Mussolini und Hitler : Die verhängnisvolle „Achse“

Christian Goeschel und Nils Fehlhaber untersuchen die Beziehung der beiden Diktatoren.

Diktatoren lieben das Bad in der Menge. Das Bild zeigt Hitler (l.) und Mussolini im offenen Wagen beim Besuch in Italien 1938.
Diktatoren lieben das Bad in der Menge. Das Bild zeigt Hitler (l.) und Mussolini im offenen Wagen beim Besuch in Italien 1938.Foto: AFP

Beruhte die Beziehung zwischen den Diktatoren Mussolini und Hitler auf persönlicher Freundschaft oder war sie das personifizierte Zweckbündnis zweier verwandter politischer Bewegungen? Wie immer das Urteil ausfällt, lässt sich zumindest dies festhalten: „Abgesehen vom Verhältnis zwischen Churchill und Roosevelt“, so formuliert es Christian Goeschel, „besaß keine andere Beziehung zwischen zwei westlichen Staatschefs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine so große politische Bedeutung wie der Pakt dieser beiden Diktatoren.“

Der in Manchester lehrende deutsche Historiker einer jüngeren Generation versucht in seinem Buch „Mussolini und Hitler“ die Eigenart dieser Beziehung herauszuarbeiten, die auf „Performance und Darstellung“ beruhte, „beides zentrale Merkmale der Umsetzung faschistischer und nationalsozialistischer Politik“. Dabei will Goeschel zeigen, wie „eine seltsame Mischung aus Reziprozität und Feindseligkeit, Ambivalenz und Bewunderung (...) sowohl das persönliche Verhältnis zwischen Mussolini und Hitler als auch das zwischen dem faschistischen Italien und dem nationalsozialistischen Deutschland“ kennzeichnete.

In der Tat entwickelte sich die Beziehung zwischen den beiden angeblich einander so nahestehenden Diktatoren, anders als die spätere Propaganda es in beiden Ländern darstellte, höchst konfliktreich. Ungeachtet der Vorbildfunktion, die Mussolinis Politikstil für Hitler besaß – und die Wolfgang Schieder in seinem Buch „Adolf Hitler. Politischer Zauberlehrling Mussolinis“ herausgearbeitet hat –, fanden sich beide anfangs in feindlichen Lagern: Italien war als Siegermacht aus dem Ersten Weltkrieg hervorgegangen und nach 1933 bestrebt, das Erstarken des Hitler-Reiches zumindest einzuhegen. So inszenierte sich Italien als Garantiemacht der – ihrerseits 1934 protofaschistisch gewordenen – Republik Österreich und schloss förmliche Abkommen mit den Westmächten. Doch die wollte ihm seine Eroberungspolitik nicht gestatten.

Erst die Kriegsabenteuer Mussolinis in Nordafrika und deren internationale Ächtung trieben ihn unwiderruflich in die Arme Hitlers. Der bereits 1927 ausgesprochene und seither stets wiederholte Anspruchsverzicht Hitlers auf Südtirol, diese für Mussolini zentrale Beute des von ihm so vehement betriebenen Kriegseintritts Italiens 1915, ebnete den Weg zur dauerhaften Verständigung bis hin zur förmlichen „Achse Berlin–Rom“ – unter vorheriger Preisgabe Österreichs – und schließlich dem Kriegseintritt Italiens 1940 an der Seite Nazideutschlands.

Goeschel beschreibt die enormen Anstrengungen der beiden „Staatschefs, die aus der förmlichen Diplomatie heraustreten und ihr eigenes faschistisches Netzwerk internationaler politischer Verhandlungen und Repräsentation aufbauen wollten“. Derlei scheint uns Heutigen in Anbetracht der Twitter-Politik mancher Politiker nicht mehr gar so besonders. Doch zur damaligen Zeit, als die herkömmliche Diplomatie noch mit dem Münchner Abkommen von 1938 einen letzten Erfolg glaubte errungen zu haben, waren die Masseninszenierungen der wechselseitigen Besuche Hitlers und Mussolinis gänzlich neuartig. Ihren öffentlichen Höhepunkt fand die Inszenierung der Männerfreundschaft in den Besuchen Mussolinis in Deutschland 1937 und Hitlers in Italien im Jahr darauf, jeweils begleitet von der gigantischen Mobilisierung jubelnder Massen in herausgeputzten Städten.

Goeschel hat alle erdenklichen Quellen ausgewertet, um die Reaktionen zu erforschen, die die Apparate beider Seiten sorgfältig sammelten und auswerteten, freilich oft genug mit einem der offiziellen Propaganda entgegengesetzten Tenor. Die latenten Aversionen, die die Bevölkerung beider Länder durchweg hegte, wuchsen mit dem Eintritt Italiens in den Zweiten Weltkrieg und nochmals mit der Beteiligung am Feldzug gegen die Sowjetunion sprunghaft an.

Auch die Führungseliten beider Seiten entfremdeten sich zusehends. „Am Rande der drohenden militärischen Niederlage“ Ende 1942 „fanden die italienisch-deutschen Gespräche erstmals in einer offen feindseligen Atmosphäre statt.“ Im Frühjahr 1943 wurde offenkundig, „dass das faschistische Regime die Kontrolle über das Volk verloren hatte.“ Der Zusammenbruch Italiens in Nordafrika erfolgte bald darauf, und einige wenige Monate später Mussolinis Absetzung durch den vom Diktator selbst einberufenen Faschistischen Großrat. Sie irritiert bis heute in ihrer Beiläufigkeit und im Fehlen jeglicher Gewalt. Gerade darin kontrastiert das Geschehen vom Juli 1943 mit der zwei Jahrzehnte währenden Selbstinszenierung des „Duce“ als Machtmensch.

Was folgte, war das schaurige Nachspiel der „Republik von Salò“, wie das Marionettenregime von Hitlers Gnaden unter der formalen Regierung des von einem Wehrmachtskommando aus der Gefangenschaft befreiten Mussolini gemeinhin genannt wurde; eine Terrorherrschaft, in der sich die fanatischsten Faschisten Seite an Seite mit der SS austobten. Mussolini besuchte Hitler ein letztes Mal 1944 am Tag des Attentats auf das Führerhauptquartier in der Wolfsschanze; das Foto, das die beiden Diktatoren in den Trümmern des Sitzungssaales zeigt, ist in die Geschichtsbücher eingegangen.

Parallel zu Goeschels Studie ist die überarbeitete Dissertation von Nils Fehlhaber erschienen, die unter dem Titel „Netzwerke der ,Achse Berlin–Rom‘“ die „Zusammenarbeit faschistischer und nationalsozialistischer Führungseliten 1933- 1943“ untersucht. Anders als Goeschels für eine breitere Öffentlichkeit geschriebene (und leider nicht immer vorteilhaft ins Deutsche übersetzte) Arbeit vertieft sich Fehlhabers Studie der wechselseitigen Besuche von Funktionsträgern noch in die kleinsten Details, wie die Zahl von 1133 Fußnoten belegt.

„Meine Studie stellt zwar die Richtlinienkompetenz Mussolinis und Hitlers in Fragen der Außenpolitik nicht in Abrede“, fasst Fehlhaber zusammen, „hat aber deutlich herausgearbeitet, wie die ,Achse‘ wesentlich durch Einzelinitiativen zusammengehalten wurde und nicht nur durch den ,Willen‘ der beiden Diktatoren.“ Es entstand, so der Autor, „eine erhebliche Aktionsdynamik mit dem Ziel, die von Hitler und Mussolini gewollte ,Achse‘ mit Leben zu erfüllen und sich dadurch die Gunst des Diktators und handfeste politische Vorteile zu erwerben“. Im Einzelnen gilt das für Ribbentrop, Goebbels und Hans Frank oder auch für Graf Ciano, den später auf Geheiß Mussolinis als Verräter hingerichteten zeitweiligen Außenminister des Regimes.

Fehlhabers Studie liefert gewissermaßen den Unterbau zu der Beziehung der beiden „Führer“, der Goeschels Buch gilt. Einer künftigen Arbeit bleibt es vorbehalten, beide Ebenen der Diktatoren und ihrer nachgeordneten Funktionäre miteinander vollgültig zu verbinden. Am Schluss seines Buches spricht Fehlhaber vom „paradoxen Kontrast zwischen ,Brutalität‘ und ,Freundschaft‘ innerhalb der deutsch-italienischen Beziehungen der 1930er und 1940er Jahre“.

Dieses Wechselbad stellt auch Goeschel anhand der eben nicht nur zweckrationalen, sondern durchaus tief emotionalen Beziehung der beiden Protagonisten dar. Die heftigen Stimmungsschwankungen lagen begründet im Ungleichgewicht beider Regime, deren eines stark genug war, einen Weltkrieg zu entfesseln, in dem das andere vorzeitig unterging.