Preußens Modernisierung : An Metternich gescheitert

Lothar Gall referiert das Leben des Reformers Hardenberg.

Konstantin Sakkas

"Das, was war“, sagte Johann Gustav Droysen, interessiere uns eigentlich „nicht darum, weil es war, sondern weil es in gewisser Weise noch ist“. Warum also soll man sich heute noch mit Leben und Werk des Fürsten Hardenberg auseinandersetzen, des großen preußischen Reformers und Staatskanzlers von 1810 bis zu seinem Tod 1822?

Preußen ist 1947 staatsrechtlich untergegangen, aber schon vorher verlief seine Geschichte anders als von Hardenberg gewollt: Denn seine Vorstellungen von einem modernen Preußen, dem er sogar „eine freiheitliche und gleichzeitig schrittweise zu demokratisierende Verfassung“ geben wollte, konnte er nur zu einem geringen Teil durchsetzen. Wirklichkeit, so schreibt sein Biograf Lothar Gall, wurden sie erst mit großer Verzögerung, nämlich mit Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949.

"An der Spitze des Fortschritts"

Gall wurde 1980 mit seiner Bismarck-Biografie bekannt, aber im Falle Hardenberg ist er kein guter Erzähler. Schade – denn Hardenberg steht wie kein Zweiter für die große vertane Chance in der Geschichte Preußens: ein Mitglied des Westens zu werden und „an der Spitze des Fortschritts zu marschieren“. Stattdessen band sich Preußen unter dem Druck der Verhältnisse noch enger an Russland und damit an das Mutterland der politischen Reaktion.

Hardenberg wurde 1750 in Niedersachsen geboren. Seine Familie zählte zum Hannoverschen Adel. Sie war Internationalität mehr gewohnt als die ostelbischen Rittergeschlechter. Karl August wurde 1814 nach dem ersten Sieg über Frankreich vom preußischen König gefürstet, aber bemerkenswerterweise führten seine Erben – anders als später etwa die ebenfalls dem niederen Adel entstammenden Bismarcks – den Fürstentitel nicht weiter.

Aus dem Westen nach Preußen

Wie sein Landsmann Scharnhorst und der Franke Gneisenau, wie auch der nassauische Reichsfreiherr vom und zum Stein kam Hardenberg aus dem Westen Deutschlands. Seine Karriere als preußischer Beamter empfand er wohl auch als zivilisatorische Mission. 1785 hatte der greise Friedrich der Große noch den Deutschen Fürstenbund initiiert, um ein Gegengewicht gegen den ewigen Rivalen Österreich zu schaffen. Als preußischer Außenminister seit 1804 und dann wieder ab 1810 setzte Hardenberg diesen Weg fort, musste sich aber auf dem Wiener Kongress Metternichs restaurativem Konstrukt eines Deutschen Bundes, der ein Fürstenbund nach Vorbild des Heiligen Römischen Reiches war, geschlagen geben.

Wie das Heilige Römische Reich, so ging auch das alte Preußen 1806 unter dem Ansturm Napoleons unter; zwar nicht staatsrechtlich, aber sprichwörtlich. Hardenberg, der nach der „Doppelschlacht“ bei Jena und Auerstedt unter dem Druck Napoleons seinen Hut nehmen musste, hatte zuvor zur Kriegspartei gehört, die ein energisches Auftreten gegen Frankreich gefordert hatte.

Dabei hatte Napoleon, der Bewunderer Friedrichs des Großen – „lebte er noch, stünde ich nicht hier“ –, zeitweise eine Allianz mit Preußen gesucht. Er strebte einen Kontinentalblock gegen England und Russland an – freilich unter französischer Hegemonie –, doch ließ seine Diplomatie, die England und Preußen gegeneinander ausspielte, dem friedliebenden und entscheidungsschwachen Friedrich Wilhelm III., dessen schöne Luise geradezu schwärmerisch mit Hardenberg sympathisierte, am Ende keine Wahl: Viel zu spät und mangelhaft vorbereitet erklärte Preußen Frankreich den Krieg – und ging mit klingendem Spiel und wehenden Fahnen unter.

Zeit der Reformen

Was folgte, war die kurze, aber fruchtbare Zeit der preußischen Reformen: Armee-Reorganisation, Einführung der Gewerbefreiheit, eine (wenn auch eher fragmentarische) Judenemanzipation und vor allem die Bauernbefreiung, die „mit dem Martinitage“ 1810 in Kraft trat.

An alledem hatte der erstaunlich liberale, aber von oben gegen adlige Partikularinteressen brachial durchregierende – und darob vom kurmärkischen Erzreaktionär Friedrich August Ludwig von der Marwitz als „Großwesir“ bespöttelte – Hardenberg maßgeblichen Anteil.

Doch das Bild, das uns Gall in seinem Buch vermittelt, bleibt ausgesprochen fad und konturlos. Gall erzählt nicht, er referiert; er schreibt, um ein Wort des großen Altphilologen Wilamowitz-Moellendorff über Xenophon zu zitieren, „wie ein Major a. D.“.

Tod in Genua

„Zu diesem aufwendigen Lebensstil“ – heißt es an einer Stelle – „kamen zahlreiche Liebesaffären, die nicht nur Hardenbergs Etat zusätzlich belasteten, sondern auch sein Zeitbudget“. Wieso erfahren wir hierüber nicht mehr? Anekdoten tun jeder Biografie gut, weil sie letztlich Strukturen in ihrer Tiefe aufdecken.

Was persönlich den Grafen Hardenberg zu seinen ausgesprochen modernen und freiheitlichen Ansichten führte, lässt Gall weitgehend im Dunkeln – und ebenso, wie sehr er sich als gebrochener Mann gefühlt haben muss, als er 1822 in Genua starb, im Sehnsuchtsland der deutschen Klassik. Und den ganz großen Bogen schließlich – dass nämlich Hardenbergs Scheitern die Straße freigab für eine Restauration, die nicht nur bis 1848 reichte, sondern letztlich bis 1918 – reißt er nur im Ansatz an. So bleibt dieses Buch ein Fragment, wie das Schaffen seines Protagonisten. Das ist aber auch die einzige Pointe.

Lothar Gall: Hardenberg. Reformer und Staatsmann. Piper Verlag, München 2018. 288 S., 12 €.