Sprache der Politik, Sprache in der Politik : Mit Kitsch gegen Kitsch

Alexander Grau teilt aus

Konstantin Sakkas

Alexander Grau ist Philosoph und „Cicero“-Autor. Offenbar ist das kein Widerspruch. Er beklagt die „Verkitschung des politischen Diskurses“ – und bietet als Remedur dessen Re-Brutalisierung an. Er erzählt die Ideengeschichte vom Christentum bis Refugees welcome als Verfallsgeschichte der Innerlichkeit. Die habe sich vor lauter Diesseitsverliebtheit in Kitsch aufgelöst, die Ideologie der Spätmoderne, die alles aufsauge und keinen Raum für abweichende Meinungen lasse. „In den Mythen der Menschheit, etwa im Gilgamesch-Epos, im Alten Testament oder in den griechischen Sagen wird die Realität nicht beschönigt, und verkitscht schon gar nicht“, schreibt Grau, sondern „mit brutaler Klarheit geschildert“. Nun gibt es wahrscheinlich in der gesamten Weltliteratur wenig Rührseligeres als Gideon vor der Schlacht gegen die Midianiter oder die Wiederkennung des Odysseus durch Eurykleia. Der politische Kitsch von heute ist für Grau „ein hochinfektiöses Pathogen“. In derart Goebbels’scher Diktion geht es munter weiter. Vollends in den Dreck geriet der Karren mit Luthers Wende zur Innerlichkeit, denn erstens seien „die Inversion des Religiösen ein konstitutives Element des Kitsches“ und zweitens „Ideen und Wirklichkeit zwei Dinge“.

Mangel an Empathie und Ratio

Nun ist das Wesen des Religiösen gerade seine Introversion. Einer Verfallserzählung implizit einen guten Urzustand zugrundezulegen, den dann aber nirgends material zu bestimmen, ist allerdings grober Kitsch. Es gehöre „traditionell zu den Lieblingsbeschäftigungen deutscher Traumtänzer, sich wechselseitig der Traumtänzerei zu überführen“ – schreibt der Traumtänzer Alexander Grau. Es seien „die kitschigen Leidenschaften, die Menschen unbedacht, rücksichtslos und selbstgerecht machen“.

Falsch: Es ist der doppelte Mangel an Empathie und an Ratio. Und wenn man den Zahlenjongleurinnen Greta und Luisa einen Mangel an Ratio nun nicht unbedingt unterstellen kann, so Alexander Grau definitiv einen an Empathie. „Die Welt ist nicht schön. Ihr erträumter und ihr realer Zustand klaffen auseinander.“ Das ist wahr – und falsch, wenn man nur darauf rekurriert, um sich daran aufzugeilen. „Realitätsverweigerung“ als „ideologisches Signum der Spätmoderne“ aber ist Eric Voegelin („second reality“) oder Heimito von Doderer („Apperzeptionsverweigerung“) im Ramschverkauf.

Der Mensch, der Störenfried

Einen starken Moment hat das Buch: „In einer Art Inversion des christlichen Bildes von der ‚Krone der Schöpfung‘“ mutiere der Mensch „zum Fehler im System, zum Störenfried, zum Alleszerstörer, ohne den die Welt viel schöner und besser wäre“. Ja: Die grüne Linke heute droht in ihrer vorgeblichen Sorge um die Welt, die eine Menschen-Welt ist, so antihumanitär zu werden, wie der innerweltliche Asket Grau mit seinem unbekannten Gotte gottlos ist.

Alexander Grau: Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität. Claudius Verlag, München 2019. 128 S., 14 €.