Literaturkolumne Fundstücke : Die Fatalität des Bösen

Faszination und Schrecken: Das Berliner "Philosophie Magazin" widmet sich dem Bösen. Die Literaturkolumne Fundstücke.

Maske des Grauens. Ein Fan verkleidet sich zur Premiere von "The Dark Knight Rises" als der anarchische Joker.
Maske des Grauens. Ein Fan verkleidet sich zur Premiere von "The Dark Knight Rises" als der anarchische Joker.Foto: Sáshenka Gutiérrez/dpa

Dem Guten, das gewiss auch zum Menschen gehört, begegnen wir gerne im Leben. Aber das Böse bevorzugen wir beim Lesen. Überhaupt erzeugen Untaten und Ungeheuer, Katastrophen und Verbrechen in der Literatur wie in der Malerei, im Theater oder Film die größten, dramatischsten Stoffe. Die Sünde wirkt spannender als die Tugend. Raskolnikow schlägt Mutter Theresa. „Jeder Mensch ist ein Abgrund“ (Georg Büchner) ist die Devise, und Goethes „Faust“ wäre ohne den Teufel ein Langeweiler. Es braucht jenen Mephisto, der mit schon hegelianischer Dialektik sagt, er sei ein „Teil von jener Kraft, / Die stets das Böse will und stets das Gute schafft“. Was Doktor Faust als „Rätselwort“ bezweifelt, worauf der Teufel prompt bekennt: „So ist denn alles, was ihr Sünde, / Zerstörung, kurz, das Böse nennt, / Mein eigentliches Element.“

„Das Böse“ ist nun auch der Titel der jüngsten Sonderausgabe des in Berlin herausgegebenen „Philosophie Magazins“ (98 Seiten, 9,90 Euro). Die seit sieben Jahren jeweils zweimonatlich sowie mit jährlich zwei Extraausgaben erscheinende Zeitschrift erweist sich immer wieder als kluge Themenfinderin. Ihre Sonderhefte widmeten sich den griechischen Mythen, dem Koran, der Bibel oder auch dem Nationalsozialismus, „Star Wars“, den Existenzialisten oder dem Thema Wandern. Reguläre Ausgaben stellen Fragen der Art „Wo ist das Kind, das ich war?“, „Woher kommt das Neue?“ oder „Warum Freiheit?“.

Hartes Thema, weiche Optik

Das alles wird im besten Sinne populärwissenschaftlich verhandelt. Mit meist kurzen Essays, Interviews, vielen Bildern und Grafiken, garniert mit pointierten Zitaten, Thesen und Texten aus der Philosophiegeschichte. Vom platonischen Dialog bis zu Richard David Precht hat das „Philosophie Magazin“ so auch den Touch der angewandten Lebensweisheit; zudem verbinden sich durch ausgewählte Literaturhinweise sehr schnell Lese- und Lebenshilfe.

Weil „das Böse immer und überall“ ist, wie einst die österreichische Band Erste Allgemeine Verunsicherung gesungen hat, konnte das neue Heft nun gar nicht anders als aktuell sein. Auch wenn etwa der Fall Khashoggi mit seinen hochpolitischen, grausigen Knochensägeaspekten bei Redaktionsschluss noch nicht Realität war. Allerdings wirkt die Optik gegenüber der Thematik diesmal recht weich, ja, bisweilen idyllisch. Ein aufgeschnittener Apfel mit Himbeersoßenrot als Titelbild soll wohl die blutigen Folgen des biblischen Sündenfalls symbolisieren, ergibt aber nur ein harmloses Stillleben. Da hätte man sich eher einen Anthony Hopkins als Hannibal Lecter vorstellen können. Eine ikonische Fratze des Bösen. Und wenn es im Heftinneren um „Faszinierende Bösewichte“ geht, wäre Marlon Brando als Colonel Kurtz in „Apocalypse Now“ (basierend auf Joseph Conrads „Herz der Finsternis“, einer literarischen Höllenfahrt ins Reich des Bösen) gewiss diabolischer gewesen denn als „Der Pate“ im Frack.

Kernproblem der Philosophie

Trotzdem sind die Texte anregend, obwohl außer dem Holocaust und dem Foltersystem der Roten Khmer kaum unmittelbar zeitgeschichtliche Hintergründe näher thematisiert werden. Susan Neiman, amerikanische Philosophin, Direktorin des Potsdamer Einstein Forums und Autorin der 2004 bei Suhrkamp erschienenen Studie „Das Böse denken: Eine andere Geschichte der Philosophie“, sie erklärt die Reflexion über das Böse im Gespräch mit der Herausgeberin Cathrine Newmark zur Existenzfrage und damit zum Kernproblem der Philosophie. Martin Legros analysiert, wie Hannah Arendt mit Blick auf den Holocaust und seine Organisatoren, allen voran Adolf Eichmann, vom Begriff des „radikal Bösen“ (so Immanuel Kant) zur Formulierung der „Banalität des Bösen“ gelangte.

Mehr zum Thema

Wichtig ist hier allerdings: Die missverständliche Redewendung, entlehnt aus Arendts berühmtem Gerichts-Buch „Eichmann in Jerusalem“, meint tatsächlich die Banalität der Bösen, also von Figuren wie dem empathielosen Massenmordbürokraten Eichmann. Das Böse, ob anthropologisch triebbedingt (siehe Kant oder Freud) oder als erotisch-ästhetisches Faszinosum wie bei de Sade – es ist nicht banal. Sondern bleibt, das ahnte schon der Aufklärer Voltaire: fatal.

Mehr Kultur? Jeden Monat Freikarten sichern!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben