Literaturkolumne „Fundstücke“ : Kafka kompakt

Kafkas Aphorismen haben bislang kaum Beachtung gefunden. Der Literaturwissenschaftler Reiner Stach hat 109 von ihnen gesammelt und gebündelt veröffentlicht.

Bekanntheit erlangte Kafkas Satz „Ein Käfig ging einen Vogel suchen.“
Bekanntheit erlangte Kafkas Satz „Ein Käfig ging einen Vogel suchen.“Foto: Archiv

Alle kennen Kafka. Denkt man. Zumindest ist kein anderer Autor des 20. Jahrhunderts häufiger interpretiert worden, keiner hat mit seinem Namen noch posthum das leicht verquere Eigenschaftswort geliefert für eine in ihren Abgründen, Verstrickungen und Entfremdungen rätselhaft absurde Welt.

Doch neben den berühmten drei Romanen, seinen Erzählungen, Briefen und Tagebüchern sind Franz Kafkas Aphorismen im Ganzen eher unbekannt. Eher unergründet. Wohl nur einen aphoristischen Satz hat man schon häufig gelesen, er wird gerne zitiert: „Ein Käfig ging einen Vogel suchen.“

Jetzt freilich hat der Berliner Literaturwissenschaftler Reiner Stach, dem die Welt seine phänomenal spannende, dreibändige, zweitausend Seiten starke Kafka-Biografie verdankt, insgesamt 109 nummeriere Aphorismen herausgegeben und akribisch kommentiert unter dem Titel „Franz Kafka – ,Du bist die Aufgabe‘“. (Wallstein Verlag, Göttingen, 252 Seiten, 24 €)

Manchmal besteht so ein Aphorismus wie im Käfig-Vogel-Fall nur aus einem einzigen Satz. Wobei Kafka diese kurzen Texte nach dem ersten Ausbruch seiner schließlich tödlichen Tuberkulose-Erkrankung im Jahr 1917 während eines achtmonatigen Kuraufenthalts auf dem Hof seiner Schwester Otla im Dorf Zürau (heute Sirem) in Nordwestböhmen schrieb: mit Bleistift in zwei Quarthefte, die jetzt in der Bodleian Library der Universität Oxford aufbewahrt sind. Hinzu kommen aber noch über hundert kleine Notizzettel, auf denen Kafka Abschriften mit Korrekturen und Varianten notierte.

So erklärt Reiner Stach auch, dass der zitierte Satz im Oktavheft ursprünglich lautete: „Ein Käfig ging einen Vogel fangen.“ Erst beim Nachdenken wird einem klar, dass das vermeintlich dramatischere Verbum „fangen“ tatsächlich das schwächere ist. Die Korrektur in „suchen“ macht das imaginäre Bild offener und letztlich unheimlicher, weil es ein Gleichgewicht schafft zwischen Käfig und Vogel, der nun nicht mehr einseitig als Opfer erscheint. Freiheit und vielleicht schützender Freiheitsverlust können einander bedingen – wie, ganz aktuell gesprochen, Freiheit und Sicherheit keine absoluten Gegensätze sind.

Ein schrecklich schönes Gelände

In vielen dieser Notate geht es nicht nur um das Paradoxe oder Absurde. Kafka reflektiert vielmehr als Poet, hochintelligent dilettierender Philosoph und säkularer Theologe immer wieder die Relativität von Zeit und Raum, von Moral und Moralfreiheit (hier oft: das Gute und Böse), er spiegelt wie in verbalen Vexierbildern die Dialektik oder auch kategoriale Unvereinbarkeit von physischer Sinneswelt und imaginativer Geisteswelt. Die für ihn beide, wie schon in Platos Höhlengleichnis, die Realität konstituieren.

Zu Recht weist Stach in seinem Nachwort darauf hin, anders als Kafkas erzählende Prosa „belohnen“ die Aphorismen „nicht mit dem sinnlichen und ästhetischen Genuss einer ,Geschichte‘“. Doch: „Wer ihnen folgt, gerät in unvertrautes, bisweilen unwirtliches, dann wieder schrecklich schönes Gelände.“

Halblichter und Halbschatten

Der Band veranschaulicht nicht nur die philologische Komplexität angesichts von Kafkas wohl für ihn selbst nur noch schwer lesbarem, gleichwohl motivisch verwertbarem Bleistiftgekritzel in den Heften oder auf den späteren Zetteln – wovon einige Faksimile-Illustrationen der Manuskripte einen guten Eindruck geben. Und gewiss, die oft auch humoristischen Geistesblitze, die das Genre „Aphorismus“ bei Autoren wie Lichtenberg, Oscar Wilde oder Karl Kraus verheißt, bleiben hier meist aus.

Es handelt sich um Schattierungen, Halblichter, Halbschatten. Auch ist der titelgebende Satz „Du bist die Aufgabe“ für sich allein als existenzielle Herausforderung noch nicht so ohne Weiteres einleuchtend. Tankred Dorst schrieb da einmal plastischer: „Wir sind nicht die Ärzte, wir sind der Schmerz.“ Was natürlich von jenem Kafka stammen könnte, der hier im Aphorismus Nr. 1 formulierte: „Der wahre Weg geht über ein Seil, das nicht in der Höhe gespannt ist, sondern knapp überm Boden. Es scheint mehr bestimmt stolpern zu machen, als begangen zu werden.“ Also doch auch: eine kurze Geschichte. Zum langen Leben. Man muss das wohl mehrfach lesen, um ahnungsvoll zu begreifen.

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