Viele Menschen leben am Rande, und es werden mehr : Gefangen in der Armutsfalle

Darren McGarvey hat das Elend in Großbritannien erlebt, Jessica Bruder erfährt es in den USA.

Florian Keisinger
Eine typische Szene aus einem Wohnwagenpark, hier in Kalifornien
Eine typische Szene aus einem Wohnwagenpark, hier in KalifornienFoto: mauritius images / Frontline Photography

Als im April dieses Jahres die Kathedrale Notre-Dame niederbrannte, fanden sich binnen weniger Tage zahlreiche Spender, die zum Teil dreistellige Millionenbeträge für den zügigen Wiederaufbau des Pariser Wahrzeichens zusagten. Was von den einen als generöse Geste ausgelegt wurde, stieß bei anderen auf Kritik: wie es sein könne, dass in kürzester Zeit riesige Summen für ein Gebäude zur Verfügung gestellt werden, während man beim Kampf gegen die Armut um jeden Cent streiten müsse.

Der Musiker und Autor Darren McGarvey, der in einem Glasgower Armenviertel aufwuchs und mit seinem autobiografischen Bericht „Armutssafari“ einen Überraschungserfolg in Großbritannien landete, schildert einen ähnlichen Fall aus dem Jahr 2014. Damals brannte die Glasgow School of Art ab, ein Gebäude des Jugendstil-Architekten Charles Rennie Mackintosh und kulturelles Aushängeschild der Stadt. Auch hier war die Betroffenheit groß, und es fanden sich zahlreiche Spender, die die Kosten eines Wiederaufbaus übernehmen wollten.

In den Vierteln der ärmeren Bevölkerung hingegen regte sich Widerstand. Man verstand die nationale Trauer um ein Gebäude nicht. Zum einen, so McGarvey, weil die Menschen keinen Bezug zur Kunst hatten; zum anderen, weil in ihrer eigenen Nachbarschaft ständig Gebäude abbrannten – darunter auch Schulen –, um deren Wiederaufbau sich niemand kümmerte. Eine Auflösung fand die Debatte nicht. In den Augen derer, die den Wiederaufbau der Kunstschule begrüßten, galten diejenigen, die sich dagegenstemmten, als unkultiviert.

Die Episode steht symptomatisch für die von McGarvey diagnostizierte Sprachlosigkeit zwischen Arm und Reich. Wo zaghafte Versuche des Austauschs unternommen würden, seitens der Politik oder auch der Zivilgesellschaft, seien diese aufgrund von Ressentiments und Missverständnissen meist zum Scheitern verurteilt. Mittlerweile sei der Punkt erreicht, an dem die Spaltung unsere Gesellschaft insgesamt verändere. Worüber McGarvey schreibt, lässt sich auf die meisten westlichen Gesellschaften anwenden, inklusive Deutschland.

Sein Buch ist eine ebenso kluge wie wütende Polemik, die sich – wie so häufig bei guten Polemiken – mit Detailfragen nicht aufhält. Doch genau daraus zieht „Armutssafari“ seine besondere Wucht. McGarvey räumt offen ein, dass er kaum Bücher über die Armut gelesen habe.

Grundlage ist vielmehr die eigene Erfahrung. Aufgewachsen mit einer suchtkranken Mutter, waren Armut und Gewalt von Anfang an zentrale Bestandteile seines Lebens. McGarvey selbst wurde früh alkohol- und drogenabhängig, litt an Essstörungen und lebte nach dem Tod der Mutter zeitweise auf der Straße.

Was ihn gerettet hat, wird zum Kern seiner Überlegungen. Über seine Kunst, den Rap, hat er sich eine Nische eröffnet, in der er sich Gehör verschaffte, zunächst musikalisch, später auch als Autor. Er schwor dem Alkohol und den Drogen ab, fand eine Wohnung und erfuhr, wie wichtig Privatsphäre für ein glückliches Leben ist. Kurz vor Erscheinen des Buches wurde er zum ersten Mal Vater.

Jetzt blickt er zurück – und ist wütend: auf diejenigen, die Armut und die daraus resultierenden Gewalterfahrungen als normal erachten, ja, sogar als Teil ihres Geschäftsmodells sehen. Er geht hart mit der „Armutsindustrie“ ins Gericht, den professionellen Helfern, die gut davon leben, dass Armut allenfalls punktuell gelindert wird; und mit einer politischen Linken, die sich seit Langem von der Politik des Klassenkampfes entfernt hat und stattdessen eine krude Identitätspolitik vertritt, die ausschließlich den Interessen einer wohlhabenden, gut ausgebildeten Klientel entspricht. Ihre einzige Antwort, wenn sich die Armen in ihrer Wut und Verzweiflung rechten Menschenfängern in die Arme werfen, ist Verachtung.

An dieser Stelle finden sich Anknüpfungspunkte zu Didier Eribons viel gelesenem Buch „Rückkehr nach Reims“, mit dem „Armutssafari“ in Großbritannien häufig verglichen wurde.

Was aber muss aus McGarveys Sicht konkret unternommen werden? Hier zeigt sich die Kehrseite des selbstreferenziellen Ansatzes. McGarvey hat sich mit Engagement, Talent, Klugheit und nicht zuletzt der Hilfe anderer aus seiner Armut herausgearbeitet. Er erhielt Antiaggressionstrainings und hatte eine Psychologin, die ihm half, die Sucht zu überwinden. Und er erfuhr Anerkennung für seine Arbeit. Daraus schlussfolgert er, dass Empathie und Respekt gegenüber Armen die entscheidenden Kriterien seien, denn letztlich gehe es darum, ihnen die Angst zu nehmen, ihre gewohnte Umgebung verlassen zu müssen.

Und dass konkrete Verbesserungen im jeweiligen Stadtteil ansetzen müssen. Er selbst hat stark von der kommunalen Bibliothek als Ort des sozialen Austauschs und der Wissensaneignung profitiert – weswegen er nun dafür plädiert, Bibliotheken zu Zentren eines jeden Gemeinwesens auszubauen. Ob sich das Problem der Armut damit tatsächlich in den Griff bekommen lässt, ist zu bezweifeln. McGarveys Buch ist stark als Wutrede und Aufrüttler – als Blaupause für politisches Handeln greift es zu kurz.

Anders als McGarvey hat die New Yorker Professorin Jessica Bruder Armut nie am eigenen Leib erfahren. Entsprechend unterscheidet sich ihre Reportage in Stil und Methode grundsätzlich von McGarveys Brandrede. Dennoch bietet sich die Verknüpfung der beiden Bücher an. Zum einen, weil es auch in Bruders „Nomaden der Arbeit“ um die Abgehängten der Gesellschaft geht, diesmal in den USA; zum anderen, weil Bruder eindrucksvoll in die Realität umsetzt, was McGarvey so vehement einfordert: eine empathische, aber niemals mitleidige Beschäftigung mit dem Schicksal armer Menschen.

Bruders Buch handelt von jener Gruppe Amerikaner, der die Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 im Wortsinn den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Menschen, die bis dahin in typischen Berufen der unteren und mittleren Mittelschicht gearbeitet hatten, als IT-Spezialisten, Handwerker, Lehrer oder auch Fernfahrer. Die geschilderten Schicksale bedrücken, weil sie vor Augen führen, wie schmal der Grat zwischen einer vermeintlich gesicherten Existenz und dem Abgleiten ins Prekäre sein kann. Der Verlust des Arbeitsplatzes führte bei den Betroffenen dazu, dass sie ihre Häuser – als den größten individuellen Kostenfaktor – gegen Wohnmobile eintauschten, um den Anforderungen eines auf Flexibilität gepolten Arbeitsmarktes hinterherzuhetzen – als Erntehelfer und Campingplatzaufseher, bis man sich in den vier Monaten vor Weihnachten in einem der riesigen Warenlager des Amazon-Konzerns wiederfindet. Bruder zeigt, dass die lukrativen Geschäftsmodelle von Amazon oder Walmart nicht zuletzt auf der Ausbeutung von Wanderarbeitern beruhen.

Bruder hat diese Menschen über Monate hinweg begleitet, mit ihnen gearbeitet und gelebt. Ihre Schilderungen sind sachlich und zugleich mitfühlend. An keiner Stelle wird sie polemisch oder auch nur politisch – wie das Thema Politik unter den Arbeitsnomaden des 21. Jahrhunderts generell kaum eine Rolle zu spielen scheint. Das überrascht, denn immerhin befasst sich Bruder mit einer Gruppe, die spätestens seit den Präsidentschaftswahlen 2016 als politisch hochbrisant gilt: der vom Abstieg betroffenen einstigen Mittelschicht.

Nun ließe sich sagen, dass Bruder angenehmerweise auf eine Politisierung ihres Buches verzichtet und stattdessen auf solides Reportagehandwerk setzt. Oder ist es ihr als Außenstehender womöglich doch nicht gelungen, tief genug in die Welt der Arbeitsnomaden einzudringen, um derlei sensible Bereiche zu erfassen?

McGarvey und Bruder haben zwei sehr unterschiedliche Bücher über die Armut im 21. Jahrhundert vorgelegt. Die komplementäre Lektüre lohnt sich, weil sie sich in entscheidenden Punkten berühren, etwa wenn es um Fragen der gesellschaftlichen Teilhabe geht. Wo McGarvey auf wütende Polemik setzt, punktet Bruder mit einer ausgewogenen Betrachtung des Themas.

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