"Local Histories" im Hamburger Bahnhof : Körper wollen frei sein

Von Donald Judd über Bruce Naumann bis zu Beuys und Cindy Sherman: Der Hamburger Bahnhof zeigt "Local Histories".

Werk von Lee Bontecou, entstanden 1960.
Werk von Lee Bontecou, entstanden 1960.Foto: bpk / Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie / 2018 Lee Bontecou

Schichten aus Stahl, mit Leinwand überzogen, wölben sich in den Raum hinein. In der Mitte ist der Panzer gesprengt, hier klafft ein Krater, so dunkel, als sei er von unendlicher Tiefe. Das Relief der amerikanischen Künstlerin Lee Bontecou gab den Ausschlag für die Ausstellung „Local Histories“ im Hamburger Bahnhof. Denn es gehörte zu den Werken, die Donald Judd 1964 in seinem Jahresrückblick als bahnbrechend hervorhob, weil sie die Grenzen zwischen Malerei und Skulptur auflösten.

Heute befindet sich Lee Bontecous Relief in der Sammlung der Nationalgalerie. Deshalb hatte die Kuratorin Matilda Felix die Idee, Donald Judds Essay „Local History“ als Ausstellung abzubilden. Die Besucher und Besucherinnen werden jetzt Zeugen, wie eine völlig neue Kunst entsteht. Eine Kunst, die sich von der puren Malerei der abstrakten Expressionisten mit ihrer Sehnsucht nach Transzendenz verabschiedet. Eine Kunst, die sich dem Alltag, dem Material, der Natur, der Aktion zuwendet. Oder – wenn man die Kategorien verwendet, gegen die sich Donald Judd in seinem Aufsatz wehrt – die Ausstellung rekonstruiert den Nährboden, aus dem Fluxus, Minimal Art, Pop und Happening entstehen.

Dabei kann Matilda Felix aus den Beständen der Nationalgalerie und der Friedrich Christian Flick Collection schöpfen. Der Sammler hat dem Museum inzwischen 268 Werke geschenkt, darüber hinaus stehen dem Hamburger Bahnhof rund 1500 Arbeiten als Leihgaben zur Verfügung. Für die mehrdimensionale Schau verknüpft Matilda Felix die Kunstzentren New York, Los Angeles und Düsseldorf. Sie zeigt die Verflechtungen und wechselseitigen Einflüsse und präsentiert die Friedrich Christian Flick Collection von einer ganz anderen Seite. Nicht die kraftstrotzenden Rauminstallationen der neunziger Jahre beherrschen die Rieckhallen. Stattdessen lernen die Besucher die tastenden Experimente der sechziger und siebziger Jahre in ihrer Entstehung kennen. In den Anfängen tritt offen zutage, was der spätere Ruhm wieder verbirgt, der Einfluss der anderen.

Die ersten Räume spiegeln Donald Judds Hitliste wider

„Local Histories“ ist eine Ausstellung über Kommunikation, Austausch und Kooperation. Die ersten Räume spiegeln Donald Judds Hitliste wider. Dazu gehört Josef Albers, bei dem die Farbe in den Raum hineinwirkt, dazu gehört die skulpturale Leinwand von Frank Stella, das zerknautschte Blechschrott–Monument von John Chamberlain, aber auch die unauffällige Randbemerkung von Robert Morris aus fließendem grauen Filz. Direkte Nachbarn im wirklichen Leben waren George Segal und Allan Kaprow, erzählt Matilda Felix. George Segal hatte die Hühnerfarm seiner Eltern im US-Bundesstaat New Jersey geerbt. Hier veranstaltete Allan Kaprow seine allerersten Happenings. Auch sie entstanden aus der Malerei, wie die lebenslustige Collage von 1956 „Caged Pheasant #1“ beweist. „Call George“ steht in dem Bild vom eingesperrten Fasan, gemeint ist George Segal. In der gleichen Zeit, in der sich das Bild von der Wand löst und das Denkmal den Sockel verlässt, überwindet das Happening die Schranke zwischen Bühne und Publikum, die Aktion wird in den Kreis der Zuschauer hineingetragen.

Faszinierend klar wird auch, wie sich in Los Angeles die deftige Körperkunst von Paul McCarthy aus einer puristischen Form entwickelt, einem Röhrensystem in Gestalt des Buchstabens H. Die Tunnel sind gerade groß genug, um sich hindurchzuzwängen, die minimalistische Anordnung hat etwas Leibliches, erinnert aber auch an die Raumerkundungen von Bruce Nauman.

Ein großer Überwachungsraum von Bruce Nauman mit vier engen Korridoren bildet die Brücke zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland. Denn die Düsseldorfer „Local History“ rankt sich um den Künstler Konrad Lueg, der gemeinsam mit den drei DDR-Flüchtlingen Gerhard Richter, Sigmar Polke und Manfred Kuttner die westdeutsche Variante der Pop-Art begründete, den Kapitalistischen Realismus. Alle vier waren Schüler des 1914 in Aachen geborenen Malers und Lyrikers Karl Otto Götz. Auch hier bezirzen wieder die Frühwerke. Wie Keimzellen wirken Gerhard Richters zartgraue Gemälde von den Falten eines Vorhangs. Das Motiv verrät schon viel über Gerhard Richters Strategie, durch gezieltes Verschleiern zu enthüllen.

Ein Raum ist Galeristin Monika Sprüth gewidmet

Konrad Lueg gründete in Düsseldorf unter seinem bürgerlichen Namen Konrad Fischer eine Galerie und holte als einer der Ersten die jungen amerikanischen Künstler nach Deutschland. Hier lernte wiederum die Bildhauerin Isa Genzken die Arbeitsweise von Bruce Nauman kennen. In einer Performance ohne Publikum wiederholte sie in der Galerie Konrad Fischer seine Handlungsanweisungen und notierte ihre Wirkung. Später setzte Genzken sich in ähnlicher Weise den körperlichen Erfahrungen der Großstadt aus. Konrad Fischer machte auch den amerikanischen Land-Art-Künstler Robert Smithson mit dem Fotografen-Ehepaar Bernd und Hilla Becher bekannt. Während Smithson Bodenproben von einem Bergbaugebiet nahe Oberhausen nahm, dokumentierten die Bechers die Fördertürme. Jetzt erden Robert Smithsons rustikale Kisten mit Geröll die strenge Bildsprache der Fotografie.

Weil die Nationalgalerie und die Friedrich Christian Flick Collection etwas schwach auf der Brust sind, wenn es um Arbeiten von Künstlerinnen geht, widmet Matilda Felix einen Raum der Galeristin Monika Sprüth. Unter dem Label „Eau de Cologne“ stellte sie früh Künstlerinnen wie Cindy Sherman oder Jenny Holzer dem deutschen Publikum vor. „Gib acht auf den Moment, wenn Stolz sich in Verachtung wandelt“ – wie einen Axthieb schmettert Barbara Kruger diesen Satz auf das Foto von einer aufgeschnittenen Salami.

Auch wenn viele Werke abstrakt wirken, haben sie doch als sehr konkreten und physisch erfahrbaren Hintergrund die Emanzipationsbestrebungen der sechziger und siebziger Jahre. In den meisten Arbeiten geht es um die Freiheit des Körpers im gesellschaftlichen Raum, um den Widerstand gegen die subtilen Manipulationen der Werbung und die Verführungen des Kapitalismus, um die Demokratisierung der Kunst. In einer pompösen Gegenwart, die dem autoritären Charakter wieder Platz einräumt, rückt diese karge Kunst der Ebenbürtigkeit ganz nah.

Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Invalidenstraße 50/51, bis 29.9.; , Di bis So 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa/So ab 11 Uhr

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