Wie die Nachbarn auf uns blicken : Keine Angst vor Deutschland

Andreas Rödder gibt Empfehlungen zum Verhalten in Europa.

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main leuchtet in der Abenddämmerung, während ein vorbeifahrendes Schiff Lichtspuren zieht.
Die Europäische Zentralbank in Frankfurt am Main leuchtet in der Abenddämmerung, während ein vorbeifahrendes Schiff Lichtspuren...Foto: Boris Roessler/dpa

Angst vor Deutschland? Das klingt gegenwärtig wie aus der Zeit gefallen. Geht es in Europa nicht eher um Angst vor Großbritannien, Italien, Griechenland – von Polen und Ungarn ganz zu schweigen? Zwar scheinen die aktuellen Krisenländer Europas, ob wirtschaftlich, innen- oder außenpolitisch durchgeschüttelt, Deutschland den Rang in der medialen Aufmerksamkeit abgelaufen zu haben. Aber ein Muster in der Wahrnehmung Deutschlands hat sich nicht nur in der europäischen Geschichte ein um das andere Mal wiederholt, sondern dürfte in Gegenwart wie Zukunft eine zentrale Rolle für die weitere Entwicklung Europas spielen: Von Berlin wurde und wird erwartet, dass es politische Führung übernimmt. Doch wenn es dies tat oder tut, war und ist der Vorwurf der Dominanz schnell erhoben.

Der einstige Wachstumsmotor

Dieses Dilemma verfolgt Andreas Rödder durch die letzten 150 Jahre der europäischen Historie. Der Professor für Neueste Geschichte an der Universität Mainz beleuchtet die zwiespältigen Gefühle, die ein starkes Deutschland bei seinen Nachbarn seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder auslöst. Dahinter stehen für ihn zwei Geschichten. Die eine ist die der deutschen Stärke: Mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871 wurde die über Jahrhunderte politisch zersplitterte Mitte Europas zu einer der militärisch stärksten Mächte auf dem Kontinent. Um die Jahrhundertwende erwies sich Deutschland dann zusammen mit den Vereinigten Staaten auch als der wirtschaftliche und technologische Wachstumsmotor der Welt.

Der größte Fehler der Geschichte

Seinem Heimatland standen damals nach Rödders Urteil alle Möglichkeiten offen. Doch dann habe es den größten Fehler begangen, den es begehen konnte: Mit der Kriegserklärung vom 1. August 1914 begann eine bis dahin beispiellose Geschichte von Zerstörung und Selbstzerstörung. Deutschland verlor die beiden Weltkriege. Es vertrieb große Teile seiner Eliten. Es führte einen Vernichtungskrieg im Osten und Südosten Europas. Es beging mit dem Holocaust eines der Menschheitsverbrechen schlechthin.

In der Folge wurden Deutschlands Städte zerstört. Es ruinierte zwei Mal seine Währung. Es verlor ein Drittel seines Territoriums. Es wurde geteilt. Als sich dann die verbliebenen zwei Drittel 1990 wiedervereinigten, wirkte das Land erneut überfordert, schien sich mit den Folgelasten zu überheben. Vom „Abstieg eines Superstars“ war im Europa des Jahres 2005 die Rede. Doch dann, nur wenige Jahre später, stand Deutschland nach Rödders Analyse in der Bekämpfung der Euro-Schuldenkrise erneut da, wo es vor 1914 schon einmal gestanden hatte: Wieder wurde es als europäische Vormacht in einer „halbhegemonialen Stellung“ wahrgenommen, wie es Rödders Historikerkollege Ludwig Dehio bereits 1955 formuliert hatte – zu schwach, um den Kontinent wirklich zu beherrschen, aber zu stark, um sich einfach einzuordnen.

Selbst- versus Fremdwahrnehmung

Dieser Zustand war und ist vielen nicht geheuer – nach Rödders Beobachtung den Deutschen selbst so wenig wie ihren Nachbarn. Und damit beginnt für ihn die zweite Geschichte: die der unterschiedlichen deutschen Selbst- und Fremdwahrnehmung. Typisch dafür ist die Rede, die Staatssekretär Bernhard von Bülow 1897 im Deutschen Reichstag hielt: „Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.“ Er mochte dabei nach Rödders Interpretation zwar das „auch“ betont haben, die europäischen Nachbarn hätten aber allein das „wir“ und den „Platz an der Sonne“ gehört.

Der britische Diplomat Eyre Crowe sprach 1907 von dem tief eingewurzelten Gefühl, dass Deutschland durch die Stärke und Reinheit seines nationalen Strebens und den hohen Tüchtigkeitsgrad das Recht erworben habe, für die deutschen nationalen Ideale einen Vorrang zu beanspruchen. Was also die Deutschen für ihr gutes Recht oder ihre moralische Pflicht hielten, erschien anderen als deutscher Vormachtsanspruch. Dieses Muster sieht Rödder sich durch die Geschichte ziehen – von der wilhelminischen Weltpolitik bis zur Euro-Schuldenkrise und der Flüchtlingskrise im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. Joachim Gauck seien die Anklänge an Bülows Rede wahrscheinlich gar nicht bewusst gewesen, vermutet Rödder, als der Bundespräsident im Februar 2013 gesagt habe: „Wir wollen andere nicht einschüchtern, ihnen auch nicht unbedingt unsere Konzepte aufdrücken, wir stehen allerdings zu unseren Erfahrungen, und wir möchten diese gern vermitteln.“

Fünf Thesen zum richtigen Handeln

Wie lässt sich mit diesem Muster und dem daraus folgenden Dilemma umgehen? Dazu stellt Rödder fünf Thesen auf, die insgesamt einen klugen Leitfaden bilden: Erstens, ein Grundübel der Beziehungen innerhalb Europas liege in der Neigung, sich selbst als Opfer zu sehen. Daher fordert er von allen Beteiligten einen Perspektivwechsel, um den Teufelskreis der Opfergeschichten zu durchbrechen. Für die Öffentlichkeiten anderer europäischer Staaten bedeute dies, die kooperativen Absichten Deutschlands anzuerkennen, ohne ständig finstere deutsche Vormachtsambitionen zu unterstellen. Und für die deutsche Öffentlichkeit und Politik bedeute dies, zu reflektieren, ob das eigene Handeln nicht tatsächlich zu deutscher Vormacht und deutschem Übergewicht führe.

Keine falschen Erwartungen

Zweitens mahnt Rödder zu Selbstverantwortung ohne Doppelstandards und falsche Erwartungen. Dies bedeutet für ihn dreierlei: Doppelstandards in der Bewertung Deutschlands und unvereinbare Erwartungen an das Land zu vermeiden – etwa beständig Führung von Berlin zu erwarten, um sie dann umgehend zu kritisieren; nicht von Deutschland oder der Europäischen Union die Lösung der eigenen Probleme zu erwarten; desgleichen nicht von Berlin zu erwarten, wozu auch andere europäische Hauptstädte nicht bereit wären, nämliche europäische Interessen über die eigenen zu stellen.

Mit seiner dritten These blickt Rödder in Richtung seiner Landsleute. Seine Empfehlungen lauten: Gelassenheit und Vertrauen auf die eigenen Kraftquellen statt eines Benachteilungskomplexes als „Zahlmeister Europas“, Fünf-vor-Zwölf-Panik und der Antizipation von Untergangsszenarien; rücksichtsvoller Umgang mit den kleinen Staaten in Europa und Respekt ihnen gegenüber, was auch bedeute, auf moralisierendes Sendungsbewusstsein und Überlegenheitsgefühl zu verzichten; und schließlich deutsches Investment in Europa – die historische Perspektive zeige, dass deutsche Stärke und europäische Ordnung nur dann vereinbar waren, wenn Deutschland einen aktiven Beitrag leistete, der einen Mehrwert für die anderen sichtbar machte: von Bismarcks Gleichgewichtsdiplomatie bis zu Kohls Bereitschaft, europäische Lasten auf deutsche Rechnung zu nehmen. Hier kann sich Rödder beispielsweise einen großzügigen Beitrag zur Finanzierung von Gemeinschaftsaufgaben wie der europäischen Asyl- und Migrationspolitik vorstellen.

Eine Union der drei Geschwindigkeiten

Viertens plädiert er für Flexibilisierung anstatt einer „ever closer union“. Mehr Europa möchte er in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik, der Asyl- und Migrationspolitik, im Bereich der Digitalisierung, grenzüberschreitender Netzinfrastrukturen und Verkehrswege. Zugleich soll Europa offener werden: In einer Europäischen Währungsunion, einer Europäischen Union ohne grundsätzliche Verpflichtung auf die gemeinsame Währung sowie einer Peripherie mit geringerer Integrationstiefe sieht er Instrumente für einen flexibleren Umgang mit dem Brexit, der Ukraine, dem Westbalkan und der Türkei. Schließlich, fünftens, parallel ein verstärktes globales Engagement der großen Nationalstaaten Europas als Kraftquelle für weltweite Handlungsfähigkeit – die Brüssel nicht erbringen kann, solange es keine Balance gibt zwischen europäischen Rücksichten und machtpolitischen Anforderungen.

Überblick mit zahlreichen Autoren

Wohin all dies Deutschland und Europa in der Welt des Jahres 2030 führen könnte, skizziert als lesenswerte Ergänzung zu Rödder ein Band von Stefan Mair, Dirk Messner und Lutz Meyer, zu dem sich unter anderem der Bundesverband der Deutschen Industrie und das Deutsche Institut für Entwicklungspolitik mit zahlreichen Autoren aus Wirtschaft und Wissenschaft zusammengetan haben. Das Ergebnis ist ein guter Überblick über die Herausforderungen einer Welt, die sich in einem von hoher Veränderungsdynamik geprägten Prozess der Neuorientierung und Umgestaltung nahezu aller Lebensverhältnisse befindet – ökonomisch, ökologisch, kulturell und sozial. Das gegenwärtige Europa wirkt hier wie ein Spiegel. Muss man Angst davor haben, was man in ihm sieht? Rödder würde dies sicherlich verneinen.

Andreas Rödder: Wer hat Angst vor Deutschland? Geschichte eines europäischen Problems. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2018. 368 S., 20 €.

Stefan Mair, Dirk Messner, Lutz Meyer (Hrsg.): Deutschland und die Welt 2030. Was sich verändert und wie wir handeln müssen. Econ Verlag, Berlin 2018. 413 S., 68 €.