Strafe im zaristischen Russland : An die Schubkarre gekettet

Auch Dostojewski erlebte das „Totenhaus“: Daniel Beer schildert das grausame System der Verbannung nach Sibirien

Dieses glänzend erzählte und von Bernd Rullkötter ausgezeichnet übersetzte Buch von Daniel Beer gibt einen faszinierenden Einblick in ein wichtiges Kapitel der russischen Geschichte. Sibirien umfasste etwa drei Viertel des Zarenreiches und ist größer als die heutige Volksrepublik China. Die Erschließung und Kolonisierung dieser gewaltigen Landmasse, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts noch so gut wie unbewohnt war, war ein zentrales Projekt der russischen Herrscher. Eine maßgebliche Rolle spielte dabei das System der Verbannungen: „Lange bevor der Sowjetstaat seine Lager errichtete, war Sibirien bereits ein riesiges offenes Gefängnis mit einer über 300 Jahre langen Geschichte.“

Die sibirische Million

Vor allem im 19. Jahrhundert, das im Zentrum von Beers Darstellung steht, wurde dieses drakonische Bestrafungssystem sehr intensiv genutzt. Während die Briten bis zur Abschaffung des Deportationsregimes 1868 insgesamt 160 000 Sträflinge nach Australien verbannten, wurden zwischen 1801 und 1917 nicht weniger als eine Million Untertanen des Zaren in die Weiten Sibiriens verschickt.

Etliche Tausend der Unglücklichen wurden sogar auf die von der Hauptstadt St. Petersburg mehr als 6000 Kilometer entfernte Insel Sachalin geschickt, von der es kein Entkommen gab. Aber auch diejenigen, die zur Zwangsarbeit nach Tobolsk oder Krasnojarsk geschickt wurden, waren oftmals jahrelang unterwegs, bevor sie ihren Zielort erreichten.

Das Vorankommen auf den unwegsamen Straßen war überaus beschwerlich. Nicht selten hatten die Häftlinge ihre warmen Mäntel verkauft, um etwas zu essen dafür zu ergattern, und waren der sprichwörtlichen sibirischen Kälte schutzlos ausgeliefert. Manche hatten nicht einmal Schuhe. Dabei marschierten sie die endlos langen Strecken in aller Regel zu Fuß.

Strafen grausam, Sterblichkeit hoch, Verwaltung korrupt

Viele liefen in Ketten, und wenn sie sich irgendwelcher Regelverstöße schuldig machten, wurden zur Strafe die Lederstreifen entfernt, die das Wundscheuern der Hand- und Fußgelenke verhindern sollten. Die Ernährung war oftmals erbärmlich, die hygienischen Verhältnisse katastrophal, die Zellen in den Gefängnissen nicht selten in einem unzumutbaren Zustand und zudem rettungslos überfüllt, die Verwaltung korrupt und die Sterblichkeit hoch. Beers Buchtitel nimmt nicht zufällig Bezug auf Dostojewskis „Aufzeichnungen aus einem Totenhaus“. Dostojewski, der im Buch immer wieder zu Wort kommt, war selbst vier Jahre lang in Verbannung gewesen und hatte Zwangsarbeit leisten müssen, wobei er die gesamte Zeit in Ketten gehalten worden war.

Immerhin waren die Verbannungsstrafen zeitlich befristet; manchmal gab es auch, wenn Verwandte oder andere Fürsprecher Eingaben an den Zaren machten, einen Straferlass. Dennoch kam es angesichts der außerordentlich harten Lebensverhältnisse immer wieder zu Fluchtversuchen. Beer schätzt, dass im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts etwa 100 000 Verbannte auf der Flucht waren. Die Fluchtversuche endeten in den unwegsamen und dünn besiedelten Gegenden nicht selten tödlich. In vielen anderen Fällen wurden die Geflüchteten wieder gefangen genommen und dann mit grausamen Auspeitschungen bestraft, die dauerhafte körperliche Schäden hinterließen. Den Häftlingen wurde schon zu Beginn der Verbannung die Hälfte des Haupthaares geschoren, um sie zu kennzeichnen. Nach Fluchtversuchen wurden sie oftmals mit Zeichen gebrandmarkt, die sie als Zwangsarbeiter auswiesen, wobei die Brandmale auf dem Rücken oder auch im Gesicht angebracht wurden. Rückfällige Verbrecher wurden nicht nur in Ketten gelegt, sondern außerdem auch noch an einen Schubkarren gekettet, was eine besonders schreckliche Strafe war.

Wie von Dostojewski beschrieben

Dieses Strafsystem, das durch Schriftsteller wie Dostojewski und Tolstoi, aber auch durch Rückkehrer und durch eine zunehmend informierte, aufgeklärte und politisch interessierte Öffentlichkeit im Lauf der Jahre in all seinen grausamen Dimensionen immer bekannter wurde, trug maßgeblich dazu bei, dass das zaristische Russland im In- und Ausland als ein besonders rückständiges, despotisches und grausames Regime galt. Das Auseinanderreißen von Familien und die furchtbaren Körperstrafen, zu denen auch das Aufschlitzen von Ohren und Nasenflügeln gehörte, wurde als inhuman, demütigend und nicht mehr zeitgemäß empfunden.

Als es dann 1905 zur ersten Russischen Revolution kam, implodierte das ganze Verbannungssystem. Nachdem in der Vergangenheit vor allem Verbrecher oder auch Leibeigene, die ihren Herren lästig geworden waren, in die Verbannung geschickt worden waren, wurden nun in kurzer Zeit mehrere Zehntausend Menschen wegen politischer Delikte wie der Zugehörigkeit zu illegalen Organisationen oder der Verbreitung umstürzlerischer Literatur nach Sibirien verbannt. Die Folge war eine „Explosion der sibirischen Gefängnisbevölkerung und ein katastrophaler Niedergang der Haftbedingungen“. Die Sterblichkeit unter den Häftlingen nahm gewaltig zu; sie normalisierte sich nicht mehr.

Die Revolution von 1905 als Anfang vom Ende

Das Jahr 1905 war der Anfang vom Ende der zaristischen Autokratie. Sie hatte sich noch einmal gegen die Revoltierenden durchgesetzt, aber der Sieg war nur von kurzer Dauer. Mit der Revolution 1917 war die Herrschaft des Zaren für immer beendet, nicht allerdings die Rolle Sibiriens als eines Totenhauses für die Unerwünschten. Daniel Beer widmet dem „Roten Sibirien“ in seiner Darstellung nur ein Nachwort, was eine kluge Entscheidung ist. Denn die Entstehung des Gulag, des gigantischen Netzes von Straf- und Arbeitslagern, in dem zur Zeit Stalins bis zu 2,5 Millionen Menschen einsaßen, gehört in ein anderes Kapitel der russischen Geschichte.

Auch im 19. Jahrhundert hatte es schon Gruppen von Häftlingen gegeben, die aus politischen Gründen in die Verbannung geschickt worden waren. Der Autor nimmt sie ausführlich in den Blick, allen voran die Dekabristen – russische Offiziere, die im Dezember 1825, daher ihr Name, den Eid auf den neuen Zaren Nikolaus I. verweigert hatten. 600 von ihnen wurden in die Verbannung geschickt. Als Adelige genossen sie Privilegien, konnten den beschwerlichen Weg in Kutschen zurücklegen, waren materiell sehr viel besser gestellt als gewöhnliche Kriminelle und wurden nicht selten von ihren Ehefrauen begleitet. Die Dekabristen wurden so auch zu Agenten des Zivilisationstransfers und erwarben sich hohes Ansehen in den unwirtlichen Weiten Sibiriens.

Zehntausende Polen gingen in die Verbannung

Weitaus schwerer war das Los der Revolutionäre des gescheiterten Novemberaufstands 1830/31. Es war der Versuch, den 1815 auf dem Wiener Kongress aufgeteilten polnischen Staat wiederherzustellen. Zehntausende Polen emigrierten nach der Niederlage nach Westeuropa, aber etwa 80 000 Aufständische mussten den Weg in die Verbannung antreten. Die Polen versuchten 1863/64 ein weiteres Mal, ihre nationale Souveränität zu erkämpfen, und unterlagen erneut, sodass noch einmal 20 000 Aufständische in die Verbannung geschickt wurden. Beide Aufstände hatten ihr Zentrum im russischen Teil Polens und fanden nur ein geringes Echo in den preußisch oder habsburgisch besetzten Landesteilen.

All dies wird vom Autor ausführlich geschildert. Er bedient sich für seine lebendige und anschauliche Erzählung einer Fülle von Quellen, Tagebüchern, Briefen und Akten, die er in den russischen Archiven aufgespürt hat.
Daniel Beer: Das Totenhaus. Sibirisches Exil unter den Zaren. Aus dem Englischen von Bernd Rullkötter. S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main 2018. 624 S., 28 €.