Russland geht einen eigenen Weg : Auf der Suche nach der verlorenen Größe

Angela Stent, Fritz Pleitgen und Michail Schischkin beschreiben den erneuten politischen Winter

Der Hafen von Magadan, dem Hauptort des Gulag in Sibirien - heute. 
Der Hafen von Magadan, dem Hauptort des Gulag in Sibirien - heute. Aus dem Buch von Gessen/Friedman, Vergessen (dtv)

Was ist eigentlich mit Russland los? Viel und wenig – und dies gleichzeitig. Das eine scheint mit dem anderen eng verknüpft. Da ist etwa das russische „Sommermärchen“ 2018, an das Angela Stent direkt zu Beginn ihres Porträts von Putins Russland erinnert. Einen Monat lang konnte sich das Land als begeisterter und sportlicher Gastgeber für Fußballfans aus aller Welt präsentieren – eine Chance, die der russische Präsident denn auch nutzte.

Dabei war die Ausgangslage alles andere als einfach gewesen. Die Direktorin des Center for Eurasian, Russian and East European Studies und Professorin für Government and Foreign Service an der Georgetown University in Washington ruft in Erinnerung, in welch politisch aufgeladener Atmosphäre die Weltmeisterschaft stattfand: Seit sich 1992 das postkommunistische Russland gebildet hatte, waren die russischen Beziehungen zum Westen noch nie so schlecht gewesen. Sie wurden und werden durch die Besetzung der Krim, den Krieg im Südosten der Ukraine, Russlands Cyber-Einmischungen in Wahlkämpfe in Amerika und Europa, seine Unterstützung für Assad im Bürgerkrieg in Syrien und das scharfe Vorgehen gegen Regimegegner im eigenen Land – und die entsprechenden Reaktionen aus den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union – schwer belastet.

Die ausländischen Fußballfans reisten zwar mit positiven Eindrücken von ihrem Gastgeber wieder ab. Aber die Probleme mit ihm in der internationalen Politik blieben. Einmal mehr war mit und in Russland viel los gewesen – und zugleich wenig. Woher kommt dieses Paradox? Stent führt es auf ein Projekt zurück, an dem Putin seit fast zwei Jahrzehnten gearbeitet habe: die Rückkehr Russlands auf die globale Bühne als eine Großmacht, die respektiert, gefürchtet und auch – wie die Weltmeisterschaft für einen Augenblick gezeigt habe – gemocht und sogar bewundert werde.

Nicht größer als Italien

Wie wenig selbstverständlich dieser Wiederaufstieg ist, wie unerwartet und durchaus bemerkenswert, wird bei einem Blick auf die begrenzten wirtschaftlichen Ressourcen des heutigen Russland klar: ein kleineres Bruttoinlandsprodukt als Italien, Bevölkerungsrückgang, verfallende Infrastruktur und die negativen Auswirkungen mehrerer Wellen westlicher Sanktionen als Reaktion auf Russlands Vorgehen gegen die Ukraine.

In Putins Welt, wie Stent sie beschreibt, sind die Beziehungen zu den USA und vielen Ländern Europas konfrontativ. In dieser Welt baut Russland seine Partnerschaft zu China aus, spielt eine immer einflussreichere Rolle im Nahen Osten und ist in Regionen der Welt zurückgekehrt, aus denen es sich nach dem Ende der Sowjetunion hatte zurückziehen müssen. Darüber hinaus erlauben Sitz und Vetorecht im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen dem Kreml, einen weltpolitischen Einfluss geltend zu machen, der weit über das hinausreicht, was seine aktuellen Möglichkeiten würden vermuten lassen. Moskaus erneute Fähigkeit, die Interessen des Westens zu durchkreuzen, haben es zugleich in die Lage versetzt, seine eigenen Interessen international voranzutreiben.

Die Stellung in den UN

Die Versuche des Westens, Russland nach der Annexion der Krim zu isolieren, sind nach Stents Urteil fehlgeschlagen. Außerdem hätten die zunehmende Unordnung im transatlantischen Bündnis seit dem Amtsantritt von Donald Trump, der Brexit und die neuen Herausforderungen, die sich der EU stellen, verbunden mit der Unentschlossenheit mancher westlicher Politiker, Putin unerwartete Gelegenheiten geboten, seine Absichten zu verfolgen – und diese Möglichkeiten habe er geschickt genutzt.

Knapp zwei Jahrzehnte nach Putins Machtübernahme sieht Stent das russische Nationalbewusstsein konsolidiert, das heute die Politik Moskaus antreibt. Nach ihrer Analyse ist die dabei entstandene Welt Putins auch ein Ergebnis planvollen Vorgehens: Seit dem Georgienkrieg 2008 hat Russland sich darauf konzentriert, sein Militär auszubauen und alle Mittel einzusetzen, um seine Macht auszudehnen. Zudem hat es sich Schwächen der offenen westlichen Gesellschaften zunutze gemacht und Gelegenheiten genutzt, die sich durch die zunehmende Verbreitung der sozialen Medien boten.

Einmischung statt Kooperation

Auf Russlands Einmischung in westliche Wahlen, seine Unterstützung für EU-feindliche und separatistische Bewegungen in Europa und verschiedene Gruppen auf beiden Seiten des politischen Grabens in den USA hat sich der Westen nach Stents Beobachtung als nicht vorbereitet erwiesen. Und bislang habe er auch keine angemessene Reaktion auf den Einsatz dieser „hybriden“ Taktiken in einem Informationskrieg gezeigt, dessen Ende nicht abzusehen sei.

Doch wie sollte der Westen auf dieses neue Russland unter Putin reagieren, das in mancherlei Hinsicht immer noch der Sowjetunion ähnelt? Stent zitiert George F. Kennan, den in ihren Augen begabtesten und kenntnisreichsten amerikanischen Historiker, Diplomaten und Russlandkenner des 20. Jahrhunderts. Im Rahmen seiner Betrachtungen über das schwierige Erbe der Zeit zwischen den Weltkriegen hielt er dem Westen vor, die Motive der Außenpolitik des Kremls und der militanten und universalistischen Sowjetideologie, welche seinerzeit die Sicherheit des Westens bedrohte, nicht verstanden zu haben.

Russland bleibt Außenseiter

Er gelangte zu dem Schluss, dass „wir unsere Beziehungen zur Sowjetunion, wenn wir sie richtig einschätzen wollen, nicht an irgendeinem Zustand absoluter Interessenharmonie messen dürfen, den es gar nicht gibt, sondern sie im normalen Rahmen von Widerspenstigkeit, purer Dickköpfigkeit und Unvernunft sehen müssen, denen wir überall im Verhalten der Staaten begegnen und die auch unser Staat, davon bin ich überzeugt, zuweilen an den Tag legt“. Heute lässt sich für Stent sagen, dass der Westen die Mentalität der Machthaber im Kreml, die entschlossen waren, Russland wieder auf den Rang in der Weltordnung zu befördern, der ihm ihrer Meinung nach zusteht, nur ganz allmählich verstanden hat. Putin habe das Konzept eines russischen Exzeptionalismus kultiviert, die Vorstellung einer schicksalhaften Bestimmung Russlands im eurasischen Raum; von einem Land, das von Europa bis nach Asien ausgreift, als Zentrum einer neuen multipolaren Weltordnung, in der Moskau Beziehungen zu Regierungen jeglicher politischer Couleur unterhält. Umso mehr rät Stent dem Westen zu einer Kombination aus Realismus, Standhaftigkeit und strategischer Geduld im Umgang mit Putins Welt.

Hier setzen auch Fritz Pleitgen und Michail Schischkin an. Der langjährige ARD-Korrespondent in Russland und den USA und der russische Schriftsteller, der als bislang einziger die drei wichtigsten Literaturpreise Russlands erhalten hat, suchen ebenfalls nach dem richtigen Umgang von Westen und Osten. Dabei ist ihre Missbilligung des Status quo der Beziehungen jeweils am stärksten gegen die eigene Heimat gerichtet: Während Schischkin die autoritäre Herrschaft Putins und die Politik des Kreml scharf kritisiert, erscheint Pleitgen das Verhalten des Westens als selbstgerecht und geschichtslos.

Was wird die Zukunft bringen? Wird es eine weiterhin getrennte oder eine gemeinsame sein? Schischkin sieht von Russland in der kommenden Zeit neue militärische Konflikte und regionale Kriege ausgehen. Das garantiere die weitere Konfrontation mit dem Westen und verstärke die Isolation des Landes. Man wolle weiterhin Ellbogendiplomatie betreiben, unter dem Nuklearschirm ausharren und die Welt ab und zu mit dem Nervengift „Nowitschok“ vergiften. Auf die Dauer werde dies aber nicht gehen. In einem neuen Kalten Krieg habe Russland keine Chance. Der technologische Rückstand sei nicht mehr aufzuholen. Daher sagt Schischkin den weiteren Zerfall des russischen Imperiums voraus.

Hoffen auf die "starke Hand"

Den Westen erwarten nach diesem Szenario erneut Wirren in einem Land, in dem demokratische Ideen bei den breiten Massen in Verruf nicht geraten sind, sondern gebracht wurden und die Bevölkerung ihre Hoffnungen in eine „starke Hand“ setzt. Eine solche wird sich nach Schischkins Einschätzung sicherlich finden. Und auch der Westen werde eine neue „Diktatur der Ordnung“ mit Verständnis akzeptieren, denn niemand wünsche sich eine wirre Zukunft in einem Land mit einem „roten Knopf“.

Im starken Kontrast dazu steht Pleitgen. Für das schlechte Verhältnis zwischen Ost und West macht er mehr den Westen als Russland verantwortlich. In Nato und EU sei eine Riesenarmee von militärischen und politischen Experten beschäftigt, die in der Lage sein müssten, überzeugende Konzepte zur Lösung von Konflikten auszuarbeiten. Herausgekommen sei dabei bislang erstaunlich wenig. Umso mehr plädiert er für ein Wirtschafts- und Sicherheitssystem für ganz Europa – Russland inklusive.

Fritz Pleitgen, Michail Schischkin: Frieden oder Krieg. Russland und der Westen – eine Annäherung. Ludwig Verlag, München 2019. 383 S., 20 €. - Angela Stent: Putins Russland. Aus dem Englischen von Jens Hagestedt, Ursula Pesch, Karsten Petersen, Thomas Pfeiffer, Heike Schlatterer und Andreas Thomsen. Rowohlt Verlag, Hamburg 2019. 576 S., 25 €.

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