• "Living in a Ghost Town" auf Platz eins der Charts: Warum die Rolling Stones nun unstrittig die beste Band aller Zeiten sind

"Living in a Ghost Town" auf Platz eins der Charts : Warum die Rolling Stones nun unstrittig die beste Band aller Zeiten sind

Seit einer Woche thronen die Rolling Stones in den Charts dort, wo sie hingehören. Wer ihren neuen Song analysiert, merkt, warum. Eine Würdigung.

Die Rolling Stones, hier bei ihrem Konzert 2014 in der Waldbühne, liegen derzeit auf Platz eins der deutsche Single-Charts.
Die Rolling Stones, hier bei ihrem Konzert 2014 in der Waldbühne, liegen derzeit auf Platz eins der deutsche Single-Charts.Foto: DPA

Am Freitag geht eine denkwürdige Woche in den deutschen Single-Charts zu Ende. Blickt man auf die Plätze vier bis zwei, waren dort seit vergangenem Freitag mit den Rappern und Produzenten Ufo361, Jawsh 685 und Miksu/Macloud junge Tik-Tok-taugliche Künstler zu finden, die vielen Musik-Liebhabern jenseits der 30 vermutlich wenig sagen.

Auf Platz eins allerdings thront eine Band, die solche Altersgrenzen in ihrer Zuhörerschaft schon lange nicht mehr kennt: Die Rolling Stones. Mit ihrer Single „Living in a Ghost Town“ haben sie es tatsächlich 52 Jahre nach ihrem bislang letzten Nummer-eins-Hit („Jumpin’ Jack Flash“, 1968) in Deutschland wieder an die Spitze der Charts geschafft.

Ihr lyrisch auf den Corona-Lockdown abzielender Song bringt den Stones gleich zwei Rekorde ein. Zum einen sind sie nun nicht nur die älteste Band, die jemals an dieser Position stand; fast schon logischerweise gab es auch noch keine Künstler, die so lange Zeit nach einer Spitzenplatzierung erneut auf Platz eins landeten. Und es wohl unstrittig, dass niemandem diese Rekorde eher gebühren als den Rolling Stones.

"Living in a Ghost Town" zeigt, warum die Stones Erfolg haben

Denn mag „Living in a Ghost Town“ zwar die filigrane Simplifikation früherer Stones-Klassiker abgehen, so lässt sich an dem Song doch exemplarisch durchdeklinieren, was die Band über fast 60 Jahre so erfolgreich am Leben gehalten hat. Da wäre zum einen als Grundlage eine eingängige Hook; früher gerne von Keith Richards Open-G-Stimmung, im Falle von „Ghost Town“ allerdings eher von Mick Jaggers Hymnen-artigem Gesang getragen.

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Zum anderen verlieren sich die Stones nie in perfektionistischen Kompositionen. Die Einwürfe von Keith Richards und Ron Wood wirken improvisiert, ja dahingespielt – und werden vermutlich niemals wieder so klingen, wie auf der nun festgehaltenen Single. Das macht ihren Zauber aus; vor allem aber den ihrer Live-Auftritte, die ja stets neue Interpretationen statt purer Wiederholung ihres eigenen Werkes sind.

Und wenn Mick Jagger energetisch von den Vor-Corona-Zeiten singt, „nobody was caring if it’s day or night“, dann kommt wohl keine Generation umhin, zu bemerken, dass keine Stimme die spannungsgeladene Verruchtheit einer stimmungsvollen Nacht so transportieren kann wie diese.

Mick Jagger, der Unternehmer

Doch die Rolling Stones sind nicht nur Band, sondern auch Unternehmen. Nachdem sie in den 1960er Jahren von ihrem Manager übers Ohr gehauen wurden, nahm der ehemalige Wirtschaftsstudent Mick Jagger die Sache selbst in die Hand und führte die Stones auch unternehmerisch in der Pop-Welt bislang unbekannte Sphären.

Während der Coronakrise auf die Idee zu kommen, einen Coronasong zu schreiben, ist zwar wenig originell. Die Art, wie Jagger das umgesetzt hat, zeigt jedoch, dass der Marketing- und Geschäftsmann, der die Stones über Jahre auch ohne nennenswerte Charterfolge groß gehalten hat, mit fast 77 Jahren noch immer hellwach ist. Sie hätten ja eh an Songs für ein neues Album gearbeitet, erklärte der Sänger die Entstehung von „Ghost Town“. Da habe er einfach einen der Songs genommen, ein paar Textzeilen umgeschrieben – und fertig war der Coronasong. Eine Hands-On-Mentalität, die sich nun auszahlt.

Und hatte hier eigentlich jemand suggeriert, die Stones seien nicht Tik-Tok-tauglich? Charlie Watts' Performance bei einem virtuellen Wohnzimmer-Konzert vor ein paar Wochen sprach da eine andere Sprache. Statt auf einem Schlagzeug trommelte er dort mit verschmitztem Lächeln auf Koffern herum; wo Becken zum Einsatz hätten kommen müssen, tippte er mit den Drumsticks in die Luft. Der Sound war Playback.

Die Stones sind eben noch immer ihrer Zeit voraus. Während andere noch Lip-Sync machen, sind sie schon bei Drum-Sync. Vielleicht ja auch noch eine Woche länger auf Platz eins der Charts.

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