Nach dem Krieg war vor dem Krieg : Nirgends eine Stunde null

Keith Lowe zeigt, dass der 2. Weltkrieg nach 1945 weiterging und die Geschichte bis heute prägt.

Szene aus dem griechischen Bürgerkrieg im Mai 1948.
Szene aus dem griechischen Bürgerkrieg im Mai 1948.Foto: Getty Images

Der 8. Mai, das Datum des Kriegsendes, wird hierzulande als „Tag der Befreiung“ begangen, seit Bundespräsident Richard von Weizsäcker 1985 ihn mit seiner wohl bedeutendsten Rede auch für Deutschland dazu erklärt hat. Millionen Menschen in ganz Europa konnten 1945 aufatmen. Die Nazi-Barbarei war vorüber, Europa und Deutschland gleichermaßen von ihr befreit. Aber kehrte deswegen sogleich Frieden ein?

Vor sechs Jahren erschien das Buch „Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943-1950“ von Keith Lowe. Es kam, wenn man so will, ein wenig zur Unzeit, weil kein runder Gedenktag anstand. Das ist im Jahr 2020 anders, zumal die Generation derer, die das Kriegsende noch selbst erleben durften, rapide schwindet. Mit ihr schwindet auch die Erinnerung an das, was unmittelbar nach dem Kriegsende geschah – lange, bevor jene Normalität tatsächlich etabliert war, die wir gerne unmittelbar dem 8. Mai 1945 folgen sehen.

24 Kapitel, 24 Personen

Die persönlichen Erlebnisse und Schicksale nimmt Lowe in seinem neuen Buch, „Furcht und Befreiung“, zum Ausgangspunkt. Es ist ein Panorama im vollen Sinne des Wortes, denn Lowe versucht nicht weniger als ein Rundumbild der Welt zu zeichnen, wie sie sich nach 1945 herausgebildet und bis heute Bestand hat. In 24 Kapiteln fächert Lowe die unterschiedlichen Prägungen auf, die Staaten, Völker und Nationen erfahren haben, und erzählt eingangs jeweils eine bezeichnende Biografie – so, wie es das heutige Publikum wohl erwartet: als Erzählung. Das geht zumeist gut, weil die ausgesuchten Personen tatsächlich exemplarisch sind, sich als Zeitzeugen unmittelbar geäußert haben, wie der Japaner Ogura Toyofumi, der die Atombombe über Hiroshima explodieren sah, buchstäblich sah, ähnlich einer „in ständig wechselnden Farben leuchtenden Gewitterwolke“. Danach: die vollständige Zerstörung. Das Ende der Welt.

Es ist der passende Auftakt des Buches, denn was in Hiroshima (und Nagasaki) physisch geschah, ereignete sich weltweit im übertragenen Sinne, als Ende der Welt, wie sie zuvor gewesen war. Lowe vermutet ein einheitliches Bedürfnis in allen Erzählungen und Mythen über den Zweiten Weltkrieg, nämlich den „Drang, sich an diesem Absoluten festzuklammern“, wie immer es im Einzelnen genannt wird. So entstehen aus dem unmittelbaren Geschehen des Krieges Helden und Ungeheuer, aus Zerstörung und Völkermord Märtyrer. Was dem Einzelnen widerfährt, wird gleichermaßen ganzen Nationen zuteil, die sich aus der Zerstörung erheben, nicht zuletzt in Gestalt der vom Kolonialismus befreiten, neuen Staaten in Asien und später in Afrika.

Optimismus der geeinten Welt

Der „Mythos der neuen Welt, die aus der Asche der alten erwuchs“, fand in den ersten Nachkriegsjahrzehnten seine reale Untermauerung im wissenschaftlich-technischen Fortschritt, der ein Zeitalter ohne Krieg und Leid anzukündigen schien. Dem Wohnungsbau und der in ihm verwirklichten gesellschaftlichen Gleichheit oder Angleichung widmet Lowe ebenso ein Kapitel wie der, wenn auch mühsam, voranschreitenden Gleichberechtigung der Frau. Auf politischer Ebene gewinnt die Utopie der neuen Welt Gestalt in Institutionen wie den UN. Immerhin, meint Lowe optimistisch, „war die Welt im Jahr 1945 vermutlich geeinter als je zuvor“, und die „globalen Institutionen (...) im Gefolge des Zweiten Weltkriegs (...) waren viel inklusiver als alle vergleichbaren früheren Institutionen und weitaus robuster“.

Doch zerfiel die Welt parallel dazu in zwei Lager, und die wahlweise Etikettierung als „Helden“, „Monster“ und „Märtyrer“, die nach dem Weltkrieg beim Blick auf das Geschehene entstanden war, fand ihre Fortsetzung. Ebenso und noch stärker beim Aufkommen eines neuen Nationalismus und entsprechender Konflikte, wofür Lowe mit dem Dauerkonflikt des seinerseits aus den Ereignissen vor 1945 geborenen Staates Israel mit seinen arabischen Nachbarn ein besonders prägnantes Beispiel zur Hand hat, um zu zeigen, wie sich die politischen Konflikte in den Traumata der Betroffenen widerspiegeln.

Weltgeschichte im Biografischen

„Dieser Zusammenhang zwischen dem Globalen, dem Nationalen und dem Persönlichen ist das eigentliche, wichtigste Thema dieses Buches“, schreibt Lowe im Nachwort: „Der Zweite Weltkrieg hat nicht nur die Welt verändert – er hat auch uns verändert. Er konfrontierte uns mit einigen unserer größten Ängste und traumatisierte uns in einer Weise, die wir noch immer nicht in ihrer ganzen Tragweite zugeben; einige Teile der Welt haben sich von dieser Erfahrung nie erholt.“

Bezeichnenderweise ist es gerade der Mythos des Märtyrertums, den Lowe am heftigsten kritisiert, da er sich zur Instrumentalisierung anbietet. Ihm hält Lowe das Ideal des eigenverantwortlichen Menschen entgegen, dessen Freiheit darauf beruht, „schwer an Verantwortung und unangenehmen Wahrheiten zu tragen“.

"Angst" versus "Freiheitsdrang"

Nun ist es immer gewagt, Massen- und Völkerpsychologie zu betreiben, noch dazu über einen Zeitraum von nun schon 75 Jahren seit Kriegsende. Lowes neuem Buch geht „Der wilde Kontinent“ voraus, das mit dem Mythos des Kriegsendes als völligem Neuanfang aufräumt. Denn dem Ende des Krieges folgten in mehreren Ländern erneute Kriege.

Dieses so wenig zu den offiziellen Siegesfeiern des Jahres 1945 passende Bild nahm Lowe in vergleichender Perspektive in den Blick. Gegenüber dem allzu schematischen, die Weltgeschichte ab 1945 auf einen Grundkonflikt von „Angst“ und „Freiheit“ (oder Freiheitsdrang) zurechtschneidenden neuen Buch hat das ältere den Vorzug, einfach zu berichten, was und wie es sich ereignet hat. Es ergibt sich das erschreckende Bild einer Nachkriegszeit als Gewaltzeit, wie es nach ihm auch Robert Gerwarth in dem ausgezeichneten Buch „Die Besiegten“ (dt. 2017) gezeichnet hat.

So unterschiedlich die Situation 1945 in den einzelnen Ländern auch war, zeigen sich doch ähnliche Muster. Lowe fasst sie in die Hauptkapitel „Rache“, „Ethnische Säuberung“ und „Bürgerkrieg“. Es liegt auf der Hand, dass die solcherart beschriebenen Ereignisse nicht überall gleichermaßen vorzufinden sind, sondern in unterschiedlicher Kombination und Gewichtung. Zwar meist, doch nicht allein der vom NS-Regime angezettelte Krieg provoziert Gewalt. Im Osten und Südosten Europas brechen ethnische Konflikte erneut auf, wie in Jugoslawien, prallen politische Richtungen unversöhnlich aufeinander, wie in Griechenland, das in einem blutigen Bürgerkrieg versinkt, oder folgt dem Kampf gegen die Wehrmacht der gegen die Rote Armee, wie in den drei baltischen Staaten, die bereits der Hitler-Stalin-Pakt der Sowjetunion ausgeliefert hatte.

Die Rache der Zivilisten

Das übergreifende Merkmal der Nachkriegsgewalt ist, dass sie vom Zusammenbruch staatlicher Ordnung ermöglicht und begünstigt wird. Es sind zwar zumeist Zivilisten und bereits zuvor an Kampfhandlungen beteiligte Partisanen, die massenhaft Racheakte begehen – in Frankreich mit mindestens 10 000, in Italien 15 000 Todesopfern –, doch geraten auch reguläre Truppen außer Kontrolle.

Das gilt insbesondere, aber längst nicht nur für die Rote Armee. Die Zahl ihrer Vergewaltigungsopfer schätzt Lowe allein in Deutschland auf zwei Millionen. Auch im „befreiten“ Ungarn gab es bis zu 200 000 Fälle. Bei der US Army wurden auf dem europäischen Kriegsschauplatz ab 1942 rund 17 000 Vergewaltigungen notorisch. Lowe belässt es nicht bei solchen Zahlen, sondern macht deutlich, dass die Gewalt, mochte sie sich auch von Land zu Land gegen unterschiedliche Opfergruppen richten, zumeist eine deutliche sexuelle Konnotation aufwies.

Der Aufbau brauchte Jahre

Der Legende der „Stunde null“ ist hierzulande längst widerlegt. Sie trifft nirgends in Europa zu. Es brauchte Jahre, bis stabile staatliche Ordnungen etabliert waren und die Angst vor der plötzlichen, ungehemmten Gewalt der Banden, Milizen und Marodeure schwinden konnte. Die Traumata, wie Lowe in seinem neuen Buch zeigt, blieben ohnehin. Durch sie sind wir Heutigen auch über inzwischen zwei oder bereits drei Generationen hinweg mit den Geschehnissen verbunden, die 1945 ein Ende fanden – und eben doch nicht finden konnten.

Keith Lowe: Furcht und Befreiung. Wie der Zweite Weltkrieg die Menschheit bis heute prägt. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer und Thorsten Schmidt. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2019. 592 S. m. zahlr. Abb., 30 €.

Keith Lowe: Der wilde Kontinent. Europa in den Jahren der Anarchie 1943 – 1950. Aus dem Englischen von Stephan Gebauer und Thorsten Schmidt. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2016. 544 S. m. zahlr. Karten, 14,95 €.