Weltausstellung von Paris 1937 : Der gemütliche Faschismus

Mario Kramp berichtet, wie Köln als einzige Stadt mit einem eigenen Pavillon auftrat.

Der Kölner Pavillon direkt unterhalb von Speers „Deutschem Haus“ in Paris 1937.
Der Kölner Pavillon direkt unterhalb von Speers „Deutschem Haus“ in Paris 1937.Karl Hugo Schmölz

Die Weltgeschichte steckt voller Fußnoten. Eine solche ist das Kölner Haus auf der Weltausstellung des Jahres 1937 in Paris. Köln war, und da wird aus der gewöhnlichen Fußnote eine bemerkenswerte, die weltweit einzige Stadt, die einen eigenen Pavillon bei der Weltausstellung errichten durfte, und noch dazu mittendrin an einem höchst prominenten Platz.

Erinnert wird die Weltausstellung durch Picassos Gemälde „Guernica“ im Pavillon der Spanischen Republik vor allem aber durch den Gegensatz von deutschem und sowjetischem Pavillon, die einander an der Hauptachse vom Eiffelturm zum Palais de Trocadéro unmittelbar am Pont d’Iéna gegenüberstanden. Der kommende Weltkrieg war da symbolisch bereits vorgezeichnet. Kein Wunder, dass sich für den kleinen Pavillon, der sich unterhalb des „Deutschen Hauses“ – wie es offiziell hieß – direkt am Ufer der Seine erstreckte und eine gern besuchte Restaurant-Terrasse bot, später niemand mehr interessierte.

Zwei große Fotografen

Der Kölner Fotograf Hugo Schmölz war einer der Großen der deutschen Industriefotografie der zwanziger und dreißiger Jahre, sein Sohn Karl Hugo Schmölz setzte die väterliche Tradition in die Nachkriegszeit hinein fort. Gemeinsam haben sie die Pariser Weltausstellung besucht und dort fotografiert, der Vater dann noch ein zweites Mal. Erst jetzt sind die Fotografien aus dem Nachlass aufgearbeitet worden: Mario Kramp, der agile Direktor des Kölnischen Stadtmuseums, hat dazu die erhellende Monografie „Köln an der Seine“ vorgelegt, die die Entstehungsgeschichte des „Kölner Pavillons auf der Pariser Weltausstellung 1937“ – so der Untertitel – ausbreitet.

Es ist beinahe ein Schelmenstück, das da ablief, eine Kölner Eigenmächtigkeit im Räderwerk der NS-Propagandamaschine. Die aber irgendwie funktioniert hat: Der Kölner Eigensinn unter Einschluss des NS-Oberbürgermeisters Karl Georg Schmidt brachte einen eigenen Pavillon zuwege, der auf einem Grundstückszipfel am Ufer der Seine Gestalt annahm. Das Restaurant bot einen herrlichen Blick über die Seine hinweg zum Eiffelturm, die landseitige Schaufensterfront stellte Kölner Produkte vor, wie Motoren von Humboldt-Deutz, Parfüm von „4711“ oder Pralinen von „Stollwerck“, angesehenen Unternehmen, die bis in unsere Tage Bestand hatten und haben.

Eine Sonderrolle für Köln

Mario Kramp weitet den Blick von der Kölner Lokalepisode auf die „große“ Geschichte des Verhältnisses Deutschland-Frankreich am Vorabend des neuerlichen Krieges, auf Volksfront-Regierung, NS-Propaganda, Emigration; all das begleitet von den neusachlichen Fotos von (hauptsächlich) Vater und (wenig) Sohn Schmölz, wie man sie so klar und informativ von der Weltausstellung noch nie gesehen hat. Dass auch der 1987 erschienene, 500 Seiten starke Katalog der Pariser Retrospektive zum 50-Jährigen der Weltausstellung nichts vom Kölner Pavillon wusste, spricht Bände.

Rheinwein, aber auch Bier

Köln, das sich in der Nazizeit als „Ausfalltor des Westens“ inszenierte und auf der Weltausstellung eine Goldmedaille für sein – in besagtem Krieg untergegangenes – „Haus der Rheinischen Heimat“ einheimste, hatte dieses Kapitel seiner Geschichte vergessen. Doch die „Sonderrolle Kölns war eingebunden in die Geschichte der Teilnahme Deutschlands an der Weltausstellung“, fasst Kramp zusammen, „sie war verknüpft mit dem ,Großen Bruder’ dieses Kölner Pavillons, dem Deutschen Haus von Albert Speer. Hier geschlossene, pathetische Strenge – dort die Leichtigkeit und Offenheit des zu dessen Füßen liegenden Kölner Pavillons. Hier der brutale Auftritt des deutschen Faschismus – dort seine weinselige, gemütliche Variante. Doch auch der gemütliche Faschismus ist Faschismus.“

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Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer: dass es im Kölner Haus neben Rheinwein selbstverständlich auch Bier gab. Allerdings kein Kölsch, sondern Pilsener aus Bitburg in der Eifel. Auch dafür gab es eine Goldmedaille.

Mario Kramp: Köln an der Seine. Der Kölner Pavillon auf der Pariser Weltausstellung 1937. Mit Fotografien von Hugo und Karl Hugo Schmölz. Greven Verlag, Köln 2019. 272 S. m. zahlr. Abb., 30 €