Zm 75. Mal jährt sich das Attentat auf Hitler : Den entscheidenden Wurf gewagt

Thomas Karlauf schildert den Attentäter Graf Stauffenberg als Jünger und Vollender des George-Kreises.

Claus Graf Stauffenberg (ganz links) und Hitler im Führerhauptquartier Wolfsschanze am 15. Juli 1944.
Claus Graf Stauffenberg (ganz links) und Hitler im Führerhauptquartier Wolfsschanze am 15. Juli 1944.Foto: Alamy Stock Photo

Der Hitler-Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg ist die herausragende Gestalt in der Gedächtnislandschaft des deutschen Widerstands, die sich in der Bundesrepublik im Laufe der Jahrzehnte herausgebildet hat. In seiner Tat scheinen die Aktivitäten und Überlegungen der Opposition zu kumulieren – obwohl doch die meisten in ihren Reihen andere Wege eingeschlagen hatten und der militärische Widerstand nur ein Teil von ihr war.

Es bekräftigt diese Sichtweise, dass Stauffenberg und der so tragische wie erratische Versuch des 20.Juli 1944, dem drohenden Verhängnis in die Speichen zu greifen, zu einem klassischen Erinnerungsort der deutschen Geschichte geworden sind - neun Filme und 17 Biografien über ihn zählte ein Aufsatz schon vor einem knappen Jahrzehnt. Ein Ort also, der wahrhaftig mit einem Überschuss symbolischer Bedeutung besetzt ist, ein lieu de mémoire – auch insoweit, als sich die Frage nach dem Sinn des Staatsstreichs, seinen Motiven und seinem Platz in der deutschen Geschichte als ein nicht ausschöpfbares Thema des Verhältnisses der Deutschen zu ihrer Vergangenheit erwiesen hat.

Ein deutscher Gedächtnisort

Wie auch die Biografie zeigt, mit der Thomas Karlauf im fünfundsiebzigsten Jahr des Attentats eine neue Annäherung versucht. Die Richtung intoniert das verblüffende Nocturno, das er der Biografie vorangestellt hat. Es handelt vom Tod und der Beisetzung des Dichters Stefan George im Dezember 1933, zu dessen männerbündischem Umfeld Stauffenberg von Jugend an gehörte. Seine Faszination für diese esoterische Größe – der Karlauf ebenfalls eine umfangreiche Biografie gewidmet hat –, taucht in diesem Buch immer wieder auf. Sie schürzt sich im Zusammenhang mit dem Attentat zu einem Knoten, der dem Buch seine Pointe setzt, indem er den Dichter für Stauffenbergs Tat in Anspruch nimmt. „Wenn es einen geistigen Urheber des Attentats gibt“, zitiert Karlauf den Zeithistoriker Michael Wildt, „dann war es Stefan George“.

Wie zur Bestätigung dieser Behauptung hat sich dieser Tage das Dokument eines Briefes des Historikers Ernst Kantorowicz aus dem Jahr 1944 eingestellt, amerikanischer Emigrant und führender George-Jünger. Ganz unter dem Eindruck des Attentats hebt er die „hohe symbolische Bedeutung“ der Tat für den George-Kreis hervor: In „gewisser Weise haben wir alle Anteil an dieser Bombe“. Das Attentat, der 20. Juli ein Ereignis aus dem Geiste Stefan Georges? Der Gedanke, dass dessen Gedankenwelt Stauffenberg am Ende die Kraft gegeben habe, die Tat zu wagen, hat eine gewisse Plausibilität; schließlich stand er seit seinem 16. Lebensjahr im Banne dieser charismatischen Person, der einen idealistisch-angestrengten Kult der Tat predigte.

George war Vorbild - aber nur eines

Doch viel weiter trägt diese These nicht. Das belegt das ganze Buch, das eine komplexe Geschichte komplex erzählt, ohne sich wirklich ins Schlepptau Georges zu begeben. Auch ist unter den drei Lebensbereichen, aus denen heraus Karlauf Stauffenbergs Handeln erklärt, der George-Kreis nur einer. Die anderen sind die Herkunft, der schwäbische Adel, dem Stauffenberg entstammt, eingeschlossen die von ihm besonders betonte Verwandtschaft mit dem preußischen Militärreformer Gneisenau. Vor allem aber ist es das Soldatentum, dem Stauffenberg sich – so Karlauf – „am stärksten verpflichtet fühlt“.

In der Tat nimmt das Militärische in Karlaufs Biographie einen erstaunlichen Rang ein. Über weite Passagen liest sie sich wie eine Geschichte der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg, wahrgenommen gleichsam aus den Sehschlitzen der Gefechtsstände der militärischen Führung. In diese Sphäre ist Karlauf tief eingedrungen, und so ist fortwährend von militärischen Operationen, von Offensiven, Durchbrüchen und Rückschlägen, von Verwendungen, Versetzungen und Beförderungen die Rede. Verwunderlich ist das im Grund nicht – schließlich war Stauffenberg Soldat mit Haut und Haar und der Anschlag auch ein hoch kompliziertes Organisationsproblem. Befremdlich ist nur, in welchem Maße es das Geschehen durchdringt. Ganz zu schweigen von den Zeugnissen einer fast schwärmerischen Kriegsbegeisterung, dazu den deutlichen Spuren eines nicht immer angenehmen militärischen Hochmuts.

Vom "Führer" begeistert

Karlaufs „Porträt eines Attentäters“ – so der vollständige Titel des Buches – gewinnt sein Profil, indem es die Brüche in der Biografie Stauffenbergs heraushebt, der lange von Hitler angetan, ja, begeistert war. Der Leutnant in einem Reiterregiment in Bamberg hat zwar die Machtergreifung am 30. Januar 1933 nicht, wie gelegentlich kolportiert worden ist, hoch zu Ross begrüßt, aber sich doch bewegt einem Fackelzug angeschlossen, der das Ereignis feierte.

Schwerer wiegt der Befund des Autors, dass sich in den Quellen „bis August 1942“ keine Belege dafür finden, „dass Stauffenberg ein Komplott gegen Hitler in Erwägung gezogen hätte“. Gewiss, ein Nazi war Stauffenberg nicht, aber seine Vorstellungen entsprachen weitgehend der Politik, die Hitler betrieb, und vom militärischen Genie des Führers war er lange Zeit ebenfalls überzeugt. Erst 1942 setzt das Umdenken ein, beginnen die Zweifel an Hitler zu wachsen. Nach der Katastrophe von Stalingrad fällt der Entschluss, an seiner Beseitigung mitzuwirken.

Vom "Führer" enttäuscht

Der Grund dafür hängt, natürlich, damit zusammen, dass 1942/1943 die Grenzen des Führer-Genies schmerzhaft deutlich geworden waren. Aber auch mit Karlaufs Urteil über die Motive des militärischen Widerstands, nach dem dieser aus Verantwortung, nicht aus Gesinnung handelte: „Nicht das Entsetzen über die Verbrechen des Nationalsozialismus, sondern die Entschlossenheit, den Krieg möglichst rasch zu einem für Deutschland einigermaßen glimpflichen Ende zu bringen, gab ihrem Denken die Richtung.“ Dahinter stand spätestens seit Stalingrad die Überzeugung, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei. Das einzige nun noch mögliche Ziel sei „die Erhaltung des deutschen Volkes“, wozu ein schneller Friedensschluss erforderlich sei.

Es gehört zur Dramaturgie von Karlaufs Erzählung, dass er die Spannung zwischen Gewissen und Verantwortung – nach Max Weber die beiden Pole der politischen Ethik –, scharf markiert.

Die Saulus-Paulus-Perspektive, Exempel geworden in einem glänzenden Vertreter seines Standes, einem noch jugendlichen, militärischen Überflieger – zum Zeitpunkt des Attentats ist Stauffenberg noch nicht 37 Jahre alt –, wird damit zum eigentlichen, beherrschenden und auch faszinierenden Thema des Buches. Zumal in seiner entscheidenden Phase ist das eine spannende, hoch dramatische Geschichte von Mut und Schwäche, von Risikobereitschaft und Gewissensqualen, von Elitebewusstsein und dem Menschlich-Allzumenschlichen. Karlauf erzählt sie dicht, mit Verve, geschickt Bericht und Reflexion, Nahsicht und Perspektive verbindend.

Illusionen bis zuletzt

Dramatisch spürbar wird der Zeitdruck, unter dem die Verschwörer standen, und der Abgrund, an dem die Operation stattfand. Er wird an der sich zuspitzenden militärischen Lage deutlich, aber fast noch mehr an den Illusionen, die die Verschwörer bis zuletzt hegten. Es hat etwas Erschütterndes zu sehen, wie lange die Hoffnung in ihren Überlegungen eine Rolle spielte, dass Deutschland nach einem gelungenen Putsch noch einen Machtfaktor im Spiel der Kräfte darstellen und ein Verhandlungsfrieden möglich sein werde. Die Verschwörer waren sich offenbar nie darüber im Klaren, dass der vom „Dritten Reich“ vom Zaun gebrochene Krieg mit allen seinen Begleiterscheinungen die Möglichkeit eines solchen Friedens längst zerstört hatte.

Selbst ein Gelingen des Putsches hätte diese verzweifelte Situation nicht grundsätzlich verändert, denn, so Karlaufs nüchterne Argumentation, „so wenig die Alliierten im Falle eines Regierungswechsels auf ihre Forderung nach bedingungsloser Kapitulation verzichtet hätten, so wenig wäre die Mehrheit des deutschen Volkes im Sommer 1944 bereit gewesen, die Niederlage zu akzeptieren“. So dass dann das Henning von Tresckow zugeschriebene berühmte Wort zum Schlusswort wurde: Dass es, ungeachtet eines möglichen Scheiterns, darauf ankomme, „dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat“.

Militärputsch und Moral

Es ist wahr – Karlaufs Stauffenberg-Deutung rüttelt vernehmlich an dem eingeführten Bild des 20. Juli. Die maßgebenden Biografen finden wenig Gnade vor seinen Augen, und nicht viel besser geht es der Gedächtniskultur, die die Bundesrepublik in Bezug auf den 20. Juli etabliert hat. Lange Zeit, so reibt sich Karlauf am Umgang mit dem 20. Juli, habe man die Verschwörer zu weitgehend „immunen Lichtgestalten“ befördert, um sie als Vorbildfiguren präsentieren zu können. Überhaupt steht er der Tendenz skeptisch gegenüber, den Militärputsch zur „moralischen Legitimation“ heranzuziehen und ihn „identitätsstiftend in das Selbstbildnis der Bundesrepublik“ einzubauen.

Nun kann man, gerade in einem Jahr, in dem aus gegebenem Anlass etliche Gedenkaktivitäten anstehen, dem Gedanken einiges abgewinnen, den 20. Juli mit einer herausfordernden Deutung zu konfrontieren, zumal wenn sie darauf hinausläuft, den Denk- und Motivationshorizont der Attentäter in Erinnerung zu rufen.

Aufstand des Gewissens

Aber änderte das etwas an dem Beispiel, das sie mit ihrer Tat gegeben haben? Man kann den Gedanken des Ethos der Tat, die ihren Zweck in sich selbst trägt, auch überziehen – die „Erhaltung des deutschen Volkes“, die Stauffenberg geltend machte, war ein Ziel, das aller Mühen wert war; etwa, wenn sie umgesetzt worden wäre in den Millionen, denen ein früherer Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ das Leben gerettet hätte. Und nimmt man den Widerstand in seiner Gänze, so war er eben auch ein Aufstand des Gewissens, aller Ausrichtung am Primat des Verantwortungsdenkens zum Trotz.

Und was bleibt vom 20. Juli? Karlauf erinnert beiläufig an die Rede – und nennt sie wegweisend –, mit der Theodor Heuss den 20. Juli 1955, zehn Jahre nach dessen Scheitern, überhaupt erst zu einem öffentlichen Datum machte. Der damalige Bundespräsident bediente durchaus das Muster, das lange das Gedenken bestimmt hat: „Die Scham, in die Hitler uns Deutsche gezwungen hatte, wurde durch ihr Blut vom besudelten deutschen Namen wieder weggewischt.“. Das hört sich heute etwas fremd an, nicht nur wegen des hohen Tons. Anders steht es um die Worte, mit denen er die Rede beschloss: „Das Vermächtnis ist noch in Wirksamkeit, die Verpflichtung noch nicht eingelöst.“

Thomas Karlauf: Stauffenberg. Porträt eines Attentäters. Karl Blessing Verlag, München 2019. 366 S. m. 1 Abb., 24 €.