Lona Rietschel : Abrafaxe-Zeichnerin im Alter von 84 Jahren gestorben

Sie hat Generationen von Kindern in der DDR die Weltgeschichte erklärt: Zum Tod der "Mutter der Abrafaxe", Comic-Zeichnerin Lona Rietschel.

Frank Herold
Lona Rietschel, Schöpferin der beliebten Figuren der Abrafaxe.
Lona Rietschel, Schöpferin der beliebten Figuren der Abrafaxe.Foto: Hubert Link/dpa

Lona Rietschel hat Generationen von Kindern in der DDR die Weltgeschichte erklärt. So ganz stimmt das natürlich nicht. Um in den Genuss ihrer ganz speziellen, liebevoll und detailreich gezeichneten Welterklärungen zu gelangen, musste man zunächst einmal zu den Glücklichen gehören, die einmal im Monat das Comic-Magazin „Mosaik“ ergatterten. Dafür gestaltete Lona Rietschel die Figuren: anfangs die von Hannes Hegen erfundenen Digedags und dann die Abrafaxe. Und schließlich war Lona Rietschel nicht die einzige Welterklärerin, die für die Verlag „Junge Welt“ erscheinenden Hefte tätig war. Lange tauchte ihr Name auf dem Umschlag überhaupt nicht auf. Sie verschwand in einem anonymen „Mosaik-Kollektiv“.

Lona Rietschel – 1933 in Reppen, dem heutigen Rzepin geboren – hatte 1960 als Zeichnerin bei dem Magazin angefangen. Gelernt hatte sie Modezeichnerin und und Trickfilmerin. Das „Mosaik“ erschien mit einer für DDR-Verhältnisse angesichts der staatlich festgelegten Papierkontingente gewaltigen Auflage. Am Ende der 80er Jahre waren es rund eine Million Exemplare jeden Monat. Und dennoch konnten die meisten Leser von einem Abonnement nur träumen. Selbst Beziehungen halfen wenig. Man musste genau wissen, wann das neue Heft erschien, denn am Kiosk war das „Mosaik“ Bückware.

Die Abrafaxe, die Lona Rietschel gemeinsam mit Lothar Dräger Mitte der 1970er Jahre für das „Mosaik“ entwickelte, waren eher schlichte Charaktere: Abrax der Mutige, Bebrax der Intellektuelle, Califax der gemütliche Hedonist mit Bauchansatz. Die Drei zogen mit wachem Blick durch die Zeiten und erlebten dabei ihre unglaublichen Abenteuer immer nah am tatsächlichen Verlauf der Geschichte. Da machte es überhaupt nichts, dass es zwischendurch wüste Zeitsprünge gab: Nach einem Dutzend Heften, die im 17. Jahrhundert spielten, ging es mit scharfem Schnitt zurück auf dem Zeitstrahl ins 15. und dann einige Ausgaben später ins Mittelalter.

Ausflüge in die Weltgeschichte - weitgehend ideologiefrei

Die Abrafaxe reisten durch Länder und Regionen, die für DDR-Kinder (und natürlich auch für ihre Eltern) unerreichbar bleiben mussten: Dalmatien, Venedig, Bayern, Frankreich. Erst im Abstand von drei Jahrzehnten fällt auf, dass die Geschichte des Osten und Südostens von Europa, dass also jene Länder, die auch für DDR-Bürger erreichbar waren, damals im „Mosaik“ nicht vorkamen. Aber das kam einem seinerzeit nicht in den Sinn. Ebenso wenig, wie man nicht auf die Idee kam, die Eltern danach zu fragen, wann man denn mal in Venedig Urlaub machen könnte, um auf den Spuren der Abrafaxe zu wandeln.

Es ist heute müßig darüber zu spekulieren, ob sich die Macher darüber Gedanken machten, unerfüllbare Wünsche zu wecken. Aber sie brachten das Kunststück fertig, ihre Ausflüge in die Weltgeschichte weitgehend ideologiefrei zu erzählen. Vielleicht deshalb hat so manch einer aus den schmalen, 20-seitigen Heftchen, das für 60 Pfennig zu haben war, mehr gelernt als aus den Geschichtsbüchern für die Schule. Die Abrafaxe weiteten den Horizont wie es zuvor die Digedags getan hatten. Lona Rietschel arbeitete schon seit 1990 nicht mehr an den monatlichen Heften mit. Manchmal noch gestaltete sie die Umschläge für Sammelbände. Am Dienstag ist sie, 84-jährig, in Berlin gestorben.

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