats voller Parallelstrukturen.

Die Generalstäbler werden unruhig

Erste Risse zwischen nationalsozialistischer Politik und militärischen Experten im Generalstab wurden ab dem Herbst 1938 erkennbar. Bis dahin hatten das Trauma der Kriegsniederlage von 1918 und eine Anti-Versailles-Stimmung das konservative Militär und Hitler vereint. Nun verdichteten sich allerdings erste Zweifel an seiner per se kriegstreiberischen Ideologie und einem auf prinzipielle Friedensunfähigkeit zielenden Handeln, das immer stärker ein verbrecherisches Antlitz offenbarte.

Zwischen 1938 und 1944 formierte sich in unterschiedlicher Intensität und variierender zivil-militärischer Personalkonstellation jener Widerstand, der im 20. Juli 1944 kulminierte. Den Staatsstreich selbst, dessen Planung und Organisation wie auch die politischen, militärischen und ethischen Ziele des Widerstands schildert Heinemann ebenso vollständig wie die Folgewirkungen im Dritten Reich und die Rezeption nach 1945.

Stauffenberg war gehandicapt

Die Frage nach den Erfolgsaussichten des Umsturzversuchs, der in jedem Fall nicht auf ein „symbolisches Handeln“ zu reduzieren sei, wirft Heinemann ebenfalls auf, ohne eine einfache Antwort darauf zu formulieren oder gar Schulnoten an die Verschwörer zu verteilen. Er nennt deren Planung „das Optimum“ dessen, „was unter den Umständen möglich schien“.

Gewiss sei Stauffenberg „nicht der ideale Attentäter“ gewesen, gelang es dem „kriegsversehrten Generalstäbler“ doch nur, eine der zwei in die Wolfsschanze mitgebrachten Sprengladungen scharfzumachen. Eine „schlichte Fehlleistung“ ist das für Heinemann aber nicht – schließlich stand „niemand anders zur Verfügung“. Die eigentliche Ursache für den Misserfolg des Staatsstreichs erkennt er letztlich in der Tatsache, dass es sich um einen „Widerstand der ganz wenigen“ handelte.

"Feldjäger" - den Begriff bitte streichen

Heinemann gelingt es insgesamt überzeugend, die inzwischen ebenso beachtliche wie unübersichtliche Forschung zum 20. Juli 1944 für seine Studie produktiv zu verarbeiten und so ein auch dem breiteren Publikum zugängliches kompetentes, sprachlich nüchtern gehaltenes Überblickswerk zu präsentieren. Mit eigenen Werturteilen und historiografischen Richtungsentscheidungen hält er sich auf sympathische Weise zurück.

So fair, abwägend und zurückhaltend, Heinemann Kritik übt, äußert er doch ein scharfes Verdikt gegenüber der Bezeichnung „Feldjäger“ für die Militärpolizei der Bundeswehr. Ungeachtet älterer preußischer Traditionsbestände nannten sich so nämlich die auch infolge verschärfter Repressionsmaßnahmen nach dem gescheiterten Staatsstreich gebildeten „Ordnungstruppen“, die reihenweise „Deserteure“ ausmachten und kujonierten. Ein Dreivierteljahrhundert nach dem 20. Juli 1944 stimmt dies in der Tat nachdenklich.

Winfried Heinemann: Unternehmen „Walküre“. Eine Militärgeschichte des 20. Juli 1944. De Gruyter Oldenbourg, Berlin 2019. 406 S., 49,95 €.